Restaurants öffnen ihre Toiletten

Man muss mal, will aber nicht einen Kaffee für fünf Franken trinken müssen. Kein Problem dank «Nette Toilette» in vielen Schweizer Städten – ausser eben Zürich.

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Sommerzeit ist Ferienzeit: Und wer unterwegs ist, muss auch mal aufs WC. Doch das ist oft ein mühsames Unterfangen, weil öffentliche WC einerseits Mangelware sind und andererseits oft schmutzig, defekt oder beides. So bleiben noch die Toiletten in Restaurants, in die man sich aber kaum reinschleichen will oder kann, ohne etwas zu konsumieren.

Damit ist nun an immer mehr Orten Schluss. Im Rahmen des Projekts «Nette Toilette» (NT), das aus Deutschland stammt und dort in über 150 Städten umgesetzt wurde, bieten Restaurants ihre WC den Passanten gratis zur Nutzung an – ganz ohne Konsumzwang. Im Gegenzug erhalten die Lokale einen finanziellen Beitrag von der Stadt oder Gemeinde. Erkennbar sind sie an den «Nette Toilette»-Logos, die an den Eingängen der Gaststätten prangen, zudem sind sie vielerorts auf Stadtplantafeln eingezeichnet.

Immer beliebter in der Schweiz

Auch in der Schweiz haben erste Städte das NT-Konzept entdeckt – etwa Thun, wo seit Frühling 2014 17 Restaurants mit von der Partie sind. Eines davon ist das Restaurant Dampfschiff am Thunersee. «Wir machen mit ‹Nette Toilette› sehr gute Erfahrungen», sagt Geschäftsführer Simon Burkhalter auf Anfrage. «Die Leute finden es sympathisch, dass wir dies anbieten.» Einen gewissen Werbeeffekt verneint der Chef nicht: Weil WC-Besucher das historische Gebäude von innen sehen, kämen sicherlich einige auf den Geschmack, um im Restaurant einzukehren. Werbeflyer liegen im WC-Bereich bereits parat.

Trotz mehr Besuchern auf der Toilette hält sich der Aufwand für deren Unterhalt in Grenzen. «Wir müssen sie nicht öfter putzen als sonst, die Benutzer machen keine Probleme», so Burkhalter. «Wahrscheinlich auch, weil im Gegensatz zu einer öffentlichen Toilette immer jemand im Gebäude ist.» Gleichwohl sei der städtische Beitrag von 1000 Franken pro Jahr eher bescheiden und decke gerade die Verbrauchsmaterialien wie WC-Papier oder Reinigungsmittel. Wegen des Geldes macht das Restaurant Dampfschiff aber ohnehin nicht mit. «Ich würde unsere Toilette sowieso den Passanten zur Verfügung stellen, weil es hier um ein Grundbedürfnis geht», betont der Dampfschiff-Chef.

Auch auf die Finanzen von Thun hat «Nette Toilette» einen positiven Einfluss. Für die Stadt und die Steuerzahlenden würden teure Investitionen für neue WC-Anlagen entfallen, die Hunderttausende Franken kosten, sagte Gemeinderat Roman Gimmel (SVP) gegenüber der «Berner Zeitung».

«Friendly Toilets» in Luzern

Im touristenreichen Luzern stellen seit letztem Jahr ebenfalls 17 Restaurants ihre stillen Örtchen allen gratis zur Verfügung – auch mit englischsprachigen Schildern, beschriftet mit «Friendly Toilets». Pro Restaurant und Jahr gibts von der Stadt 1200 bis 1800 Franken. Das zahlt sich aus für Luzern, denn laut einem Bericht in der «Hotelrevue» kosten Betrieb und Unterhalt von öffentlichen WC-Anlagen jährlich je rund 10'000 Franken. Nicht darin eingerechnet sind die Kosten von stadtweit 90'000 Franken, die wegen Vandalismus an den Einrichtungen anfallen.

Die WC-Situation in Luzern war jüngst ziemlich prekär: Nachdem die Stadt vor wenigen Jahren Toilettenanlagen wie etwa beim Löwendenkmal geschlossen hatte, verrichteten viele Touristen ihr Geschäft in den Büschen vor dem Luzerner Wahrzeichen. Deshalb eröffnete die Stadt die dortige WC-Anlage 2014 wieder. Zudem sollen weitere öffentliche WC hinzukommen und das NT-Projekt weitergeführt werden.

Restaurants in Biel («toilettes accueillantes») oder im Unterengadiner Dorf Ftan machen ebenfalls mit, zudem erwägen Aarau und Bern eine Teilnahme. Die Stadt Bern etwa machte bei 112 Restaurants und Bars im Zentrum eine Umfrage. Bis Ende April haben 30 Beizen geantwortet, 20 davon würden beim Projekt «Nette Toilette» mitmachen, 10 haben abgelehnt. Das Projekt liege jetzt für weitere Abklärungen beim Gemeinderat, teilte die Gewerbepolizei der «Berner Zeitung» mit.

Zürich tut sich schwer mit der «Netten Toilette»

In Zürich hingegen, der grössten Schweizer Stadt, findet man das Konzept «Nette Toilette» offenbar nicht so nett. Letzten September erteilte der Zürcher Gemeinderat einem Postulat von GLP und FDP mit 80 Nein- zu 34 Ja-Stimmen eine deutliche Abfuhr. Dieses hätte den Stadtrat auffordern sollen, keine weiteren öffentlichen Toiletten zu bauen und dafür Wirte zu entschädigen, die ihr WC Passanten zur Verfügung stellen. Im Vorfeld kritisierte etwa Gastro-Zürich-Präsident Ernst Bachmann: «Subventionierte Toiletten sind keine praktikable Lösung – das sorgt nur für Bürokratie.» Und Züri-WC-Leiter Urs Brunner sah einen grossen Nachteil darin, dass Beizen-WC nicht 24 Stunden offen und nicht alle für Behinderte zugänglich seien.

Definitiv durchgesetzt hat sich das Konzept jedoch in der deutschen Stadt Aalen, von der das Konzept «Nette Toilette» stammt. Es kam so gut an, dass dort inzwischen alle städtischen WC-Anlagen geschlossen wurden, weil es sie schlicht nicht mehr brauchte.

Erstellt: 19.06.2015, 16:38 Uhr

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