Wie die ÖV-Karte Licht in den Schweizer Billettdschungel bringen soll

Ende 2013 soll eine ÖV-Chipkarte in der Schweiz eingeführt werden. Pro-Bahn-Präsident Kurt Schreiber begrüsst den Vorstoss. Beispiele aus anderen Ländern zeigen, wie eine solche Karte funktioniert.

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«Piep!» tönt es aus dem Kartenleser. Der Buspassagier ist eingecheckt. «Piep!», und er ist beim Aussteigen wieder ausgecheckt, die Fahrtkosten sind abgebucht. Was heute etwa in den Niederlanden oder in Singapur als alltäglich gilt, ist bei uns noch immer Zukunftsmusik. Aber offensichtlich bald nicht mehr: Ende 2013 soll in der Schweiz eine elektronische ÖV-Karte zum Einsatz kommen. Sie soll die heutigen General-, Halbtax- und Abonnemente der regionalen Tarifverbunde ablösen, wie die «SonntagsZeitung» am 15. April berichtete.

Einer solchen ÖV-Karte stehen auch die SBB positiv gegenüber. «Wir können uns das vorstellen», sagte Sprecher Reto Kormann gegenüber dem Blatt. Im Sommer stimmen die Mitglieder des Verbandes öffentlicher Verkehr (VöV), bei dem auch die SBB Mitglied sind, über das Konzept ab. VöV-Direktor Ueli Stückelberger sieht «sehr gute Chancen», dass es umgesetzt wird. Laut «SonntagsZeitung» schätzen IT-Spezialisten die Kosten dieser Lösung auf rund 200 Millionen Franken. Unklar ist jedoch, wie das System künftig funktionieren soll.

Was geschieht mit den GA-Rabatten?

Kurt Schreiber, Präsident der Vereinigung Pro Bahn Schweiz, bezeichnet die geplante ÖV-Karte als «gute Idee, die man weiterverfolgen muss». Sie vereinfache das heutige System um einiges, man denke etwa an die Handhabung von Billettautomaten. Noch ist nicht bekannt, wie die Abwicklung einst geschehen soll. Auch Schreiber tappt im Dunkeln: «Es gibt noch einige offene Fragen zu klären, etwa bezüglich Bezahlung: Soll der Kunde die Karte im Voraus mit Guthaben aufladen oder soll dies mit nachträglicher Rechnung abgewickelt werden?»

Dies wirft die Frage auf, was mit Vielfahrern wie etwa den Besitzern des Generalabonnements geschehen soll. Diese hätten das Nachsehen, wenn ihnen die effektiven Fahrkosten auferlegt würden. Ein Schweizer Telekomanbieter jedenfalls verfügt seit Jahren über ein System, das den individuellen Verbrauch des vergangenen Monats überprüft. Anhand dessen wird dem Kunden jener Preisplan verrechnet, mit dem er anhand seines aktuellen Verbrauchs am günstigsten fährt.

Auf den ÖV bezogen hiesse das beispielsweise: Wenn ein Kunde im vergangenen Monat hauptsächlich auf Fernstrecken in der Schweiz unterwegs war, werden ihm nicht die Gesamtkosten aller einzelnen Billette verrechnet, sondern der insgesamt günstigere Preis eines Monats-Generalabonnements.

«Trotz ÖV-Karte kein Schalterabbau»

Während Schreiber die Idee der ÖV-Karte grundsätzlich befürwortet, hat er dennoch einige Vorbehalte: Er plädiert dafür, dass Halbtax-, General- und Tarifverbunds-Abonnemente auch nach der Einführung der ÖV-Karte erhalten bleiben. «Ebenso wenig dürfen die bisherigen Sonderbedingungen für Familien, Kinder, Junioren oder Senioren einfach so eliminiert werden», betont der Pro-Bahn-Präsident.

Wichtig ist ihm ausserdem, dass trotz fortschreitender Elektronisierung der Bahnschalter nicht abgeschafft wird: «Die Kunden, vor allem auch ältere Leute, brauchen nach wie vor einen Ansprechpartner für ihre Fragen», ist Schreiber überzeugt. «Für die Touristen sind die Dienstleistungen der Bahnschalter ebenfalls sehr zentral. Besonders weil ihnen das Schweizer Bahnsystem weniger vertraut ist, haben sie Anspruch auf persönliche Beratung.» Ohne Schalter laufe man Gefahr, die Touristen zu vergraulen, meint Schreiber.

«Kein grosses Problem beim Datenschutz»

Ein wahrscheinliches Szenario ist, dass Besitzer von ÖV-Karten beim Einstieg in den Bus, den Zug oder das Tram elektronisch erfasst werden. Die empfangenen Fahrgastdaten würden laut «SonntagsZeitung» dazu dienen, die Passagierströme zu erfassen.

Drohen Schweizer ÖV-Kunden zu gläsernen Passagieren zu werden? «Ich sehe hier beim Datenschutz kein bedeutendes Problem», sagt Schreiber. «Mit Verlaub: Zwar werden die SBB einst wissen, dass jemand von Zürich nach Bern gefahren ist. Aber sie wissen auch künftig nicht, was diese Person in Bern gemacht hat.» Und dies sei relativ harmlos, wenn man bedenke, welche persönlichen Informationen etwa via Cumulus-Karte gesammelt werden oder was Leute freiwillig von sich auf Facebook bekannt geben. Trotzdem hält Schreiber fest: «Der Datenschutz darf bei der ÖV-Karte nicht in ein schiefes Licht geraten.»

Erstellt: 19.04.2012, 16:32 Uhr

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Andere Länder machen's vor

Was wir in der Schweiz heute vielerorts mit dem aufladbaren Kantinen-Badge tun, ist in einigen Ländern der Welt bereits im öffentlichen Verkehr eine Selbstverständlichkeit. Wie das Chipkartensystem international gehandhabt wird:


  • Niederlande: Landesweit können Kunden mit einer OV-Chipkaart reisen. Beim Einsteigen in das Fahrzeug erfolgt mit der Karte am Leser ein Check-in, beim Aussteigen ein Check-out. Aufladen kann man die Karte am Schalter, am Automaten, im Internet oder, sobald der Saldo unter 5 Euro fällt, komplett automatisch.

  • Schweden: In der Provinz Schonen im Süden reisen die Passagiere mit der aufladbaren Jojo-Karte. Bei Zugfahrten, teilweise sogar bis nach Dänemark, werden die Kosten am Billettautomaten nach Eingabe des Fahrziels abgerechnet. Bei Busfahrten nennt man beim Einsteigen dem Chauffeur das Fahrziel. Er gibt dieses im System ein, und man hält für die Abbuchung die Chipkarte an einen Leser. Aufladen kann man die Karte nicht nur an Maschinen in den Bahnhöfen, sondern auch im Supermarkt und am Kiosk.

  • Singapur: Im Stadtstaat in Südostasien fahren ÖV-Nutzer mit der aufladbaren EZ-Link-Karte, die einen Chip enthält. Die Abbuchung der Kosten erfolgt nicht etwa nach Zonen, sondern nach effektiv gefahrener Strecke. Wie in den Niederlanden hält man dazu beim Ein- und Aussteigen die Karte an ein Lesegerät.

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