Plötzlich ist Autismus chic

Seit einiger Zeit sind Autisten die Lieblinge der Popkultur. Und dann kam Greta Thunberg. Experten sprechen von einer «Modediagnose».

«Ich habe Asperger, das heisst, dass ich manchmal etwas anders bin»: Greta Thunberg. Foto: Keystone

«Ich habe Asperger, das heisst, dass ich manchmal etwas anders bin»: Greta Thunberg. Foto: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Fünfzig Jahre alt musste der Sohn werden, bis er endlich Frieden mit seinem etwas seltsamen Vater fand. In den Arm genommen? Hatte dieser ihn nie. Anteil genommen an seinen Interessen? Fehlanzeige. Im Grunde hatte sich der Handwerksmeister immer nur für seinen Betrieb interessiert. Wenn die Familie beisammensass, wirkte der Vater oft wie ein Aussenseiter. Manchmal schien es, als ob er gar nicht verstand, worüber sie redeten. Mitlachen konnte er selten. Und wenn er meinte, sich am Gespräch beteiligen zu müssen, dann tat er das mit den immer gleichen, stereotypen Fragen.

Jahrzehntelang hatte der 50-Jährige, ein Arzt, unter seinem Vater gelitten. Aber dann, beim Zeitunglesen vor einigen Monaten, verstand er endlich, weshalb es zu Hause immer so schwierig war. Der Vater war ein Autist! Die fehlende Mimik, die Unfähigkeit zur Kommunikation, der soziale Rückzug – das alles passte. Und als der Sohn seine Mutter anrief, um ihr von seinem befreienden Einfall zu berichten, sagte sie: «Genau dasselbe denke ich auch seit ein paar Wochen.»

Begehrte Diagnose

Es ist kein Zufall, dass der Sohn und die Mutter nach so vielen Jahren Verzagen fast zur selben Zeit eine Erklärung gefunden haben. «Autist» war neben «Schizo» und «Psycho» bis vor kurzem noch ein beliebtes Schimpfwort. Aber das ändert sich gerade. Die Autisten entwickeln sich zu einer Art Königsklasse der Psychiatrie. Die Diagnose ist extrem begehrt. Sie hat nicht nur in Arztpraxen stark zugenommen, Autisten werden auch am heimischen Küchentisch zunehmend entdeckt: «Immer mehr Menschen kommen mit der Selbstdiagnose Autismus zu uns in die Ambulanz», sagt Peter Falkai, Direktor der Klinik für Psychiatrie an der Universität München.

Kein Wunder, denn Autismus ist seit einiger Zeit ein beliebtes Motiv der Popkultur. Medial wird die Hirnentwicklungsstörung immer präsenter: Im Kino, in US-Serien und im Fernsehen trifft man regelmässig auf autistische Menschen. Und während im Klassiker «Rain Man» von 1988 Dustin Hoffman noch einen Autisten spielte, der sein Leben lang auf Hilfe angewiesen ist, sind Autisten in Filmen heute lebenstüchtige Helden – Ermittler zum Beispiel oder Anwälte. Und dann ist da natürlich die sehr reale, omnipräsente schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg, die während der UNO-Klimakonferenz in New York der Welt wieder demonstriert hat, welche Kraft es freisetzen kann, wenn sich Autisten mit ihrem von Natur aus starken, oft besessenen Fokus auf einzelne Themen für etwas engagieren.

Neurodiversität statt Norm

Für Menschen mit Autismus ist diese mediale Präsenz an sich eine tolle Sache. Schliesslich gilt für alle Krankheiten oder Störungen: Wenn sie Thema sind, werden die Menschen darauf aufmerksam; im besten Fall erfassen sie das Positive daran, entwickeln womöglich Toleranz – und manche entdecken die zugehörigen Symptome am Ende sogar bei sich oder bei ihren Angehörigen. Die aktuelle Begeisterung für Autisten befördert aber noch etwas Grösseres: die Akzeptanz, dass die Menschheit auch psychisch bunt ist. Neurodiversität nennt man das. Seit langem schon kämpfen nicht nur Menschen mit körperlicher Behinderung oder spezieller sexueller Orientierung gegen die Vorherrschaft der vermeintlich Normalen, sondern auch Menschen mit psychischen Besonderheiten. Jetzt feiern manche Autisten – angelehnt an die «Gay Pride»-Bewegung – ihre Originalität als «Autism Pride»: Wir sind anders, lautet die Botschaft, aber wir mögen uns so.

Angelehnt an die «Gay Pride», feiern Autisten ihre Originalität als «Autism Pride».

Beim Autismus fällt der Schritt zur Akzeptanz derzeit besonders leicht, weil die Störung schon fast als chic gilt. Denn die Autisten aus den Filmen sind in der Regel hochintelligent und hochfunktional. Sie mögen ein bisschen seltsam sein und nervige Marotten haben, aber sie verfügen über herausragende Fähigkeiten, auf die man als ordinär entwickelter Mensch ganz schön neidisch sein kann. Annette Frier kann als TV-Anwältin Ella Schön sämtliche Paragrafen des Bürgerlichen Gesetzbuchs auswendig sagen, Sheldon Cooper aus «The Big Bang Theory» ist ein genialischer Physiker, Sofia Helin löst in der skandinavischen Krimiserie «The Bridge» ihre Fälle auf nahezu übernatürliche Art.

Die meisten sind niedrigbegabt

Fakt ist jedoch: «Hochbegabungen kommen unter Autisten nicht häufiger vor als im Rest der Bevölkerung», sagt Luise Poustka, die Direktorin der Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Universität Göttingen. Und Inselbegabungen wie das umfassende Paragrafenwissen, Greta Thunbergs Fähigkeit, rückwärts zu sprechen, oder die zahlenmässige Erfassung heruntergefallener Streichhölzer mit einem Blick sind ausgesprochen selten. Autistische Menschen sind zum grossen Teil niedrigbegabt, jeder Zweite von ihnen ist geistig behindert.

Lange haben Ärzte gar nicht gewusst, dass es auch intelligente Autisten gibt, bis in den 1990er-Jahren die 50 Jahre alten Arbeiten des österreichischen Kinderarztes Hans Asperger ins Englische übersetzt wurden, der Jungen beschrieben hatte, die zweifelsohne autistisch waren – und trotzdem sprechen gelernt hatten. Seither galten Asperger-Autisten quasi als die Adeligen unter den Autisten. Heute spricht man nur noch von «Autismus-Spektrum-Störung», weil sich die Patienten zwischen geistiger Behinderung und Superbegabung nicht in Gruppen einteilen lassen.

Inselbegabungen wie Greta Thunbergs Fähigkeit, rückwärts zu sprechen, sind sehr selten.

Anders als die Filmstar-Autisten sind die meisten Autisten im wahren Leben jedenfalls auf Unterstützung angewiesen, um in einer Welt voller lauter, kontaktfreudiger Menschen zurechtzukommen. Die Betroffenen können jedoch trainieren, was anderen intuitiv gegeben ist. So lernen sie, Gesichtsausdrücke zu interpretieren und daraus Gefühle zu lesen. Auch üben sie, Blickkontakt aufzunehmen, wenngleich das bei vielen ein Leben lang seltsam starr wirkt. «Autismus ist nicht heilbar, aber man kann durch therapeutische Angebote oft sehr gut helfen», sagt Luise Poustka. So wird auch die Gefahr für weitere Störungen gemindert, die zusammen mit dem Autismus oder als Folge davon auftreten: soziale Phobien, Depressionen, Angststörungen, ADHS oder selbstverletzendes Verhalten. 70 Prozent aller Autisten haben mindestens eine davon.

Nicht jeder Nerd ist ein Autist

Früher galt Autismus als seltene Erkrankung, heute gehört jeder hundertste Mensch zum Autismusspektrum. «Die Diagnose ‹hochfunktionaler Autismus› ist auf dem besten Weg, eine Modediagnose zu werden», beklagt Inge Kamp-Becker von der Universität Marburg. Oft würden Kinder, die nur in sich gekehrt oder eigenwillig sind, als krank etikettiert. Das fördere eine Schonhaltung und schade ihrer Entwicklung. So viele Menschen denken inzwischen von sich, sie seien autistisch, dass Psychiater sie erst einmal vom Gegenteil überzeugen müssen.

Ein Genie mit autistischen Zügen: Der Physiker Sheldon aus «The Big Bang Theory». Foto: Getty

Wobei: Was ist schon krank? Wo endet die Normalität? Die Grenze lässt sich beliebig eng oder weit ziehen, nicht nur beim Autismus. Und leider wird sie derzeit immer enger. Dabei ist längst nicht jeder Eigenbrötler autistisch: Genügend Computer-Nerds kleben hinter ihren Bildschirmen, finden Kaffeepausen im Kollegenkreis abstossend – und sind dabei zufrieden. Nicht jeder, der nicht dauernd plappert, ist krankhaft introvertiert. Nicht jeder, der trauert, ist depressiv. Und nicht jeder Hibbelige hat ADHS. Wie sagte Greta Thunberg? «Ich habe Asperger, und das heisst, dass ich manchmal etwas anders bin.» Aber unter den richtigen Umständen sei «Anderssein eine Superkraft».

Andersartigkeit als Chance

Autisten sind nicht gerade dazu prädestiniert, als Bedienung oder im Kundenservice zu arbeiten. Aber sie finden immer öfter eine Anstellung als Bibliothekare, Lageristen, Informatiker oder in anderen Berufen, in denen hoch konzentriertes Arbeiten und Ordnungsliebe wichtig sind. Der Softwareriese SAP hat Autisten als Programmentwickler eingestellt; und die israelische Armee nutzt ihre Fähigkeiten bei der Erkennung von Strukturen auf Satellitenbildern. In jeder Andersartigkeit liegt eine Chance. Umso wichtiger ist es, dass stolze Aktivisten wie die der «Autism Pride»-Bewegung der menschlichen Originalität Glanz verleihen. Schliesslich ist ein bisschen irre sein völlig normal.

Erstellt: 02.10.2019, 14:32 Uhr

Artikel zum Thema

«Es ist keine Krankheit, sondern eher eine Besonderheit»

Porträt Autismus-Expertin Maria Asperger kennt die alltäglichen Schwierigkeiten von Menschen mit Asperger-Syndrom. Dieses wurde nach ihrem Vater benannt. Mehr...

Die Firma, in der man sich nicht grüsst

Porträt #12 Susan Conzas Firma beschäftigt Menschen mit Asperger. Hier ist es okay, wenn man sich im Gang nicht grüsst. Mehr...

Sie sieht ihren Autismus als Vorteil

SonntagsZeitung Greta Thunberg inspiriert mit ihrem Kampf für den Klimaschutz Jugendliche auf der ganzen Welt. Dabei will sie gar keine Anführerin sein. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Die Welt in Bildern

Feuerschweif: Eine Spezialeinheit demonstriert am Indian Navy Day in Mumbai ihr Können. (4. Dezember 2019)
(Bild: Francis Mascarenhas) Mehr...