«Alkohol ist schlimmer als Cannabis»

Die einen trinken an Partys, die anderen bei Stress. Beides kann abhängig machen, sagt Suchtberaterin Doris Baschnagel. Wie viel ist zu viel?

Es gibt laut Expertin, grob gesagt, zwei Wege, die in eine Abhängigkeit führen: Ein Glas Margarita. Foto: Freeimages

Es gibt laut Expertin, grob gesagt, zwei Wege, die in eine Abhängigkeit führen: Ein Glas Margarita. Foto: Freeimages

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Frau Baschnagel, Sie arbeiten als Suchtberaterin für die Zürcher Fachstelle für Alkoholprobleme. Was sind erste Zeichen einer Abhängigkeit?
Oft haben die Betroffenen selbst schon daran gedacht, dass sie zu viel trinken. Erste Anzeichen sind zunehmende Vergesslichkeit und nachlassende Leistungsfähigkeit. Ein weiterer Hinweis ist, wenn das Umfeld Bemerkungen über den Alkoholkonsum macht und die Betroffenen darauf aggressiv reagieren. Ein deutliches Zeichen für eine Abhängigkeit ist, wenn man schon morgens trinken muss, um Entzugssymptome zu vertreiben.

Die Sucht definiert sich also nicht durch die Menge des Konsums.
Richtig. Wir unterscheiden zwischen problematischem und abhängigem Konsum. Eine Abhängigkeit liegt vor, wenn der Körper den Alkohol in seinen Stoffwechsel eingebaut hat und reagiert, sobald das Suchtmittel nicht mehr zur Verfügung steht. Dann gibt es Entzugssymptome wie Schwitzen, Schlaflosigkeit, Nervosität, Unruhe, Angst, Halluzinationen und Zittern. Das sind Zeichen, dass der Körper ohne Alkohol nicht mehr funktionieren kann. Umgangssprachlich bezeichnen wir diese Abhängigkeit als Sucht.

Und was bedeutet «problematischer Konsum»?
Mit problematischem Konsum ist ein missbräuchlicher, übermässiger oder riskanter Konsum gemeint, der eine schädliche Wirkung hat, ohne dass eine Abhängigkeit vorliegt. Nach der Weltgesundheitsorganisation gelten für gesunde Frauen ein bis zwei Standarddrinks und für Männer zwei bis drei Standarddrinks pro Tag als risikoarm. Natürlich sind das nur grobe Vorgaben. Alkohol wirkt nicht bei allen gleich. Ein unbedenkliches Mass für Alkoholkonsum gibt es letztlich nicht.

Trägt jeder, der täglich eine halbe Flasche Wein trinkt, einen Schaden davon?
Grundsätzlich gilt: Je höher der Konsum, desto grösser das Krankheitsrisiko. Der Konsum einer halben Flasche Wein pro Tag wird als risikoreicher Konsum angesehen, der sicher schädlich ist für den Organismus. Wann es zu einer Abhängigkeit kommt, lässt sich nicht voraussagen. Die Grenze zwischen risikoreichem und abhängigem Konsum ist fliessend.

Die Suchtexpertin
Doris Baschnagel, 59, ist Sozialarbeiterin, Kunsttherapeutin und Suchtberaterin. Sie arbeitet seit 24 Jahren für die Zürcher Fachstelle für Alkoholprobleme in Zürich. Daneben ist sie als Online-Beraterin für das Internetportal Safezone.ch tätig, das vom Bundesamt für Gesundheit in Zusammenarbeit mit Kantonen und Organisationen angeboten wird.

Wie entsteht eine Abhängigkeit?
Es gibt, grob gesagt, zwei Wege, die in eine Abhängigkeit führen. Der eine beginnt mit dem Konsum im gesellschaftlichen Rahmen. Bei Menschen, die gerne ausgehen und mit Alkohol feiern, führt dieses Verhalten zur Gewöhnung. Dabei beginnt der Körper, den Alkohol in seinen Stoffwechsel einzubauen. Der Mensch lernt, den Alkohol als alltäglichen Stimmungsmacher zu verwenden, und verliert so die Fähigkeit, sich auch ohne Alkohol gut zu fühlen. Der Betroffene wird zum Pegeltrinker, der einen bestimmten Pegel braucht, um funktionieren zu können.

Und der zweite Weg?
Der führt vom Genusstrinken über das sogenannte Wirkungstrinken zum Absturztrinken. Der Betroffene macht die Erfahrung, dass Alkohol eine entspannende und stresslösende Wirkung hat. Die Substanz übernimmt die Funktion eines Heilmittels, das aufgrund der schnellen Wirkung immer öfter eingesetzt wird. Auch hier führt der häufige Konsum zu einer Gewöhnung. Es kommt zu Phasen von übermässigem Trinken und Abstürzen mit Blackouts. Bei diesem Trinkstil liegt der Ursprung oft in der Kindheit. Es fehlte eine sichere Bindung zu den Eltern, ein Urvertrauen.

Das bedeutet?
Die fehlende Sicherheit schränkt die Fähigkeit des Kindes, mit Stress umzugehen, enorm ein, wie die Bindungsforschung zeigt. Das kann dazu führen, dass solche Menschen in späteren Jahren zu einem Suchtmittel greifen, um schwierige Emotionen und Stress regulieren zu können.

«Jugendliche sollen Genussmittel ausprobieren dürfen, Verbote helfen nichts.»

Wie können Eltern verhindern, dass ihr Teenager in eine Sucht gerät?
Eltern haben auch in der Pubertät eine wichtige Vorbildfunktion. Wenn sie beispielsweise gestresst von der Arbeit heimkommen und erst mal was trinken müssen, bekommen Kinder das mit. Eltern sollten lernen, einen guten Umgang mit Stress zu finden. Und ihren Kindern vorleben, dass Genuss auf verschiedene Art und Weise erlebt werden kann.

Wie zum Beispiel?
Vielleicht mag jemand in der Sonne sitzen und mit seinem Kind plaudern. Oder in den Wald gehen und die Vögel beobachten. Wichtig ist, dass die Eltern mit dem Kind in Kontakt bleiben, ihm auch immer wieder mal gemeinsame Unternehmungen anbieten. Oft wollen Kinder in der Pubertät nichts mehr von ihren Eltern wissen. Entscheidend ist, dass die Eltern Interesse an ihren Kindern und ihren Aktivitäten zeigen. Zudem helfen offene Gespräche über Suchtmittel und ihre Gefahren sowie klare Regeln.

Was für Regeln?
Zum Beispiel Abmachungen über den Alkoholkonsum. Jugendliche sollen Genussmittel ausprobieren dürfen, Verbote helfen nichts. Kinder müssen den Umgang mit Genussmitteln lernen, dazu gehört das Austesten von Grenzen. Gemeinsame Vereinbarungen zu Konsummengen und Ausgehzeiten geben einen Rahmen, in dem sich der Jugendliche sicher bewegen kann. Ungünstig ist, wenn ein Suchtmittel nur verteufelt wird, ohne die Wirkung und die Gefahren zu diskutieren.

Manche Eltern glauben, Cannabis sei eine Einstiegsdroge.
Das ist ein alter Zopf. In den 1970er- und 1980er-Jahren wurde Cannabis an den gleichen Orten verkauft wie Heroin. Da war es naheliegend, dass jemand, der nur Cannabis wollte, auch in Kontakt mit Heroin kam. Heute ist das anders. Cannabis gehört nicht zu den Einstiegsdrogen, Alkohol und Tabak könnte man eher als solche bezeichnen. Alkohol ist viel gefährlicher als Cannabis.

Inwiefern?
2011 starben laut Suchtinfo Schweiz 1600 Menschen zwischen 15 und 74 durch Alkohol. Demgegenüber sind gemäss der Todesursachenstatistik des Bundesamts für Statistik zwischen 1995 und 2014 lediglich 5 Todesfälle im Zusammenhang mit Cannabis dokumentiert.

Welches sind die beliebtesten Suchtmittel der Schweizer?
Alkohol führt nach wie vor die Liste an, auch wenn die konsumierte Menge zurzeit etwas abnimmt. An zweiter Stelle folgt Tabak, an dritter Stelle die beliebteste illegale Droge, Cannabis, danach Kokain und Partydrogen.

Statistiken zeigen, dass der Alkoholkonsum bei Frauen zunimmt.
Diese Entwicklung ist bedenklich. Viele Frauen müssen heute Arbeit, Haushalt und Kinderbetreuung unter einen Hut bringen und stehen ständig an der Grenze zur Überforderung. Alkohol übernimmt hier vermutlich die Funktion des Stresslösers und schnellen Genusses.

Kann Alkoholabhängigkeit ohne fremde Hilfe überwunden werden?
Eine Abhängigkeit zu überwinden, verlangt einen Entzug. Ich rate dringend, diesen unter medizinischer Aufsicht durchzuführen. Denn der Körper kann auf den Entzug heftig reagieren. Schlimmstenfalls kommt es zu einem epileptischen Anfall oder zum Herz-Kreislauf-Zusammenbruch.

«38 Prozent der Anfragen kommen zu Alkohol, 29 Prozent zu Cannabis, 10 Prozent zu Kokain.»

Und nach dem Entzug?
Dann folgt der schwierigste Teil: die Abstinenz aufrechtzuerhalten. Das schafft kaum jemand ohne Unterstützung. Nicht nur der Körper muss wieder lernen, ohne Suchtmittel zu leben. Auch die Gewohnheiten rund um den Konsum müssen geändert werden. Gerade am Anfang ist die Versuchung gross, wieder zum bewährten Mittel zu greifen. Deshalb empfiehlt sich nach dem Entzug eine Therapie. Hier lernt man zu verstehen, wie es zur Sucht kam. So fällt es leichter, nicht in alte Muster zu verfallen und keine neuen Abhängigkeiten zu entwickeln.

Was lernen die Betroffenen in der Therapie?
Sie lernen Situationen zu erkennen, in denen die Versuchung gross ist, Alkohol zu trinken. Es geht auch darum, Strategien zu entwickeln, die helfen, abstinent zu bleiben. Die Betroffenen lernen etwa Entspannungstechniken oder wie sie zu einem ausgeglichenen Lebensstil finden.

Das bedeutet?
Zum Beispiel Freundschaften und Hobbys pflegen, sich weiterbilden, Zukunftspläne schmieden.

Sie beraten auch für das Internetportal Safezone.ch. Was sind die Vorteile einer Online-Beratung?
Sicher die Anonymität. In unserer Kultur ist das Nicht-Funktionieren mit Scham behaftet, und es braucht viel, bis sich Menschen Hilfe holen. Die Mail-Beratung hat weitere Vorteile: Der Ratsuchende kann sich zurückziehen, kann eine Frage beantworten oder auch nicht. Da der Kontakt zeitversetzt ist, kann er sein Mail wie auch die Antwort der Beraterin auf sich einwirken lassen oder es nochmals durchlesen.

Um welche Süchte geht es in der Online-Beratung am häufigsten?
38 Prozent der Anfragen kommen zu Alkohol, 29 Prozent zu Cannabis, 10 Prozent zu Kokain und 9 Prozent zu Medikamenten. Interessant ist, dass Angehörige sich häufiger bei uns melden als die Betroffenen selber. Darunter sind viele Jugendliche oder junge Erwachsene, deren Eltern ein Alkoholproblem haben.

Was raten Sie Angehörigen, die den Betroffenen auf sein Suchtproblem ansprechen wollen?
Häufig konfrontieren Angehörige den Betroffenen, wenn er alkoholisiert ist. Das führt schnell zu Streitereien und bringt nichts. Besser ist es, einen ruhigen Moment abzuwarten. Dabei sollte man versuchen, bei den eigenen Wahrnehmungen und Gefühlen zu bleiben.

Können Sie mir ein Beispiel geben, wie man ein solches Gespräch beginnt?
Etwa: «Mir ist aufgefallen, dass wir fast nichts mehr zusammen unternehmen. Das finde ich schade.» Kontraproduktiv ist es zu sagen: «Du hast ein Alkoholproblem.» Diese Diagnose sollte man einer Fachperson überlassen. Die Gefahr ist gross, dass man anfängt, über Konsummengen zu diskutieren, anstatt darüber, worum es wirklich geht: um die Auswirkungen des Konsums auf die Beziehung und die Gesundheit.

Was ist der wichtigste Rat, den Sie Angehörigen geben?
Sie sollten darauf achten, dass ihre Bedürfnisse nicht zu kurz kommen. Vor allem sollten sie ihr Glück nicht allein vom Verhalten des anderen abhängig machen.

Erstellt: 15.01.2018, 09:15 Uhr

Hilfreiche Adressen zum Thema Sucht:

Online-Suchtberatung: www.safezone.ch

Informationen zu Suchtfragen: www.suchtschweiz.ch

Suchthilfeangebote: www.suchtindex.ch

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