Schlecht geschlafen in der Nacht auf heute?

Wenn ja, lags vielleicht am Vollmond. Aber gibt es wirklich einen Zusammenhang zwischen den Mondphasen und unserem Schlaf? Was eine neue Studie dazu sagt.

Wer nicht schlafen kann, sucht einen Grund: Paar in Kansas City am 8. September 2014.

Wer nicht schlafen kann, sucht einen Grund: Paar in Kansas City am 8. September 2014. Bild: Charlie Riedel/Keystone

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Viele Menschen leiden zumindest zeitweise unter schlechtem Schlaf, der ihnen auch tagsüber noch nachhängt und sie spürbar beeinträchtigt. Viele Schlafgestörte wünschen sich nichts sehnlicher, als endlich mal wieder ohne Probleme ein- und dann die Nacht durchschlafen zu können. Und die meisten von ihnen sind auf der Suche nach den Gründen für den ausbleibenden oder zu kurzen Schlummer.

Kein Wunder also, dass vermutlich seit je auch der Mond als Himmelslaterne dazu herhalten muss, unbefriedigenden Schlaf zu erklären. Was schon daran liegt, dass klare Vollmondnächte – oder genauer: Nächte mit viel Mondlicht, das zum Erdboden vordringt – den Schlaf jener Menschen beeinträchtigen können, die es gerne duster im Schlafzimmer haben, ohne dafür gleich den Rollladen schliessen zu wollen.

Das «Schubladenproblem»

Was immer Schlafforscher noch herausfinden oder an Gegenbeweisen zu vermeintlichen Beweisen vorlegen mögen: Wer glaubt, dass die Mondphasen den Schlaf beeinflussen, wird sich davon durch erhellende Erkenntnisse nicht sonderlich beeindrucken lassen. Das gilt auch für die neueste Studie von Wissenschaftlern am Max-Planck-Institut (MPI) für Psychiatrie in München. Sie konnten nämlich keine klaren Hinweise darauf finden, dass die Mondphasen über die Schlafqualität von Menschen mit entscheiden – neben Ärger, Sorgen, Alkohol, einem übervollen Magen oder diversen Leiden, die einem den Schlaf rauben können.

Für ihre Untersuchung werteten die MPI-Forscher um den Neurowissenschaftler Martin Dresler grosse, bereits vorhandene Datensätze über den Schlaf zahlreicher Testpersonen aus. Während ihrer Recherchen stiessen sie zudem auf weitere Studien, die ebenfalls keinen Einfluss des Mondes feststellen konnten. Doch davon hat nie ein Mensch erfahren. Denn nicht nur beim Thema «Schlaf und Mond» werden bevorzugt solche Studien publik gemacht, die einen vermuteten Zusammenhang bestätigen können, viel seltener aber solche, die ihn widerlegen oder widersprüchliche Ergebnisse liefern. Diese verzerrte Veröffentlichungspraxis ist in Fachkreisen als «Schubladenproblem» bekannt, weil offenbar der weniger spannende Teil der Forschungsarbeiten sang- und klanglos in den Schreibtischen der Wissenschaftler verschwindet.

Mal Frauen, mal Männer

Die MPI-Forscher sichteten die vorhandene Forschungsliteratur, wobei sie mal auf wenig objektive Untersuchungsmethoden, mal auf teils widersprüchliche Ergebnisse stiessen. In manchen Studien schienen sich die Mondphasen besonders auf Frauen auszuwirken, in anderen hingegen besonders auf Männer. Zwei Analysen von Datensätzen mit jeweils 30 bis 50 (also recht wenigen) Teilnehmern aus den Jahren 2013 und 2014 zeigten übereinstimmend, dass die Schlafdauer in Vollmondnächten verkürzt ist; gemäss einer Studie der Universität Basel um etwa zwanzig Minuten, was aber Betroffene nicht einmal sonderlich stören muss. Für andere Messungen aus dieser Forschungsarbeit kamen die MPI-Forscher jedoch zu kontroversen Ergebnissen: Einmal sah es so aus, als verzögere der Vollmond das Eintreten des Traum- oder REM-Schlafs; ein andermal galt dies für Neumondnächte.

Kein klares Bild also. Um Zufallsbefunde zu vermeiden, wie sie in Studien mit geringer Teilnehmerzahl möglich sind, untersuchten die Wissenschaftler daraufhin Schlafdaten von 1265 Probanden aus 2097 Nächten. «Nachdem wir diese grosse Anzahl von Daten ausgewertet hatten, konnten wir frühere Ergebnisse aus anderen Studien nicht bestätigen», sagt Martin Dresler. «Wir konnten keinen statistisch belegbaren Zusammenhang zwischen menschlichem Schlaf und den Mondphasen aufzeigen.» Im Rahmen dieser Untersuchungen fand sein Team weitere unveröffentlichte Analysen von über 20'000 Schlafnächten, die ebenfalls keinerlei Einfluss des Mondes belegen konnten.

«Dieses Ergebnis überrascht mich nicht», sagt der Hamburger Neurobiologe Peter Spork, Autor des «Schlafbuchs» (Rowohlt-Verlag, 2007). Es entspreche dem, was Schlafforscher immer schon gesagt hätten. «Denn wenn Menschen schlecht schlafen, und es war zufällig Vollmond, halten sie diesen für den Verursacher ihres Problems. War aber kein Vollmond, und sie hatten eine unruhige Nacht, wundern sie sich nicht darüber, dass gar kein Vollmond war.» Spork zieht einen Vergleich mit einem anderen gerne für wahr gehaltenen Phänomen: dem Gefühl, im Supermarkt immer in der langsamen Schlange vor der Kasse zu stehen. Auch daran erinnert man sich bevorzugt, weil das Warten als nervig empfunden wird. Dass man an vielen Tagen nicht in der falschen Schlange steht und deshalb rasch zahlen kann, vergisst man hingegen schnell. Und das gelte ebenso für «jene Nächte, die man trotz Vollmond durchgeschlafen hat».

Auch Martin Dresler verweist auf selektive, also verzerrte Erinnerungen: «Jeder Mensch wacht mehrfach nachts auf, und jeder Mensch braucht manchmal etwas länger zum Einschlafen.» Die meisten dieser Ereignisse vergässen wir umgehend. Doch wenn wir bei einem Aufwachereignis oder einem Einschlafproblem «aus dem Fenster schauen und zufällig Vollmond ist, bleibt das im Gedächtnis haften».

Individuelle Auswirkungen

Der Münchner Chronobiologe Till Roenneberg, der Schlafrhythmen und andere regelmässig auftretende Prozesse und Phänomene in der Natur untersucht, schliesst zwar nicht aus, dass der Mond den Schlaf beeinflussen kann. «Solche Einflüsse auf Individuen gibt es sicher, aber wie die neue Studie zeigt, sind diese nicht systematisch», sagt Roenneberg. Dies heisse, dass sich der Mond – oder zumindest sein Licht – bei verschiedenen Menschen auf den Schlaf allenfalls «so individuell auswirkt, dass man als Forscher nichts mehr sieht, wenn man viele Menschen untersucht». Das freilich fördert extreme Meinungen, die wohl auch noch in einigen Jahrzehnten durch neue Studien angestachelt oder zum Widerspruch provoziert werden dürften.

Erstellt: 10.09.2014, 10:02 Uhr

«Jeder Mensch wacht mehrfach nachts auf, und jeder Mensch braucht manchmal etwas länger zum Einschlafen»: Martin Dresler, Schlafforscher. (Bild: MPI)

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