Marseille, mon amour

Übler Ruf, rebellische Seele, Hafen zwischen den Welten: Keine Metropole ist mediterraner als Marseille – und so gar nicht französisch. Eine Ode.

Zehntausende Fans feierten am Sonntag im alten Hafen den ersten Meistertitel von Olympique de Marseille seit 18 Jahren.

Zehntausende Fans feierten am Sonntag im alten Hafen den ersten Meistertitel von Olympique de Marseille seit 18 Jahren. Bild: Reuters

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Was vermag doch Fussball, Schaffer von Mythen und Legenden. Es gibt Orte, da schafft Fussball gar, was sonst nichts und niemand schaffen würde, kein Programm und keine wohlgemeinte Politik: Integration nämlich. Als sich am Sonntag die Gestade des Vieux-Port, des alten Hafens von Marseille, mit Zehntausenden Menschen füllten, die den ersten Meistertitel seit achtzehn Jahren ihres Vereins Olympique de Marseille feierten, als hätte sich die Stadt von einem bösen Fluch befreit, von einem dunklen Unterdrücker, war das wieder ein solcher Moment: ein verspielt leichter Augenblick der kulturellen, ethnischen, religiösen Symbiose, wie sie hier nur in den Farben von OM, Blau und Weiss, möglich ist.

OM ist die kleinste gemeinsame Religion der Marseiller, ein Abbild der gesellschaftlichen Varietät. Und das Stade Vélodrome, mitten in der Stadt, ist der Tempel. Für alle. Für Araber, Franzosen, Korsen (sie mögen es, wenn man sie separat nennt), die vielen Italiener in zweiter oder dritter Generation, die Spanier, die einst nach dem Bürgerkrieg gekommen waren, für Armenier, Senegalesen, Komorer. Für Muslime, Christen, Juden, Buddhisten.

Im Stadion gibt es keine rassistischen Entgleisungen, nie, da stehen alle Seite an Seite. Nirgendwo am Mittelmeer, in keiner anderen grossen Hafenstadt ist die Durchmischung, die mediterrane Durchdringung so gross wie in Marseille. Weder in Barcelona noch in Genua, Neapel oder Palermo. Und keine neigt so sehr gen Süden wie eben diese.

«Habibi!» – unter der Kirche

Nach einer konservativen Schätzung ist jeder vierte Marseiller Muslim, also rund 250 000. Wahrscheinlich aber sind es mehr. In Frankreich dürfen keine Statistiken nach ethnischen oder religiösen Kriterien geführt werden, um Ressentiments und Reflexen, die daraus erwachsen könnten, vorzubeugen. In Marseille bauen sie die grösste Moschee Frankreichs, mit einem mächtigen Scheinwerfer, der den Ort besser noch als ein Minarett von Weitem anzeigt.

Die Moschee wird mit der Basilika Notre-Dame-de-la-Garde rivalisieren, der hehren «Bonne Mère», die vom hohen Felsen grüsst, als gehörte ihr die Stadt. Auch muslimische Hochzeitspärchen lassen sich vor der «Guten Mutter» fotografieren. Und aus den Autos dröhnt dann Raï, die Musik der algerischen Troubadoure: «Habibi!» – «Liebling!».

Keine Stadt Frankreichs ist arabischer als diese. Keine ist unfranzösischer. Fast alle Metzgereien sind halal, das Fleisch hängt auch schon mal draussen an der freien Luft. Die meisten der 2000 Trägerinnen des Niqab in Frankreich, die gerade viel zu reden geben im Rest des Landes, leben in Marseille – in Belsunce und in den Quartiers Nord. Nur, hier redet niemand davon, hier fliesst alles ineinander, vermischt sich. Der chaotische Markt der Maghrebiner an der Porte d'Aix könnte genau so auch in Algier oder Tunis stattfinden: mit denselben Gesichtern, derselben Ware, demselben Gewirr von Händlern und Stimmen.

Algerischer Einfluss

Es gibt denn auch das Bonmot, Marseille sei der 49. Bezirk Algeriens. Oder umgekehrt: Marseille als Hauptstadt der Algerier Frankreichs. Sie haben T-Shirts dazu gedruckt, kleine und stolze Provokationen. Bekennen würden sie sich nur zu Marseille, nicht zu Frankreich. Als wäre ihre Stadt extraterritorial, eine Enklave. Als wäre Paris, das mit dem TGV nur drei Stunden entfernt ist, in Wahrheit Welten entfernt. Der Hafen ist der eigentliche Bahnhof, der Sinnstifter, der Wendeplatz der Kulturen, der Umschlagplatz von Waren und Werten, der Basar der Träume so vieler Migranten.

Marseille ist keine schöne Stadt, nicht im klassischen Sinn. Es gab immer grössere Probleme als ästhetische. Es hat hier kaum lauschige Ecken, nur wenig alte Bausubstanz, keine Bühnen für Mondänes. Das soll sich nun ein bisschen ändern. Die Städtebauer verbauen Milliarden, damit Marseille 2013 eine gute Falle macht, wenn es Europas Kulturhauptstadt geben soll. Die alten Docks sind schon fast alle renoviert. Ganz vorne am alten Hafen entsteht ein modernes Museum, das das Zeug zum neuen Wahrzeichen haben wird. Die Stararchitektin Zaha Hadid hat ein Glashochhaus in den Hafen gestellt, das zwar nicht in die Szenerie passt, aber Moderne ausstrahlt. Am letzten Mittwoch hat auch das erste Starbucks in Marseille geöffnet, nicht weit von den arabischen Teehäusern. An der Rue de la République putzt ein amerikanischer Pensionsfonds die heruntergekommenen Prachthäuser im Haussmann'schen Stil heraus, dass nun sogar – oh, Ungemach! – Pariser Anwälte und Ärzte Wohnungen kaufen.

Paris ist der Gegenentwurf zu Marseille, die ewige Rivalin, nicht nur fussballerisch. Die grosse Hauptstadt im Norden hat ein Monopol auf Kultur, Medien, Politik und Wirtschaft. Alles im Konzentrat. Da bleibt nicht viel für den Rest Frankreichs. Da ist alles Provinz, was jenseits der Ringstrassen liegt. Auch Marseille, eine Million Einwohner: tiefe und raue Provinz. Eine Handvoll Kinos, einige Theater. Die Zeitung der Stadt heisst «La Provence», was ja durchaus die Sommervögel in uns zum Singen bringt und an die pittoresken Dörfer in der Umgebung mahnt, an Mimosen und Platanen, aber auch Programm ist – Provinz eben.

Die verzerrte Aussensicht

Wenn die Franzosen Krimis drehen, dann kommen sie nach Marseille, der Heimat Fabio Montales, des eigentümlichen Helden von Jean-Claude Izzos berühmter Romantrilogie.

Da braucht es keine Bühnenbildner. Die Klischees der Stadt halten sich hartnäckig. Der Ruf ist zwar besser geworden, bleibt aber recht übel.

In der pauschalen Vorstellung der Franzosen ist Marseille so etwas wie der Vorposten Afrikas, eine Art Sizilien. Zum Bild gehören die dunklen Gassen, die Mafia, die Skandale und Sagen und Intrigen. Aber auch die Siesta gehört dazu, der obligate Pastis, das sanfte Licht, das schon Cézanne verzauberte. Das Image oszilliert zwischen Folklore und schwermütiger Fantasie. An allem ist etwas dran. Kürzlich riet die Zeitschrift «Marseille Hebdo» den Marseillern, ihre Stadt besser zu vermarkten.

Doch das kümmert sie nicht. Die Aussensicht scheint ihnen egal, soll sie doch verzerrt sein. Sie lieben ihre Stadt genau so, wie sie ist: ehrlich, ohne Firlefanz. Aus Trotz, aus Stolz. Aber auch wegen der Strände mitten in der Stadt: der Plage des Catalans und der Plage du Prophète. Wegen des Mistrals, der die Luft und die Strassen mit Macht sauber fegt, wie in einem ständigen Reset. Wegen der Calanques, der kleinen Felsbuchten rund herum.

Im Rhythmus der Fähren

Boulevard des Dames, 2. Arrondissement. Um diese Stadt zu verstehen, muss man einmal die Szenen an dieser Strasse beobachten, kurz vor dem Ablegen der Fähren nach Algier oder Oran. Zuschauen, wie die Algerier ihre grossen Koffer den Boulevard hinuntertragen und schieben und lachen. Gefolgt von ihren Kindern, etwas weniger begeistert. Gefolgt von ihren Frauen im Hidjab, dem Kopftuch. Das Trottoir wäre breit genug, doch sie gehen lieber auf der grossen Strasse, sie fasst die Vorfreude besser.

Am Ende des Boulevards beginnt das Meer. Man könnte meinen, man sähe die anderen Ufer von hier: das nordafrikanische, das korsische, das spanische und italienische. So nahe sind sie, so präsent in den Köpfen. Man hört die Nähe im Akzent der Jugend, in den Erinnerungen der Pieds-Noirs, im Sound der Stadt, einem Mix aus arabischem, französischem, afrikanischem Rap. Man schmeckt sie im Rosenwasser der orientalischen Patisserie, in der Süsse des Tees. Man spürt sie im Rhythmus der Fähren, im Tempo des Verkehrs, in der Gestik, im Gang der Menschen.

Marseille liegt auf der Schnittstelle so vieler Gesellschaftsfragen unserer Zeit. Zwischen den Welten. Da steckt viel eruptive Energie drin, viel Spannung. Die gemeinsame Religion vermag sie zu kanalisieren – in historischen Wellen und etwas profan: blau und weiss und olympisch.

Erstellt: 16.05.2010, 23:50 Uhr

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