«Meine Bilder entstehen, indem ich weglasse»

Robert Bösch ist der berühmteste Bergfotograf der Schweiz. Seine Kunst bestehe nicht darin, ein Bild zu machen, sondern es überhaupt zu sehen, sagt er.

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Haben Sie schon einmal ein schlechtes Gewissen gehabt, wenn Sie das perfekte Bild eines Berges veröffentlicht haben?
Nein, warum sollte ich?

Weil Sie damit noch mehr Menschen zu diesem Berg locken, und die Alpen sind schon überlaufen.
Mit einem Bild von einem Berg schafft man das nicht. Diese Wirkung kann ein Bild nur zusammen mit einem Text haben. Somit steht auch der Schreiber in der Verantwortung.

Aber Texte werden eher gelesen ...
... wenn ein gutes Bild dabei ist, ich weiss. Ich war sicher ein Rädchen in dieser Maschinerie. Mein erstes Buch 1988 befasste sich mit Skitouren und Variantenfahren. Heute boomen diese Bereiche dermassen – ich ernte nun die Früchte, weil alle Hänge verspurt sind.

Selbst schuld.
Es gibt in den Schweizer Bergen noch genügend Orte, an denen man allein unterwegs ist. Man darf nur nicht dorthin gehen, wo alle sind. Es reicht oft loszuziehen, wenn das Wetter nicht perfekt ist.

Haben Sie schon einmal eine Region bewusst nicht fotografiert?
Ja. Früher waren Klettergebiete nicht so bekannt, und es lief immer gleich: Es gab ein, zwei Fachzeitschriften, dort wurde im Winter ein neues Topgebiet vorgestellt, und ab Ostern waren alle dort, die die Artikel gelesen hatten. Da habe ich mich ein paar Mal geweigert, Gebiete vorzustellen. Mittlerweile gibt es so viele Klettergebiete, das ist kein Thema mehr.

Was fasziniert Sie am Bild?
Das Bild zu sehen. Man sieht immer alles, das Haus, die Umgebung, Menschen, den Himmel. Das Bild entsteht, indem ich als Fotograf den Ausschnitt festlege, indem ich weglasse.

Indem Sie weglassen?
Es geht um einen bestimmten Ausschnitt in einem bestimmten Moment. Wenn jemand ein Foto sieht, ist oft der erste Gedanke: Das hätte ich auch machen können! Die Frage ist aber: Hätte diese Person dieses Bild überhaupt gesehen?

Sie können von einem Bild den Ausschnitt nachher am Computer bestimmen.
Nein, das ist sozusagen meine Spielregel: Ich lege den Ausschnitt am Auslöser fest, ich bearbeite ihn nicht am Computer nach. Ohne diese Spielregel wird es beliebig. Aus jedem netten Sonnenuntergang lässt sich mit einfachen Mitteln eine geniale Stimmung machen. Damit ist alles machbar, wenn alles machbar ist, wird es ganz schnell langweilig.

Gegen die Langeweile haben Sie auch schon Filme gemacht, unter anderem einen Dokumentarfilm über den Extrembergsteiger Ueli Steck.
Einen Film zu machen, ist reizvoll. Aber die Fotografie ist mir näher, das Bild ist langlebiger. Beim Film denkt man vor dem Fernseher: «Cool, dein Film wird gezeigt.» Das wars. Ein Bild bleibt.

Sie sind als Begleiter von Kletterern wie Steck berühmt geworden, tendieren Sie mittlerweile zum eher ruhigen Bild? Ihr aktuelles Buch geht in Richtung Kunstfotografie.
Nein, das war immer schon so. Ich hatte mir auch schon vor den Projekten mit Steck einen Namen als Outdoor-Fotografen gemacht. Mit ihm war es einfach sehr interessant, weil er ein aussergewöhnlicher Bergsteiger und guter Freund ist. In den letzten Jahren habe ich mich aber zunehmend mit der Landschafts- und Kunstfotografie beschäftigt.

Sie waren als Bergsteiger mehrfach auf 8000 Metern, 2001 auf dem Mount Everest. Haben Sie dort die toten Bergsteiger fotografiert, die neben der Spur liegen?
Einen habe ich aufgenommen, ich zeige das Bild in meinem Vortrag, man sieht aber nur etwas entfernt einen roten Fleck. Über einen anderen Toten sind wir damals am Everest beim Rückweg drübergestiegen. Ich hab aber nicht daran gedacht, ihn zu fotografieren, dazu war ich viel zu erledigt.

Über diese Toten wird viel erzählt, aber man sieht die Bilder fast nie in Büchern oder Reportagen.
Das verbietet die Pietät. Reinhold Messner hat 1986 den Schweizer Bergsteiger Marcel Rüedi am Makalu fotografiert, wie er tot unterhalb des Gipfels sass. Reinhold hat die Bilder auch nicht veröffentlicht, er hat sie der Familie zur Verfügung gestellt. Das ist vorbildlich.

Aber solche Bilder könnten auf Everest-Touristen abschreckend wirken.
Das glaube ich nicht. Ein Grossteil der Touristen am Everest sind nicht wirkliche Bergsteiger. Denen ist nicht bewusst, wie schmal der Grat zwischen Gutgehen und Katastrophe ist.

Die Berge werden immer mehr zur Showbühne. Der Aufwand, der betrieben wird, um zum Beispiel spektakuläre Erst- oder Speed-Begehungen zu filmen oder zu fotografieren, ist enorm.
Das ist richtig. Professionelle Bergsteiger bauen zum Teil die gesamte Vermarktung in die Planung ein. Oft werden Fotografen und Filmteams mitgenommen. Wenn die Leistung stimmt, ist dagegen nichts einzuwenden.

Bei anspruchsvollen Projekten kann man keine Fotografen mitnehmen, die Begehung wird nachgestellt. Das birgt eigene Gefahren.
Aber dessen sind sich alle bewusst. Und gerade im Spitzenalpinismus sollte die Zukunft anders aussehen: Die Athleten, die unterwegs sind, fotografieren sich gegenseitig, wie das früher üblich war. Heute sind die Kameras viel kleiner und leichter. Vielleicht sind die Bilder nicht so perfekt, aber es sind Dokumente, sie erzählen eine Geschichte.

Sie haben auch die jüngste Kampagne des Ausrüsters Mammut fotografiert, viele Bergführer machen dabei eine Art Choreografie am Berg. Neben Lob gab es Kritik, weil die Berge als Showbühne missbraucht worden seien.
Diese Kritik habe ich noch nicht gehört. Ich hatte den Eindruck, dass der offensichtliche Kunstcharakter der Bilder klar war, dass sogar ein gewisses Augenzwinkern dabei erkannt wurde. Aber ich muss sagen, dass ich die kritischen Argumente nicht völlig von der Hand weise, man kann sich schon fragen: Muss das sein? Das Hauptproblem in der Wahrnehmung war aber ein anderes.

Nämlich?
Viele Leute denken, die Bilder seien mit Photoshop bearbeitet. Aber die Bergsteiger waren immer genau dort.

Erstellt: 06.03.2013, 13:17 Uhr

Der Erdwanderer

Robert Bösch wurde 1954 in Schlieren ZH geboren, er lebt mit seiner Frau und zwei erwachsenen Söhnen in Oberägeri ZG. Er schloss das Studium der Geografie ab, übte den Beruf aber nie aus. «Das Bergsteigen hat mich deutlich mehr interessiert als das Studium. Es bedeutet mir alles, ich betrieb es sehr intensiv, eigentlich suchtmässig», sagt Bösch.

Er absolvierte die Prüfung als Bergführer, gleichzeitig faszinierte ihn die Fotografie. Mittlerweile ist Bösch einer der bekanntesten Outdoor- und Actionfotografen. Er hat zahlreiche Bücher veröffentlicht und Filme gedreht, zurzeit ist er mit seinem Vortrag «Passion für Berge» unterwegs. Die Leidenschaft für die Berge hat ihn nie verlassen, noch heute trainiert er täglich. Doch sein Tätigkeitsfeld als Fotograf ist viel weiter: «Ich finde Industrielandschaften so faszinierend wie Städte und Menschen.»

Für sein Buch «Moments» hat nicht von ungefähr Guido Magnaguagno das Vorwort verfasst. Magnaguagno war bis 2001 Vizedirektor am Kunsthaus Zürich, 2011 hat er die Ausstellung «Robert Bösch – SegantiniLand» kuratiert. Magnaguagno nennt Bösch einen «Erdwanderer und Erkunder». (can)

Das Buch

Guido Magnaguagno und Robert Bösch: Moments. Benteli-Verlag, Sulgen 2012. 181 S., ca. 78 Fr, robertboesch.ch

Die Vortragsreihe

«Passion für Berge» von Robert Bösch. Termine und Tickets: www.explora.ch

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