«Wir schenken uns nichts mehr»

Geschenke haben die Funktion, die Beziehung zwischen Schenker und Beschenktem zu festigen, meint Philosophin Barbara Bleisch.

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Kaum sind die 24'000 Lichter der Weihnachtsbeleuchtung «Lucy» angeknipst, geht es in der Zürcher Innenstadt wieder los mit Night Shopping, Weihnachtsmärkten und Feiertagsrabatten. Angesichts des Gedränges frage ich mich allerdings, wer all die Geschenke erhält, die sich an Ladenkassen stapeln und in unförmigen Tüten durch die Strassen bugsiert werden. Denn wo ich mich auch umhöre, rümpft man über den Weihnachtsrummel nur die Nase mit dem Kommentar: «Wir schenken uns schon lange nichts mehr.»

Wenn all die Leute, die sich offenbar nichts schenken, auch nichts kaufen würden, würde das Weihnachtsgeschäft jedoch nicht Jahr für Jahr die Kassen zum Klingeln bringen. Es steht also zu vermuten, dass manch einer heimlich den Gabentisch bestückt oder aber sich im Christmas-Shopping gleich selber beschenkt. Letzteres würde manchen Wirtschaftswissenschaftler freuen. Denn ökonomisch gedacht, ist es effizienter, sich seine Wünsche selbst zu erfüllen. Wenn andere für uns einen Pullover, ein Buch oder einen Grappa aussuchen, ist es ziemlich unwahrscheinlich, dass sie unsere Präferenz so zielsicher treffen, wie wir das selbst getan hätten. Das behauptet der Ökonom Joel Waldfogel. Gemessen an der Befriedigung, die uns ein eigenhändig getätigter Einkauf hätte verschaffen können, schneidet das Geschenk deshalb fast immer schlechter ab. Würde sich also jeder stets selbst beschenken, anstatt alle sich gegenseitig, wären wir alle glücklicher mit dem Gabentisch. Gegenseitige Festtagsgeschenke sind für Waldfogel deshalb nur eines: «Orgien der Wertvernichtung.»

Wer dennoch unbedingt schenken will, dem rät der Ökonom zum schmucklosen Bargeldgeschenk oder zum Gutschein, den der Beschenkte nach seinem Gusto einlösen kann. Nach dieser Logik nutzen Hochzeitspaare heute Websites, auf denen die Gäste aus einer Wunschliste die bereits reservierte Tortenschaufel oder den ausgewählten Gasgrill bestellen und bezahlen können. Ganz schön praktisch – und wunderbar risikoarm, denn jedes Geschenk ist ein Volltreffer. Unsicher könnte nur noch sein, für welchen Betrag zu schenken ist. Unter dem Titel «Optimiert Weihnachten» hat der Betriebswirt Bernd Stauss eine ironische «Anleitung zur Besinnlichkeits-Maximierung» geschrieben. Darin findet sich der Rat, mit dem Geschenkwert möglichst tief einzusteigen und den Einsatz erst zu erhöhen, wenn der Beschenkte mit etwas Kostbarerem antwortet. Dem geschenkten Gaul schaut der Ökonom selbstverständlich genau ins Maul.

Diese Ökonomisierung des Schenkakts korrumpiert jedoch die Idee des Schenkens selbst, meint der Philosoph Michael Sandel in seinem Buch «Was man für Geld nicht kaufen kann». Recht hat er: Bei einem Präsent geht es nämlich nicht darum, Konsumvorlieben optimal zu erfüllen oder denselben Nutzwert zurückzuerhalten, den man selber investiert hat. Im Unterschied zum Tauschhandel hat das wahre Geschenk vielmehr die Funktion, die Beziehung zwischen Geber und Empfänger zu festigen: Mit seiner intimen Kenntnis der Vorlieben des Gegenübers und seiner Langatmigkeit beim Suchen nach der passenden Gabe verschenkt der Gebende immer auch einen Teil seiner selbst. Anders gesagt: Beim wahren Geschenk gehts um das Gegenüber, beim Tausch um einen selbst.

Schenken ist damit risikoreich: Mag der Beschenkte mein Präsent nicht, hab ich ihn falsch eingeschätzt, seine Vorlieben missverstanden oder unsere Beziehung verkannt. Während der Geldgutschein immer gefällt, kann das Geschenk missfallen. Ein Geschenk ist deshalb wie menschliche Beziehungen überhaupt: immer ergebnisoffen, manchmal anstrengend und kostbar, wenn sie gelingen. Die Aussage «Wir schenken uns nichts» kommt als Ansage gegen den Rausch im Konsumtempel daher: Wir haben schon mehr als genug und brauchen nicht noch mehr. Gegen Masshalten im Konsum spricht nichts. Doch das ist mitnichten ein Argument gegen das Geschenk, das auch beim Trödler erworben oder selber gemacht werden kann. Öfters steckt hinter der Geschenkverweigerung etwas anderes: der Unmut, sich aufs Risiko des Schenkens einzulassen und sich ein Stück weit im Geschenk selber zu riskieren.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.11.2018, 20:14 Uhr

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