Kuscheln auf Schienen

Heute fährt der Kuschelwagen der SBB zwischen Basel und Locarno. Er ist Teil der Kampagne «Verliebt in den Frühling». Schon früher versuchten sich ÖV-Betriebe als Kupplerinnen – mit mässigem Erfolg.

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Nach Starbucks-, McDonald’s-, Familien- und Speisewagen haben die SBB nun einen neuen Spezialwagen auf die Schiene gebracht: den Kuschelwagen, der in den Leserkommentaren für angeregte Debatten sorgt. Er ist Teil der Kampagne «Verliebt in den Frühling», zu der auch eine Kussaktion am Bahnhof Basel von letzter Woche gehörte. Der Kuschelwagen (siehe Bildstrecke) fährt heute Freitag seit 7.04 Uhr je zweimal von Basel nach Locarno und zurück, weitere Fahrten sind nicht geplant. Er ist laut SBB «mit einer gemütlichen Wohneinrichtung» von Ikea Schweiz ausgestattet und soll den Leuten die Möglichkeit geben, «ihre Frühlingsgefühle auszuleben».

Frühlingsgefühle, wie sie teils im Thermalbad auf dem Zürcher Hürlimann-Areal zutage treten? Bedenken, dass es im Kuschelwagen allzu wild zu- und hergehen könnte, versucht SBB-Marketingleiterin Myriam Siksou zu zerstreuen. «Wir gehen davon aus, dass die Leute wissen, wo die Grenzen des guten Geschmacks sind. Der Kuschelwagen soll einfach eine Feelgood-Zone sein», so Siksou gegenüber dem «Blick». Ein allzu intensiver Austausch von Zärtlichkeiten wird wohl ohnehin nicht möglich sein: Die SBB haben diverse Mitarbeiter aufgeboten, die an Bord für Kundenfragen zur Verfügung stehen.

Sich selber um «Verkehrsfragen» kümmern

Schon in der jüngeren Vergangenheit versuchten die SBB, ihre Kunden einander näherzubringen. Mit der App «SBB Connect» konnten sich Passagiere virtuell in ihre Zugfahrt einchecken und dabei mit anderen eingecheckten Personen in Kontakt treten – bis hin zum Treffen im Zug und anderswo. Doch wegen bescheidener Nutzerzahlen wurde die App im letzten November wieder eingestellt.

Auch andere ÖV-Betriebe versuchten sich in den letzten Jahren mehrmals als Kuppler – jedoch mit mässigem Erfolg. So nahm die Deutsche Bahn ihr Flirtforum kürzlich vom Netz. Und die 2012 lancierte Plattform der Verkehrsbetriebe Zürich (VBZ) wird laut Radio SRF ebenfalls in sehr begrenztem Masse genutzt. «Es gibt gewisse Verkehrsfragen, um die wir uns lieber selber kümmern», sagte jüngst eine Reporterin von Radio SRF 3 in einem Beitrag.

Gesprächsstoff dank Kuschelwagen

Tatsächlich fragt es sich, ob der öffentliche Verkehr überhaupt nachhelfen muss, wenn es darum geht, Leute kennen- und liebenzulernen – so romantisch und kuschelig der Kuschelwagen der SBB sein mag. Denn es gibt zahlreiche schöne Geschichten, wie sich Leute im ÖV nähergekommen sind – ganz ohne Kuppelhilfe. Beispiele liefert die SBB gleich selbst, die ihre Kunden im Zuge der Frühlingsaktion dazu aufforderte, ihre Kennenlerngeschichten einzusenden.

Die einzige verkuppelnde Wirkung des Kuschelwagens dürfte darin bestehen, dass er für Gesprächsstoff sorgt und sich die beteiligten Leute vielleicht später wiedersehen. Und einige eine Stosszeit nach der Stosszeit feiern. Ansonsten dürfte der Kuschelwagen eher wie ein verfrühter Aprilscherz wahrgenommen werden. Was die meisten ÖV-Kunden in erster Linie wollen, ist die pünktliche Reise von A nach B – möglichst mit Sitzplatz – und dass sie dabei ihre Ruhe haben.

(Erstellt: 27.03.2015, 15:12 Uhr)

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