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Sie tun Gutes im Schatten der Gesellschaft: Spitex-Frauen erzählen.

Es braucht viel Fingerspitzengefühl: Die Pflegeexpertin Claudia Siebenhaar kümmert sich um eine betagte Spitex-Klientin.  (Bild: Maurice E. Grünig)

Es braucht viel Fingerspitzengefühl: Die Pflegeexpertin Claudia Siebenhaar kümmert sich um eine betagte Spitex-Klientin. (Bild: Maurice E. Grünig)

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Mehrmals schon hatte sich die betagte Frau bei der Spitex beschwert. Sie brauche keine Hilfe. Ihren dementen 85-jährigen Mann könne sie gut selbst waschen, und überhaupt würden die unregelmässigen Besuche der Pflegefachfrauen ihren Tagesablauf stören, so der Tenor ihrer Anrufe. Der Eindruck der Spitex-Frauen war indes ein ganz anderer. Die Seniorin hatte in den letzten Monaten an Gewicht verloren, sie schien überfordert und eigentlich selbst Hilfe zu brauchen. Was also tun?

Die Spitex ist für viele erst einmal ein Reizwort. Denn sie bedeutet: Im Alltag auf fremde Hilfe angewiesen zu sein. Der Verlust von Autonomie trifft die meisten hart. So hart, dass sie es im ersten Moment nicht wahrhaben wollen. Pflegeexpertin Claudia Siebenhaar begegnet solchen Situationen fast täglich. Die 32-Jährige wird immer dann gerufen, wenn die Sicht der Patienten oder Angehörigen und jene der Spitex-Mitarbeitenden weit auseinanderklaffen. Sie versucht dann, das Beste für alle herauszuholen. Oft ist viel Fingerspitzengefühl nötig, wie bei der betagten Frau.

Pflege bedeutet auch Intimität

Als Siebenhaar bei ihr zu Hause sass und fragte, wie es ihr gehe, brach diese plötzlich in Tränen aus. Es fiel ihr furchtbar schwer, die Pflege ihres Mannes an die Spitex abzugeben. Nicht nur, weil sie sich als Versagerin fühlte, sondern weil sie bei der Pflege auch Zärtlichkeit und Intimität erlebte. Ihren Mann nicht mehr allein waschen zu können, tat ihr sehr weh. Die Pflegeexpertin besuchte die Frau mehrmals, hörte ihr zu, nahm sie ernst, ohne Druck aufzusetzen. Das Vertrauen der Frau in die Spitex wuchs, und irgendwann konnte sie die Hilfe akzeptieren.

Mit Schmerz, Trauer, Wut und Ängsten sind die Mitarbeitenden der Spitex täglich konfrontiert. Das Personal muss deshalb besonders feinfühlig vorgehen und darf nicht von Anfang an Freundlichkeit oder gar Dankbarkeit erwarten. Claudia Siebenhaar hält das aus. Die Pflegeexpertin der Spitex Zürich ist eine von mehreren Frauen und Männern, die im Buch «Puzzeln mit Ananas – Menschen der Spitex erzählen» sehr offen und berührend über ihren Arbeitsalltag berichten. Geschrieben hat das Buch die Zürcher Autorin Pascale Gmür, nachdem sie durch ihre Eltern erfahren hatte, was die Spitex alles leistet, damit kranke und fragile Menschen weiterhin in ihren eigenen vier Wänden leben können. «Ich habe Pflegeberufe zwar immer wertgeschätzt, aber ich konnte nie so richtig nachvollziehen, weshalb die Körperpflege anderer so selbstverständlich sein soll», sagt Gmür.

Kein Ekel vor Ausscheidungen

Die Antwort darauf ist so einfach wie elementar. Spitex-Fachfrau Cornelia Kaya schildert im Buch, wie sie zu Beginn ihrer Berufstätigkeit Ekel vor Ausscheidungen empfand. Bis zu dem Zeitpunkt, als sie sich bewusst machen konnte: «Es ist sehr sinnvoll, jemandem das Gesäss zu reinigen. Die Person fühlt sich nachher wohler, es lassen sich Gerüche und Infektionen verhindern.» Die meisten beschreiben die Körperpflege als eine schöne und achtsame Arbeit. Auch die Autorin Pascale Gmür hat einige Vorurteile abgebaut, nachdem ihr Vater an Krebs und ihre Mutter an Alzheimer erkrankt sind. «Indem ich die Pflegepersonen bei der Arbeit beobachtete und mich anleiten liess, verlor ich die inneren Widerstände und konnte den sterbenden Vater und später auch die Mutter betreuen und pflegen.» Die Beziehung zu den Eltern habe sich dadurch in vielerlei Hinsicht intensiviert.

Pflegende kommen den Menschen rasch sehr nah. Sie wissen, wie sie nackt aussehen, wie sie riechen. Oft kennen sie die Klienten kaum, und schon duschen sie sie, cremen sie ein und helfen ihnen beim Anziehen. Mehr noch: Spitex-Mitarbeitende nehmen ihre Kunden auf vielen persönlichen Ebenen wahr. Sie kennen ihre Alltagsgewohnheiten und Nöte, sie sind vertraut mit den Gerüchen und Stimmungen bei ihnen zu Hause und können meist gut damit umgehen. An einen bestimmten Geruch gewöhnt man sich jedoch nie, wie Spitex-Fachfrau Cornelia Kaya im Buch erzählt: an die Trostlosigkeit. «Man riecht und sieht sie in der Wohnung. Solche Wohnungen sind nicht mehr belebt, obwohl ein Mensch darin wohnt.» Das gehe tiefer als Einsamkeit und erschüttere sie deshalb nach wie vor.

Täglich mit existenziellen Themen konfrontiert

Wie hält man das bloss aus? Viele der Spitex-Mitarbeitenden haben der Autorin erzählt, dass sie den Beruf auch deshalb gewählt haben, weil sie selbst früh in ihrem Leben mit Krankheit und Verlust konfrontiert waren und solche Vorgänge besser verstehen wollten. «Die Pflegenden haben durch ihre Aufgaben einen direkten Bezug zu existenziellen Themen», sagt Gmür. Das sei mit ein Grund, weshalb sie ihre Arbeit als erfüllend wahrnehmen. «Sie sind quasi Expertinnen und Experten, wenn es um bedeutsame Aspekte des Lebens geht, um Würde, um Selbstbestimmung, um das Sterben.»

Beeindruckt hat Gmür auch die Art und Weise, wie Pflegepersonen über die Patientinnen und Patienten sprechen. «Sie bewerten sie nicht, sondern versuchen, sie wertzuschätzen, ihre Schwächen zu verstehen und ihre Stärken zu fördern.» Andrea Hilfiker, Mitarbeiterin der psychosozialen Spitex in Aarau, erzählt im Buch über eine alkoholkranke Frau, die sie seit Jahren zu Hause besucht und die sie immer wieder in einem schlimmen Zustand vorfindet. Einmal war sie mehrfach gestürzt und hatte offene, blutende Wunden. «Als ich kam, sass die Frau heulend am Boden und sagte, sie schäme sich. Ich versicherte ihr, sie brauche sich nicht zu schämen. Ob sie mich umarmen dürfe? Ja, natürlich.»

Jeder Mensch ist gleich viel wert, egal wie er riecht

Wenn die Pflegefachfrau über sozial ausgegrenzte, am Leben zerbrochene Menschen berichtet, ist für sie klar, dass jeder Mensch immer gleich viel wert ist, egal was er erlebt hat. Dieses Gefühl möchte sie ihren Klienten unbedingt vermitteln. «Lebenssinn kann ich ihnen nicht geben, aber zeigen, dass ich sie nicht fallen lasse, selbst wenn sie trinken, sich nicht duschen und ihre Kleider nicht wechseln.»

So viel Toleranz und Mitgefühl haben bei der Autorin Pascale Gmür einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Gleichzeitig ist ihr bei der Recherche aufgefallen, «dass diese wertvolle, diskret stattfindende Pflegearbeit öffentlich kaum wahrgenommen, geschweige denn richtig wertgeschätzt wird.» Mit dem Buch will sie ein Zeichen setzen – und die Menschen der Spitex öffentlich sichtbar machen.

Pascale Gmür: Puzzeln mit Ananas. Menschen der Spitex erzählen, Hier und Jetzt, Baden 2019, 264 Seiten, 34 Franken. Erscheint am 17. Juni.

Buchvernissage: 25. Juni, 19 Uhr, Zentrum Karl der Grosse, Zürich.

Erstellt: 13.06.2019, 21:00 Uhr

Die Spitex in Zahlen

Spitex ist die Abkürzung für «spitalexterne Hilfe und Pflege». Die öffentliche Spitex gehört zu den grössten Arbeitgebern der Schweiz. Mit 38'000 Mitarbeitenden beschäftigt sie mehr Personen als die SBB. Die 577 lokal organisierten Spitex-Betriebe werden zu rund 47 Prozent durch Kantone und Gemeinden getragen, der Rest wird durch die Versicherungen, Patientenbeteiligungen, Mitgliederbeiträge und Spenden finanziert. Knapp 285'000 Menschen werden von der gemeinnützigen Organisation daheim gepflegt und betreut. In jedem Dorf, in jeder Stadt sind Fachpersonen der Spitex unterwegs. Die Dienstleistungen werden ärztlich verordnet. Ein wichtiges Aufgabengebiet ist die Unterstützung von älteren Menschen daheim. Über vierzig Prozent der Spitex-Klienten sind mehr als 80 Jahre alt. (lm)

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