Hintergrund

Wie eine SBB-Fahrt für Unternehmer Häring in Polizeigewahrsam endete

Christoph Häring (67), Verwaltungsrat der BaZ, ist nicht regelmässiger Kunde der SBB. Trotzdem löste er ein Billett Rheinfelden–Zürich retour selber – was ihm viel Ärger eintragen sollte.

Handelte sich auf der Rückfahrt von Zürich nach Basel Ärger ein: Christoph Häring.

Handelte sich auf der Rückfahrt von Zürich nach Basel Ärger ein: Christoph Häring. Bild: Kostas Maros

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Es war ein Mittwochabend. Der 67-jährige Unternehmer Christoph Häring steigt in Rheinfelden in den Zug. Sein Ziel: Zürich-Flughafen. Geschäftsreise nach Belgrad, Serbien. Er löst ein Retourbillett für die Erste Klasse, 116 Franken. Obwohl Häring kein regelmässiger Kunde der SBB ist, sagte er sich: «Das kann ich alleine. Ich bin ja nicht dumm.» Der Verwaltungsrat der BaZ konnte nicht ahnen, dass ihm dieses Retourbillett – und dieses Selbstbewusstsein – noch einen Haufen Ärger einbringen würde.

Am Freitagabend tritt er die Heimreise an. Gleiche Strecke, andere Richtung. «Ihr Billett ist nicht gültig», bekommt Häring vom Zugbegleiter zu hören. Er habe die Rückfahrt für den gleichen Tag gelöst, an dem der Automat sein Billett ausspuckte. Für den Gelegenheitskunden Häring eine Überraschung. «Das war ein Fehler. Ich werde immer ein bisschen schlauer.» Ein Retourbillett, das nur einen Tag gültig ist, mache nur beschränkt Sinn, wenn man am gleichen Abend noch nach Belgrad fliegt, versucht er zu erklären. Häring hätte gerne sein Flugticket als Beweis gegen einen mutwilligen Missbrauch vorgelegt, falls ihm der Zugbegleiter nicht glaubt.

Busse abgelehnt

Häring erwartet Kulanz des SBB-Angestellten und zählt, gerade als Unternehmer, auf dessen Kundenfreundlichkeit. «Die SBB haben mein Geld für die bezogene Dienstleistung erhalten. Der Makel war das falsche Datum auf dem Billett.» Der Zugbegleiter bot ihm an, zehn Franken Busse zu bezahlen und die Sache sei erledigt.

Doch dieser rechnete nicht mit dem erwähnten Gerechtigkeitssinn von Häring. Dieser lehnt das Angebot dankend ab. «Das stört mich. Ich habe doch den richtigen Preis bezahlt. Wieso soll ich zehn Franken zusätzlich bezahlen?» Der Zugbegleiter macht ihn darauf aufmerksam, dass sich die Busse auf 100 Franken erhöht, wenn er nicht sofort bezahlt. Zudem gebe es ein ordentliches Verfahren und sein Name werde aufgenommen. Zudem müsse er nochmals ein gültiges Billett für diese Zugfahrt lösen. Häring geht kurz in sich und trifft eine teure und folgenschwere Entscheidung: Eine Busse zu bezahlen, seien es auch nur zehn Franken, widerspreche seinen Prinzipien. Denn er sei offensichtlich kein Schwarzfahrer. «Dann habe ich mir gesagt: Da musst du jetzt halt durch.»

Zu den folgenden Minuten gibt es zwei verschiedene Versionen. Häring ist sich ganz sicher: Er habe seine Identitätskarte, wenn auch unter Protest, dem Zugbegleiter ausgehändigt. Er hielt aber an seinem Standpunkt fest, keine Busse zu bezahlen. Als der Zugbegleiter nach einem Halt erneut nach dem Ausweis fragt, weigert sich Häring. Er habe sich ja schon ausgewiesen.

Der Zugbegleiter schildert die Situation so: Der Fahrgast habe sich ­partout geweigert, seinen Ausweis zu zeigen. Danach hält sich jedenfalls der SBB-Angestellte ebenso hartnäckig an die Vorschriften wie Häring an seine Prinzipien.

Jetzt nimmt der scheinbar alltägliche Vorfall groteske Züge an. Der Zugbegleiter macht seinen Fahrgast darauf aufmerksam, dass er den nächsten Schritt einleiten werde: Er verständige jetzt die Polizei. «Da wurde ich neugierig. Ich konnte einfach nicht glauben, dass deswegen tatsächlich die Polizei ins Spiel kommt. Aber ich liess ihn einfach machen.» Der Zugbegleiter zog sich zurück, um zu telefonieren.

Härings Endstation, Rheinfelden: Der SBB-Angestellte steigt als Erster aus dem Zug, um zwei zivil gekleidete Männer im Laufschritt zu Häring zu lotsen. Die beiden Herren von der Polizei nehmen den 67-jährigen Unternehmer in Empfang und halten ihn fest. «Ich konnte es nicht glauben. Hat denn die Polizei nichts Besseres zu tun? Wo bleibt da die Verhältnismässigkeit? Und wie kann man eine überschaubare und erklärbare Situation so eskalieren lassen?», fragt sich Häring. Er habe sich ja stets ruhig verhalten.

SBB weist Fehler von sich

Auch die Polizisten in Zivil zeigen sich eher erstaunt, als er den Vorfall erzählte. Er gab den Herren seine Privatadresse und seine Visitenkarte. Nun erwartet Häring eine saftige Busse.

«Dem Zugbegleiter ist die Geschichte sichtlich unangenehm», sagt SBB-Sprecher Christian Ginsig. Er habe mit dem erfahrenen Zugbegleiter gesprochen. Dieser mache seinen Job mit Herz und Seele. In zehn Jahren habe es keine Beschwerde gegen ihn gegeben. In dessen Verhalten sieht der SBB-Sprecher keinen Fehler. Der Fahrgast habe kein gültiges Billett vorgewiesen. Zwei Mal habe der Zugbegleiter eine kulante Lösung vorgeschlagen. Weil der Fahrgast darauf nicht eingegangen sei und sich dann weigerte, seine Personalien bekannt zu geben, schaltete der Zugbegleiter die Transportpolizei ein.

«Da er weder die Befugnis hat, einen Passagier zur Angabe seiner Personalien zu zwingen noch ihn festzuhalten, kann er die Polizei dazu einschalten. Das ist ein gängiges Verfahren», erklärt Ginsig. Die gute Nachricht zum Schluss: Häring müsse keine Busse bezahlen. Der Zugbegleiter habe die pünktliche Weiterfahrt des Zuges bevorzugt.

Erstellt: 12.09.2013, 08:34 Uhr

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