Sie geisseln den Flugverkehr – und fliegen selbst

Der WWF empfiehlt, in der Schweiz Ferien zu machen. Doch die Umweltschützer steigen auch ins Flugzeug.

Letztes Jahr kamen beim WWF Schweiz mit seinen rund 200 Mitarbeitern knapp 390'000 Flugkilometer zusammen: WWF-Sitz in Gland. Foto: Martial Trezzini (Keystone)

Letztes Jahr kamen beim WWF Schweiz mit seinen rund 200 Mitarbeitern knapp 390'000 Flugkilometer zusammen: WWF-Sitz in Gland. Foto: Martial Trezzini (Keystone)

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Es ist ein Appell, seine Ferien in der Schweiz zu verbringen. Vor zwei Monaten hat der WWF Schweiz seine «Hierbleib-Initiative» mit dem Slogan «Mehr Erholung, weniger CO2» lanciert. Dabei handelt es sich nicht etwa um eine Volksinitiative. Das Ziel lautet schlicht: die Bevölkerung sensibilisieren. Die Resonanz indes ist nicht gerade überwältigend. Bis heute haben das Ansinnen bloss rund 7500 Personen unterschrieben; im Gegenzug verreisen derzeit Hunderttausende Schweizer ins Ausland.

Möglicherweise sind auch WWF-Mitarbeiter darunter. Die Umweltorganisation jedenfalls verbietet ihren Mitarbeitern das Fliegen nicht, und sie kontrolliert schon gar nicht deren Freizeitverhalten. «Es gibt bei uns keine Gesinnungspolizei», sagt Sprecher Fredi Lüthin. Es liege in der Eigenverantwortung jedes Mitarbeiters, sein Leben so umweltbewusst wie möglich zu gestalten. Ein Flugverbot herrscht aber auch während der Arbeitszeit nicht. Letztes Jahr kamen beim WWF Schweiz mit seinen rund 200 Mitarbeitern knapp 390'000 Flugkilometer zusammen, was in etwa 30 Flügen von Zürich nach New York und retour entspricht.

«Wir versuchen, so wenig wie möglich zu fliegen», versichert Lüthin. Doch ganz ohne gehe es nicht. Der WWF wolle sich vor Ort ein Bild über die von ihm ­finanzierten Projekte machen. Zudem gebe es regelmässig internationale Konferenzen, an denen das Wissen von WWF-Mitarbeitern gefragt sei. Flugreisen brauchen laut Lüthin die Bewilligung eines Vorgesetzten und sind nur erlaubt, sofern sich das Reiseziel nicht per Zug binnen acht oder weniger Stunden erreichen lässt. Die Mitarbeiter flögen konsequent Economy-Class. Auch müssten sie Meilengutschriften der Fluggesellschaften für geschäftliche Zwecke verwenden.

Ertappter Greenpeace-Manager

Den Richtlinien zum Trotz: In rot-grünen Kreisen gilt das Fliegen als umweltpolitischer Sündenfall. Entsprechend hoch gehen die Wogen, wenn ein Umweltschützer in ein Flugzeug steigt. Zuletzt der Fall war dies im Juni, als bekannt wurde, dass Pascal Husting, Internationaler Programmdirektor von Greenpeace, von seinem Wohnort Luxemburg nach Amsterdam zur Arbeit fliegt. Um einen Imageschaden abzuwenden, teilte Greenpeace International eilends mit, Husting werde die 360 Kilometer lange Strecke in Zukunft mit dem Zug fahren. Und gab sich selbstkritisch: «Eine Umweltschutzorganisation sollte die eigenen Ideale umsetzen.»

Doch ein rigoroses Flugverbot kennt auch Greenpeace nicht. Die rund 75 Mitarbeiter von Greenpeace Schweiz etwa legten letztes Jahr gut 330 000 Kilometer in der Luft zurück. Wie beim WWF brauchen sie für Flüge eine Genehmigung durch Vorgesetzte. Für Fahrten bis 1000 Kilometer und 15 Stunden Reisezeit müssen sie die Bahn nehmen. Zudem hat die Organisation sogenannte Hubs geschaffen: Vertreter verschiedener Länderbüros treffen sich an einem per Zug erreichbaren Ort in ihrer Region, um zwischen den Hubs per Video zu kommunizieren.

Beide Umweltorganisationen kompensieren ihre Flüge gemäss eigenen Angaben mit dem Kauf von Zertifikaten für Klimaschutzprojekte. Sie beteiligen sich also an einem Geschäft, das sie ansonsten als Ablasshandel zur Gewissensberuhigung geisseln. «Uns ist bewusst, dass eine CO2-Kompensation nicht die langfristige Lösung des Klimaproblems sein kann», räumt Fähndrich ein. Ziel von Greenpeace sei es, trotz fortschreitender Internationalisierung der Kampagnen den CO2 sukzessive zu reduzieren. Dazu könnten Klimazertifikate als Begleitmassnahme einen Beitrag leisten, sofern sie keine falschen Anreize setzten und bei der Wahl und Umsetzung der Projekte die höchsten Qualitätsstandards erfüllt seien.

«Vermeiden ist besser»

«Vermeiden ist besser, aber Kompensieren mit Qualitätszertifikaten besser als gar nichts», sagt Fähndrich. Ähnlich äussert sich der WWF. Beide betonen, dass die von ihnen unterstützten Kompensationsprojekte den Gold-Standard trügen. Das garantiere, dass die Projekte nur dank der zusätzlichen Gelder aus den Kompensationszahlungen entstünden.

Erstellt: 26.07.2014, 07:28 Uhr

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