Mama, bist du verknallt?

Mit ihrem Partner hat unsere Autorin eine Abmachung: Beide dürfen Dates und Sex mit anderen haben. Aber, wie bitte, erklärt man das den Kindern?

Wenn die Mama plötzlich Liebesbotschaften an andere – und nicht an den eigenen Mann – verschickt, verwirrt das die Kinder: Eine verliebte Mutter. Foto: macondos

Wenn die Mama plötzlich Liebesbotschaften an andere – und nicht an den eigenen Mann – verschickt, verwirrt das die Kinder: Eine verliebte Mutter. Foto: macondos

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Erwachsenenangelegenheiten: Das sind die heimlichen Zigaretten abends auf dem Balkon. Spuren von Menstruationsblut im Badezimmer. Unschöne Beziehungszwistigkeiten. All der Lebensmist eben, der schon uns selbst überfordert und den wir von unseren Kindern so fern wie möglich halten wollen, um sie nicht zu verunsichern.

Als mein Mann und ich unsere Beziehung vor etwa drei Jahren für Dates, Sex und Affären öffneten, waren wir uns einig: Erwachsenenangelegenheit. Zudem eine, die die Kinder ohnehin nicht mitbekommen würden. Wir waren abends oft beruflich unterwegs, und es war klar, dass unsere Dates nicht mit nach Hause kommen durften. Wir dachten also, es gäbe nichts zu erklären.

Dann, vor etwa einem Jahr, wurde es trotzdem ein Kinderthema. Ich telefonierte gerade mit meiner besten Freundin, während die Kinder zwischen Küche und Schlafzimmer herumrannten und lachten. «Hoffentlich hat M. gleich Schicht im Laden, dann kann ich wieder mit ihm flirten!», kicherte ich in den Telefonhörer hinein. Als ich aufgelegt hatte, drehte ich mich beschwingt um und schaute direkt in die grossen Augen meiner ältesten Tochter, gerade acht Jahre alt. «Wie, du willst mit M. flirten?», fragte sie. «Du hast doch schon einen Mann!»

Ich bin daran gewöhnt, mich zu rechtfertigen. Wenn ich von entfernten Bekannten im Theater an der Hand eines anderen gesichtet werde oder mein Mann mit einer fremden Frau knutschend auf einer Party ertappt wird, kann ich sicher sein: Es kommen Fragen.

Da sitze ich dann am Sandkastenrand und werde von neugierigen Kindergartenmüttern in Gespräche darüber verwickelt, was das letztens für ein Typ war. Ob der Vater und ich uns getrennt hätten? «Nein», sage ich. «Wir haben eine offene Beziehung.» – «Oh», machen die Kindergartenmütter betroffen. «Seid ihr denn gar nicht mehr glücklich miteinander?»

Die Beziehung hat Priorität

Also leiste ich Aufklärungsarbeit. Erzähle ausführlich, dass wir sogar sehr glücklich miteinander sind. Dass wir aber trotzdem ab und an auch mit anderen Menschen zusammen sein können und dürfen. Dass wir diese Sehnsucht bei uns beiden festgestellt haben. Und uns sicher sind, dass wir das glücklichste Paar sind, wenn jeder für sich glücklich ist.

Ich erkläre, dass unsere Beziehung immer Priorität hat. Dass das Ganze nur funktionieren kann, wenn man aufeinander achtet und sich gegenseitig vertraut. Und dass – weil man dadurch gezwungen ist, ab und zu über Bedürfnisse und das eigene Befinden zu reden – eine grössere Intimität als vorher entstehen kann. «Ich könnte das ja nicht», sagen die Zuhörer dann und wechseln schnell das Thema.

Aber jetzt musste ich es einer Achtjährigen erklären, meiner eigenen Tochter. Es ratterte in meinem Kopf. Der lauteste Gedanke in diesem Rattern: Oje, jetzt traumatisierst du das Kind. Es gibt keine Skripte für solche Gespräche.

Experten dröseln einem alles Mögliche auf: Wie man den Tod von Angehörigen erklärt, Trennung, Terroranschläge. Aber eine offene Beziehung? Ich betrat Neuland, wackeligen Schrittes. Abstreiten? Drum herumlabern? Ablenken? Andererseits: Ich wusste, was uns als Eltern immer wichtig war. Und entschied mich für Ehrlichkeit.

«Wer schreibt dir?» – «Wo gehst du heute Abend hin?» – «Wen triffst du?»

Familienleben bedeutet auch, Kompromisse einzugehen. Selbstverständlich hätten unsere Kinder es wahrscheinlich lieber, wenn wir keine Experimente mit besonderen Beziehungsmodellen machen würden. Kinder orientieren sich an sozialer Erwünschtheit, das ist klug und sinnvoll so, sie entwickeln sich und versuchen herauszufinden, wie man einen guten Platz im Zusammenleben findet.

Eltern, die eine offene Beziehung führen, entsprechen nicht der Norm. Das ist für ein Kind erst mal eine Aufgabe. Gleichzeitig trauen wir Kindern zum Beispiel auch die Aufgabe zu, mit arbeitenden Eltern zurechtzukommen oder sogar mit Eltern, die sich trennen. Ich entschied mich also dafür, ihr die Wahrheit zuzumuten. Und atmete tief durch.

«Ich finde, M. ist ein cooler Typ, und darum flirte ich gern mit ihm. Das macht Spass und ist nichts Ernstes», sagte ich. Meine Tochter nickte und verschwand in ihrem Zimmer. «Cooler Typ» und «flirten», damit konnte sie etwas anfangen. Warum man sich verliebt, wer was wo reinsteckt und warum das Spass macht, war bei ihr schon länger Thema. Ganz im Gegensatz zu den beiden Kleinen, vier und zwei Jahre alt, die schon lange nicht mehr hinhörten und weiterspielten.

«Und, trennt ihr euch jetzt?»

Ein paar Wochen später war aus dem Flirt eine Affäre geworden inklusive häufiger abendlicher Treffen und intensiven Whatsapp-Verkehrs. Für mich und meinen Mann nichts Neues, aber unsere Tochter war nun sensibilisiert. «Wer schreibt dir?» – «Wo gehst du heute Abend hin?» – «Wen triffst du?» Ich beantwortete alles, versuchte aber, das Thema nicht zu hoch zu hängen.

Da hatten wirs. Die totale Verunsicherung.

Bis sie eines Abends, wir standen gerade zu fünft im Bad beim Zähneputzen, erst meinen Mann anguckte und dann mich. Und fragte: «Mama, bist du in M. verknallt?» – «Haha», lachte mein Mann. «Da bin ich jetzt aber auch gespannt!» Im Gute-Stimmung-Machen und im Gelassensein ist er viel besser als ich. Ich fasste mir ein Herz und sagte: «Ja. Ein bisschen.» Mein Mann nahm meine Hand. «Das ist okay für mich.»

Unsere Tochter packte den grössten Hammer in der Eltern-Kind-Kommunikation aus: «Und, trennt ihr euch jetzt?» Den Kleinen dauerte alles eindeutig zu lang, sie schmierten die Kacheln mit Zahnpasta voll. Ich musste mich erst mal setzen. Da hatten wirs. Die totale Verunsicherung. Das Mädchen denkt an Scheidung. Natürlich! Schliesslich gehen in seinem Umfeld die Eltern reihenweise wegen neuer Lieben auseinander. Und das ist auch bei Erwachsenen, denen wir unser Modell erklären, der hartnäckigste Gedanke: dass eine offene Beziehung ja immer nur der Anfang vom Ende sein kann.

In den Wochen nach diesem Gespräch achteten mein Mann und ich sehr darauf, wie viel sie wissen wollte. Sie hatte viele kleine Fragen, und es gab ein bis zwei längere, fast philosophische Gespräche über Liebe, Menschen, Sehnsüchte und Sex. Da die Idee war, ehrlich zu bleiben, aber sie gleichzeitig mit nichts zu überfrachten, was sie gar nicht wissen wollte, waren die Gespräche anstrengend. Wir mussten genau zuhören. Und sie waren schön. Denn wir hörten genau zu. Und nach ein paar Monaten wurden sie ganz einfach immer weniger. Die Situation wurde normal für sie.

Ich bin sicher, dass sie von unserer Art zu lieben auch profitiert.

Heute, fast ein Jahr später, sind unsere ausserehelichen Beziehungen kein Thema mehr für unsere Tochter. Im Gegenteil, am liebsten würde sie unsere Affären kennen lernen. Wir ziehen dann die Rote Karte: «Nein. Erwachsenenangelegenheit!»

Auch damit kommt sie zurecht. Was sie nämlich auch spürt: dass es ihren Eltern als Paar gerade sehr gut geht. Ich vertraue mittlerweile darauf, dass sie nachfragt, wenn sie etwas genauer wissen will. Und bin sicher, dass sie von unserer Art zu lieben auch profitiert.

Sie lernt, dass Bedürfnisse ihre Berechtigung haben (auch wenn man ihnen nicht immer nachgehen kann). Dass Liebe und Sex etwas Schönes sind (über das man sprechen kann). Dass man die Spielregeln für seine Beziehungen selbst schreiben darf (und damit auch für sein ganzes Leben). Vermutlich lernt sie noch tausend Sachen mehr. Aber vor allem lernt sie, sie selbst zu sein.

Eine Person, die uns liebt und unterstützt, obwohl sie unser Beziehungsmodell nicht nachvollziehen kann, ist meine Mutter. Ich weiss, dass sie sich hin und wieder fragt, ob unsere Offenheit bei den Kindern nicht doch bleibende Schäden anrichten kann. Als ich ein Kind war, hatte mein Vater eine Affäre. Meine Eltern haben nicht mit mir darüber gesprochen, aber ich wusste es, ich spürte es einfach. Es war kein schönes Gefühl. Später haben sie sich dann tatsächlich getrennt.

Ich weiss nicht, ob es für mich besser gewesen wäre, wenn meine Eltern mit mir über ihre kaputte Ehe geredet hätten. Aber ich weiss, dass meine Ehe nicht kaputt ist. Natürlich kann es passieren, dass mein Mann und ich uns eines Tages trennen, da sind wir ganz realistisch. Unsere Chancen stehen, glaube ich, so fifty-fifty – vermutlich genauso gut oder schlecht wie bei anderen auch.

Die gute Nachricht: Einen häufigen Trennungsgrund, das Fremdgehen, können wir ausschliessen. Was ich auch sicher weiss: Im Vergleich zu all den Generationen, in denen Fremdgehen etwas Alltägliches, aber gleichzeitig Heimliches war, ist Offenheit ein Fortschritt. In der Beziehung zu meinem Mann. Aber vor allem auch in der zu unseren Kindern.

(Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 23.11.2017, 12:13 Uhr

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