Psychische Krankheiten kosten die Schweiz 19 Milliarden pro Jahr

Die OECD wirft der Schweiz vor, zu wenig zu tun, um psychisch kranke Menschen in den Arbeitsmarkt einzugliedern.

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Psychische Krankheiten bringen nicht nur viel Leid mit sich, sondern auch hohe Kosten. Wie die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in ihrem heute veröffentlichten Bericht schreibt, verursachen psychische Krankheiten der Schweizer Wirtschaft Kosten in der Höhe von etwa 3,2 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP). Das sind schätzungsweise 19 Milliarden Franken pro Jahr.

Das Schweizer System biete gute Möglichkeiten, der Problematik psychischer Beeinträchtigung und Arbeit entgegenzutreten, lobt die OECD. Die jüngsten Reformen der Invalidenversicherung (IV) hätten einen «beachtlichen Erfolg» gebracht. Jedoch seien nicht alle Probleme gelöst, wie die Zahlen der IV zeigten.

Personen mit psychischer Beeinträchtigung machen laut dem Bericht inzwischen beinahe 40 Prozent aller Neurenten aus. Um psychisch Erkrankte noch stärker in den Arbeitsmarkt einzubinden und ihre Abhängigkeit von Sozialleistungen zu senken, bedürfe es weiterer Anstrengungen, schreibt die OECD und empfiehlt der Schweiz eine Reihe von Massnahmen.

Arbeitgeber tun zu wenig

Konkret wird unter anderem vorgeschlagen, die Arbeitgeber stärker miteinzubeziehen. Diese tun nach Ansicht der Studienautoren nämlich zu wenig: Die verfügbaren Daten legten nahe, dass die Arbeitgeber in der Schweiz insgesamt den psychologischen Risiken am Arbeitsplatz weniger Bedeutung beimessen würden als Unternehmen in vielen anderen Ländern, heisst es im Bericht.

Die begrenzten finanziellen Anreize würden den Arbeitgebern keinen Ansporn bieten, mehr zu unternehmen, kritisieren die Autoren. Auch der Druck durch das Arbeitsinspektorat werde als weniger stark empfunden als in anderen Ländern. Die Inspektion bleibe als Präventionsinstrument ziemlich wirkungslos.

Die Studienautoren empfehlen der Schweiz deshalb, nicht die Arbeitsbedingungen zu überwachen, sondern die Absenzenraten und die Personalfluktuation. «Würden diese Informationen der breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht, so würde das für die Firmen Anreize schaffen, die Probleme in diesem Bereich fachgerecht anzugehen», heisst es im Bericht.

Zu wenig Anreize für IV-Bezüger

Auch bei der Invalidenversicherung sehen die Studienautoren noch Verbesserungspotenzial. Sie kritisieren unter anderem, dass IV-Renten für bestimmte Gruppen immer noch vergleichsweise attraktiv seien: Besonders für Menschen mit niedrigem Einkommen und für Jugendliche sei es lohnender, eine IV-Rente zu beziehen als zu arbeiten. Diese Negativranreize müssten abgeschafft werden.

Die Autoren empfehlen der Schweiz zudem, das heutige System mit Viertelrenten, halben Renten, Dreiviertelrenten und Vollrenten durch ein stufenloses System zu ersetzen. Dafür hatte sich auch der Bundesrat ausgesprochen. Der zweite Teil der 6. IV-Revision, der diese Änderung gebracht hätte, war jedoch 2013 im letzten Moment im Parlament gescheitert.

«Magere Ergebnisse» trotz hohem Aufwand

Harsche Kritik übt der Bericht an der sogenannten Interinstitutionellen Zusammenarbeit (IIZ). Mit dieser versuchen die verschiedenen Sozialwerke, den Sozialstaat effizienter zu machen und Hilfebezüger schneller in den Arbeitsmarkt einzugliedern. Doch die IIZ liefere magere Ergebnisse im Vergleich zum hohen Aufwand, schreiben die Studienautoren. (fko/ldc/sda)

Erstellt: 23.01.2014, 20:39 Uhr

Die Schweiz - ein Land der Psychiater

In der Schweiz gibt es überdurchschnittlich viele Psychiater: Unter allen OECD-Ländern weist sie mit Abstand die höchste Dichte auf. Mit nahezu 45 psychiatrischen Praxen auf 100'000 Einwohner ist der Anteil dieser Fachärzte in der Schweiz dreimal höher als der OECD-Durchschnitt. «Die Zahl der Psychiater pro Kopf ist gigantisch», sagte OECD-Studienleiter Christopher Prinz heute vor den Medien in Bern.

Trotz dieser enormen Ressourcen würden jedoch nur etwa 7 Prozent der Bevölkerung psychiatrisch-psychotherapeutisch behandelt, was als sehr gering erscheine, heisst es im Bericht. Die Studienautoren gehen deshalb davon aus, dass ein relativ geringer Teil der Bevölkerung in hochstehender, kostspieliger Behandlung sei. «Zu wenige Personen werden zu intensiv behandelt», kritisierte Prinz. «Die hohe Zahl an Psychiatern scheint der Schweiz nicht viel zu helfen.» (sda)

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