Lasst es wuchern, Ladies

Behaarung, Fettpolster, Menstruationsblut: Elisabeth Lechner forscht darüber, warum der Frauenkörper als eklig gilt – sie stellt eine Veränderung fest.

Unfassbar, aber wahr: Auch Frauen haben Achselhaare. Foto: Getty Images

Unfassbar, aber wahr: Auch Frauen haben Achselhaare. Foto: Getty Images

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Blut ist rot, das wissen eigentlich alle. Geht es aber um Menstruationsblut, gelten die Gesetze der Natur offenbar nicht. Wenn in Werbespots Blut auf eine Binde geleert wird, ist es immer blau. Doch nun hat die australische Hygieneartikel-Marke Libra mit dieser sauberen Tradition gebrochen.

In einer kürzlich geschalteten TV-Werbung kippte sie rote Flüssigkeit auf die Binde und zeigte sogar eine Frau unter der Dusche, der rotes Blut am Bein herunterläuft. Ein Tabubruch – mit Nachspiel: Die realistische Darstellung hat die Zuschauerinnen und Zuschauer so sehr schockiert, dass beim Werberat über 600 Beschwerden eingingen: Die Bilder seien unangemessen, beschämend, eklig.

Periodenblut ist in dieser Werbung nicht blau, sondern rot. Video: Libra

Die Kommentare lassen tief blicken. Offenbar ist es auch in der Post-#MeToo-Ära inakzeptabel, zu zeigen, dass über die Hälfte der Bevölkerung jeden Monat blutet, damit sich die Menschheit fortpflanzen kann. Wie kann das sein? Elisabeth Lechner überrascht die Heftigkeit der Reaktionen nicht. Die 29-Jährige befasst sich im Rahmen ihrer Dissertation an der Universität Wien mit dem Thema «eklige» weibliche Körper und forscht unter anderem über Menstruationsscham.

«Ekel wird genauso wie Schönheit in grossen Teilen gesellschaftlich erlernt. Wer nicht in die Norm passt, wird diskriminiert», so Lechner. Mit weiblichen Körpern ist unsere Gesellschaft besonders streng. Fettpolster, Behaarung, Körperflüssigkeiten, ja sogar zu viel oder zu wenig Schminke reichen aus, um Frauen aufs Übelste zu beschimpfen und abzuwerten. «Gerade in den sozialen Medien werden sie sehr schnell Opfer von Gewalt, wenn sie nicht ins Schönheitsideal passen», sagt Lechner.

Gewaltandrohung wegen Beinbehaarung

Wie schnell sogar normschöne Frauen mit ihrem Äusseren Grenzen überschreiten können, musste das schwedische Model Arvida Byström erfahren. Die 26-Jährige, die mit ihren blonden Haaren und schlanken Proportionen bestens dem westlichen Idealtyp entspricht, liess sich vor zwei Jahren für eine Kampagne von Adidas mit unrasierten Unterschenkeln ablichten – weil sie sich für eine selbstbestimmte Weiblichkeit starkmacht und Adidas genau dieses Image promoten wollte. Für viele war das ein absoluter Affront. Byström wurde in den sozialen Medien mit Hassbotschaften fertiggemacht, manche drohten ihr sogar mit einer Vergewaltigung. Wegen ein paar Haaren auf dem Schienbein.

Für Elisabeth Lechner ist dieses drastische Beispiel sehr typisch: «Wenn Frauen ihre eigenen Schönheitskonzeptionen entwerfen, erregt das nach wie vor unfassbaren Widerstand.» Vor Anfeindungen seien nicht einmal Normschönheiten wie Byström gefeit. «Sie geniesst dank ihres Aussehens viele Privilegien, aber auch sie kann Gewalt erfahren, wenn sie eklig wirkt.» Allerdings könnte Byström «ihren Makel» innert 30 Sekunden aus der Welt schaffen, indem sie sich die Beine rasiere. «Viele andere Frauen können das nicht.»


«Schönheitsarbeit ist notwendiger denn je, um im Leben erfolgreich zu sein.»
Elisabeth Lechner, Universität Wien

Laut Lechner werden die Anforderungen ans Aussehen immer höher, die Grenzen, was noch schön und was schon eklig ist, immer enger. «Auch Anwältinnen oder Managerinnen, deren Kompetenzen im Gegensatz zu Models nichts mit ihrem Aussehen zu tun haben, müssen das richtige Styling haben, wenn sie in ihrem Job ernst genommen werden wollen.» Diese zunehmende Schönheitsarbeit als oberflächliche Beschäftigung abzutun, wäre jedoch falsch. Denn Studien belegen: Wer als schön gilt, wird eher eingestellt, schneller befördert, höher entlohnt. «Schönheitsarbeit ist also notwendiger denn je, um im Leben erfolgreich zu sein», so Lechner.

Doch langsam regt sich Widerstand. Die vor einigen Jahren entstandene Bodypositivity-Bewegung ist der Gegenentwurf zum Beauty-Diktat. Mittlerweile lassen in den sozialen Medien Millionen von Influencerinnen stolz ihre Bäuche schwabbeln, manche setzen ihre Achselhaare fotogen in Szene, andere zeigen sich ungeniert mit Pickeln auf der Nase und Dellen in den Oberschenkeln. Klar, springen auch Unternehmen wie Adidas auf die Bodypositivity-Welle auf, um ihr Image als fortschrittliches, frauenfreundliches Unternehmen zu unterstreichen.

Tampons sind in der Schweiz Luxusgut

Für Lechner ist der Schulterschluss zwischen Feminismus und Wirtschaft nicht per se negativ. «Über starke Marken kann man in der Öffentlichkeit Themen platzieren. Die eine oder andere Werbung hat sicher dazu beigetragen, dass über Körpernormen diskutiert wird.» Als positive Beispiele nennt die Wissenschaftlerin die US-Firma Billie oder das Berliner Unternehmen Einhorn.

Letzteres verpackt seine Menstruationsartikel so bunt und so auffällig bebildert, dass frau sie gar nicht mehr verstecken kann. Billie stellt zwar Rasierer her, aber die Firma macht Werbespots, in denen tatsächlich behaarte Beine rasiert werden – und nicht aalglatte, wie sonst üblich. Der Slogan dazu: «Jeder hat Haare. Sogar Frauen. Die Welt tut aber so, als gäbe es das nicht.»

Endlich werden einmal richtige Haare rasiert statt glatte Beine. Video: Billie

Noch absurder wirds bei der Periode. Einerseits ist sie der Öffentlichkeit nicht zumutbar, weil angeblich beschämend und eklig, gleichzeitig gilt sie als Luxus, wenns um die Besteuerung von Menstruationsartikeln geht. Binden und Tampons werden in der Schweiz seltsamerweise nicht als «lebensnotwendige Güter» betrachtet, die einen tiefen Mehrwertsteuersatz verdienen. Sie gelten wie Autos oder Uhren – als Luxusgut. Immerhin: Im März hat der Nationalrat eine Motion durchgewinkt, die diesen Unsinn endlich geraderücken will. Die Chancen stehen gut, dass auch der Ständerat Ja sagt. Monatsblutungen werden deshalb nicht selbstverständlicher, aber immerhin erschwinglicher.


Drei Generationen Scham – und ihre Comics Die weibliche Comic-Avantgarde thematisiert die Geburt des weiblichen Ekels vor sich selbst schon seit den 1990ern schonungslos. Hier drei Beispiele.

Erstellt: 20.11.2019, 12:14 Uhr

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