Hintergrund

Krank wegen Stress beim Job? Die Firma haftet

Nach den Fällen von Managersuiziden steht das Thema Stress am Arbeitsplatz im Vordergrund. Unternehmen stehen in der Verantwortung – Juristen beklagen allerdings einen Mangel.

Der Arbeitgeber muss seine Angestellten schützen, wenn sie unter übermässiger Belastung leiden.

Der Arbeitgeber muss seine Angestellten schützen, wenn sie unter übermässiger Belastung leiden. Bild: Martin Rütschi/Keystone

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Übermässiger Stress am Arbeitsplatz verursacht Zusatzaufwand und Kosten für die Arbeitgeber. Denn wenn Mitarbeitende ausfallen, sind sie zur Lohnfortzahlung verpflichtet und sie müssen für einen Ersatz sorgen, wenn der Angestellte länger arbeitsunfähig bleibt.

Darüber hinaus können Unternehmer auch zu Entschädigungszahlungen verpflichtet werden. Denn sie haften für den materiellen und immateriellen Schaden, den Arbeitnehmende wegen Überforderung erleiden. Arbeitsrechtler sprechen in diesem Zusammenhang von Stresshaftung.

So musste ein welsches Unternehmen einer Ausbildnerin eine Genugtuung von 10'000 Franken zahlen. Der Betrieb habe die Mitarbeiterin mit überzogenen Umsatzvorgaben unter permanenten Leistungsdruck gesetzt, was bei ihr eine schwere Depression auslöste und schliesslich zur Arbeitsunfähigkeit führte, urteilte das Bundesgericht im Jahr 2005 (Urteil 4C.24/2005).

In einem andern Fall sprach die Genfer Cour d’Appel des Prud’Hommes im Februar 2008 einem ehemaligen Angestellten eines Genfer Luftfahrtunternehmens eine Genugtuung von 7500 Franken zu, weil der chronische Personalmangel im Betrieb den Mitarbeiter permanent überforderte, sodass dieser in der Folge psychisch erkrankte.

Mobbing statt Stress

Beide Urteile liegen bereits ein paar Jahre zurück. Dennoch sei bis heute kaum bekannt, dass Arbeitgeber für die Überforderung ihrer Mitarbeitenden haftbar gemacht werden können, bestätigt Wolfgang Portmann. Der Professor für Arbeitsrecht an der Universität Zürich hat das Phänomen Stresshaftung vor ein paar Jahren untersucht. Der Begriff werde jedoch in der Rechtsprechung gar nicht verwendet. So seien Stresshaftungsfälle teilweise von den Gerichten unter dem Aspekt des Mobbings behandelt worden. «Dabei zielt Mobbing eher auf das Ausgrenzen eines Mitarbeiters, während Stress das Auspressen der Arbeitskraft beinhaltet.»

Ob es neuere Urteile zur Stresshaftung gibt, lasse sich mangels aktueller Untersuchungen nicht sagen, so Portmann weiter. Zwar haben Gerichtsfälle wegen Mobbings in jüngster Zeit stark zugenommen, und so ist anzunehmen, dass sich darunter weitere Fälle befinden, bei denen es gar nicht um Mobbing, sondern um Stresshaftungsfälle ging. Rechtsprofessor Portmann plädiert deshalb für eine Differenzierung der Begriffe in der Rechtsprechung: Das würde Klarheit schaffen und das Bewusstsein für die Stresshaftung in der Arbeitswelt fördern.

Beweispflichtig sind Angestellte

Wollen Arbeitnehmende den Arbeitgeber haftbar machen, müssen sie jedoch nicht nur nachweisen, dass sie einen Schaden erlitten haben, sondern auch belegen, dass dieser wegen des arbeitsbedingten Stresses entstanden ist. Das ist oft sehr schwierig, zumal Stress meist mehrere Ursachen hat. Zudem haftet der Arbeitgeber nur, wenn er seine Fürsorgepflicht verletzt hat. Also wenn er Stress verursachende Arbeitsbedingungen geschaffen und dadurch seine Angestellten nachhaltig überlastet hat. Nicht jede vorübergehende Stresssituation ist jedoch gleich gesundheitsschädigend. Auch können manche Arbeitnehmende eine übermässige Belastung selbst auf längere Zeit schadlos überstehen, andere nicht. Wo also ist die Grenze des Zulässigen? Experte Portmann: «In einem Team mit unterschiedlich leistungsfähigen Mitarbeitenden muss der Arbeitgeber Rücksicht nehmen auf jene, die weniger belastbar sind.» Selbst wenn 4 von 5 Personen in einem Team keine Probleme haben, «so darf dies nicht als Entschuldigung für den Arbeitgeber dienen, nichts zu tun». Vielmehr müsse er intervenieren und denjenigen schützen, der unter der übermassigen Belastung leide, um einen Gesundheitsschaden zu vermeiden.

Für die Stresshaftung braucht es schliesslich auch ein Verschulden des Arbeitgebers, das heisst, die Überforderung muss für den Chef vorhersehbar sein. Das ist zum Beispiel bei chronischem Personalmangel der Fall, weil da offensichtlich ist, dass die Arbeit nur unter dauernder Überforderung der Mitarbeitenden zu leisten ist.

Weiss der Chef nichts von einer Überforderung seiner Untergebenen und gibt es auch keinerlei Anhaltspunkte dafür, so könne der Arbeitgeber laut Portmann auch nicht haftbar gemacht werden. Der Experte rät deshalb den Arbeitnehmenden, zu melden, wenn sie unter einer anhaltenden Überlastung leiden. Tun sie das nicht, riskieren sie, wegen Mitverschuldens eine geringere oder gar keine Entschädigung zu erhalten.

Genugtuung oft tief

Viel Geld können erkrankte Arbeitnehmende jedoch kaum erwarten. Die Höhe der Genugtuung hängt zwar von der Schwere der Beeinträchtigung ab. Doch bei psychischen Erkrankungen, wie sie als Folge von Stress typisch sind, sind die von den Gerichten gesprochenen Summen oft relativ tief, wie auch die eingangs erwähnten Beispiele zeigen.

Bleiben Arbeitnehmer jedoch auch nach dem Ende der Lohnfortzahlung des Arbeitgebers arbeitsunfähig und erleiden dadurch einen Einkommensverlust, hat der Arbeitgeber auch dies zu entschädigen.

Der arbeitsbedingte Stress kann die Unternehmen letztlich also teuer zu stehen kommen. Nur schon aus eigenem Interesse seien Arbeitgeber deshalb gut beraten, so Portmann, die Belastung ihrer Mitarbeitenden regelmässig zu prüfen und alles Notwendige zu tun, um übermässigen Stress zu verhindern.

Erstellt: 09.09.2013, 07:55 Uhr

Im Umgang mit Stress sind viele Arbeitgeber hilflos

Es reicht nicht, überforderte Mitarbeiter einfach zum Masseur zu schicken.

Das Bewusstsein und die Sensibilität für Stress seien in den letzten Jahren in den Unternehmen klar gewachsen, sagen vom TA befragte Fachleute. In der Praxis gebe es jedoch im Umgang mit Stress grosse Unterschiede. Während die einen Arbeitgeber die Stressbekämpfung professionell angingen, seien viele andere hilflos und schickten ihre überlasteten Angestellten einfach zum Masseur oder ins Entspannungstraining, sagt Dieter Kissling, Leiter des Instituts für Arbeitsmedizin (IFA). «Solche Einzelaktionen sind nicht nachhaltig.» Für eine wirksame Bekämpfung von Stress brauche es ein Gesamtkonzept, das ein Intervenieren auf verschiedenen Ebenen vorsehe.

Zu einem Gesamtkonzept gehört etwa das regelmässige Überprüfen der vorhandenen Belastungen im Betrieb. Bewährt hat sich dabei die Befragung der Mitarbeiter, wie es das Instrument STool der Gesundheitsförderung Schweiz bietet (www.s-tool.ch).

Für den Abbau von Stress gibt es schliesslich zwei Möglichkeiten: entweder die belastenden Faktoren verringern oder die entlastenden Faktoren verstärken, sagt Lukas Weber von Gesundheitsförderung Schweiz. Angenommen, die Befragung im Unternehmen ergibt, dass die Angestellten unter einer zu grossen Arbeitsmenge litten, so wäre es naheliegend, diese zu verringern. Sei dies nicht möglich, so lässt sich laut Weber die Überbelastung auch mildern, indem der Arbeitgeber etwa die Arbeit anders organisiert oder die Wertschätzung gegenüber den Mitarbeitenden verbessert.

Führungskräfte auf sich gestellt

Unerlässlich für einen erfolgreichen Umgang mit Stress sind auch eine Unternehmenskultur und ein Führungsstil, die es Arbeitnehmern erlauben, ihre Probleme zur Sprache zu bringen.

Die Führungskräfte selbst bleiben jedoch oft auf sich gestellt. Wird der Druck zu gross und suchen sie Hilfe im Unternehmen selbst, riskierten sie, ihre Führungsfähigkeiten und damit auch sich selbst infrage zu stellen, sagt Norbert Semmer. Der Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie der Uni Bern rät Entscheidungsträgern, sich mit Familie, Freunden oder einem persönlichen Coach eine geschützte Situation ausserhalb des Betriebs zu schaffen, wo sie Probleme diskutieren und Handlungsstrategien entwickeln können. Um das Bewusstsein für den Stress von Managern zu fördern, wäre es laut Semmer jedoch wünschenswert, wenn der eine oder andere offen zu seiner Überlastung stehen würde.

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