«Man kann zum Beispiel gemeinsam ‹untreu› sein»

Sexuelle Fantasien soll man in Beziehungen ansprechen, findet Paarberaterin Bettina Disler. Und sie erklärt, warum auch Frischverliebte zu ihr kommen.

«Gemeinsamkeiten sind das Fundament einer Beziehung, aber an den Differenzen wächst man als Paar», sagt die Zürcher Paarberaterin Bettina Disler (45). Foto: Dominique Meienberg

«Gemeinsamkeiten sind das Fundament einer Beziehung, aber an den Differenzen wächst man als Paar», sagt die Zürcher Paarberaterin Bettina Disler (45). Foto: Dominique Meienberg

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Frau Disler, stimmt es, dass viele Paare erst dann in eine Therapie gehen, wenns zu spät ist?
Nicht unbedingt. Solange beide wirklich etwas ändern wollen, lässt sich sehr vieles noch in eine konstruktive Bahn lenken. Es gibt aber auch Paare, die sich nicht trauen, einen Schlussstrich zu ziehen. Meist geht der Trennungswunsch nur von einem der Partner aus, er oder sie legt jedoch nicht von Anfang an alle Karten auf den Tisch. Im Verlauf der Therapie wird es jedoch offensichtlich. Ich berate aber nicht nur Paare mit Problemen.

Sondern?
Manchmal kommen auch Frischverliebte, die sich für die Zukunft wappnen wollen

Verliebte machen präventiv eine Therapie?
Genau, weil sie sehen, wie Beziehungen in ihrem Freundeskreis kaputtgehen – und genau das möchten sie eben vermeiden.

Was raten Sie ihnen?
Zum Beispiel, dass sie nicht überlegen sollen, wie sie sich am besten verhalten, um dem Partner zu gefallen. Das macht furchtbar unattraktiv. Gemeinsamkeiten sind zwar das Fundament einer Beziehung, aber an den Differenzen wächst man als Paar. Ich ermutige meine Klienten deshalb, Meinungsverschiedenheiten zu verhandeln und Lust am Unterschied zu entwickeln. Liebende sollen sich einander so zeigen, wie sie sind.

Warum fällt das vielen so schwer?
Einerseits aus Angst vor Ablehnung. Andererseits aber auch, weil sich viele ein angepasstes Verhalten im Berufsleben antrainieren. Dort werden wir ständig darauf getrimmt, uns so zu benehmen, dass möglichst alles reibungsfrei abläuft. Wir versuchen uns in die Kunden hineinzuversetzen, wenn wir ihnen etwas verkaufen wollen. Wir wollen dem Chef gefallen, damit er uns befördert. Für Beziehungen ist das jedoch Gift. Wenn man es dem anderen immer recht machen will, ist man für den Partner kein Gegenüber auf Augenhöhe – und vor allem ist man für ihn eins: langweilig. Deshalb sollten Paare lernen, nicht nur unverfängliche Wünsche zu äussern.

Wenn man es trotzdem wagt und darüber spricht, lernen sich beide von einer neuen Seite kennen.

Sondern?
Es fällt nicht allen leicht, dem Partner zu sagen: Ich möchte eine erotische Fantasie mit dir umsetzen. Zum Beispiel Analsex. Wenn man es trotzdem wagt und darüber spricht, lernen sich beide von einer neuen Seite kennen, egal, ob man am Ende die eine Fantasie umsetzt oder nicht. Gibt man sich aber nicht zu erkennen und unterdrückt Wünsche, die in einem schlummern, drängen diese früher oder später doch nach Umsetzung. Manchmal fliegt ein Geheimnis erst nach vielen Ehejahren auf, und da ist man dann plötzlich mit einer Seite des Partners konfrontiert, die man mit sich selbst überhaupt nicht vereinbaren kann.

Zum Beispiel?
Wenn die Ehefrau etwa herausfindet, dass ihr Mann regelmässig Pornos schaut, obwohl sie es moralisch verwerflich findet. Sie wird im ersten Moment schockiert sein und ihrem Mann wahrscheinlich vorwerfen, dass er ein Ekel sei. Aber statt ihn zu verurteilen, müsste sie den Fokus auf sich richten: Warum macht mich das so wütend? Wo genau liegt mein wunder Punkt? Vielleicht schämt sie sich, einen Partner zu haben, der Frauen als Objekt betrachtet. Oder sie ist eifersüchtig, oder sie fühlt sich nicht begehrenswert. Derartige Gefühle müssen die Eheleute miteinander besprechen. Auch wenn es unbequem ist, lernen sich Paare über ihre Unterschiede am besten kennen

Ist Treue nach wie vor wichtig?
Ja. Allerdings berate ich immer öfter auch Paare, die ihre Beziehung sexuell öffnen wollen, aber nicht genau wissen, wie sie das anstellen sollen. Viele sprechen vom Modell «offene Beziehung» und denken, dass dabei jeder für sich nach Belieben fremdgeht. Da gibt es natürlich einige Facetten mehr.

Nämlich?
Man kann zum Beispiel gemeinsam «untreu» sein. Die Liierten können sich mit anderen Personen, also zu dritt oder zu viert, sexuell austauschen, oder in einen Swingerclub gehen. Es kommen aber auch Paare zu mir – nachdem sich einer der beiden in den Affärenpartner verliebt hat –, weil sie herausfinden wollen, ob man sich nicht irgendwie doch zu dritt, sprich polyamor, arrangieren könnte.

Ist das längerfristig nicht furchtbar anstrengend?
In solchen Situationen ist es hilfreich, in Phasen zu denken. Statt die Beziehung für die nächsten 50 Jahre in Stein zu meisseln, kann man sich fragen: Was könnte für mich jetzt an einem neuen Beziehungsmodell interessant sein?

Viele wünschen sich einfach jemanden, der sie vor der Einsamkeit rettet, und überlegen sich gar nicht, was sie von einer Beziehung erwarten.

Wie viele solcher polyamoren Experimente gehen tatsächlich gut?
Das erfahre ich selten, weil ich die Paare ja nur dann sehe, wenn sie Hilfe benötigen. Ich begleite sie aber durch den Prozess, und dieser ist meist mit sehr viel Eifersucht und schlaflosen Nächten verbunden.

In Ihren Beratungen arbeiten Sie mit Visualisierungen. Paare zeichnen dafür ihre verfahrene Situation auf, anstatt nur darüber zu reden. Wie muss man sich das vorstellen?
Ich arbeite mit Kreisen und Pfeilen und unterschiedlichen Farben. Die Kreise sind Personen, die Pfeile ihre Kommunikation, die Farben symbolisieren verschiedene Beziehungsebenen. Der Vorteil dieses sogenannten dynamischen Grundrissmodells ist, dass das Paar seine Beziehung wie eine Landkarte betrachten kann, quasi aus der Vogelperspektive. Dadurch wird den meisten relativ schnell klar, wo sie stehen und wohin sie sich bewegen möchten. Das kann sehr dynamisierend sein, als ob sie einen Zündschlüssel umdrehen würden: Auf einmal kann man loslegen und etwas ändern.

Zu Ihnen kommen auch Singles. Warum?
Weil sie gerne einen Partner hätten, aber keinen finden; oder weil sie glauben, dass sie beziehungsgestört sind. Manchmal fehlt diesen Menschen bloss das Bewusstsein für die eigenen Bedürfnisse. Viele wünschen sich einfach jemanden, der sie vor der Einsamkeit rettet, und überlegen sich gar nicht, was sie von einer Beziehung erwarten. Ich schaue mit den Singles ihre Partnersuche ganz konkret an, auch ihre Profile auf Datingportalen, ob das, was sie von sich zeigen, überhaupt ihrem Wesen entspricht

Und wo ist der Wurm drin?
Generell lässt sich das nicht sagen. Aber nicht selten kommunizieren die Leute, was sie nicht wollen: Bitte keinen Raucher, keinen One-Night-Stand, keinen Langweiler. Das ist natürlich weder einladend, noch macht es sie als zukünftige Partner interessant.

Buch: Bettina Disler: «Dynamisierung in der Paartherapie»,Verlag Klett-Cotta, 150 Seiten, ca. 45 Franken. Vernissage: 23. August, 20 Uhr, Kosmos Zürich. Eintritt frei.

Erstellt: 22.08.2019, 18:14 Uhr

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