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Bei den fremden Reitern

Wer das Weite sucht, wird in Kirgistan fündig. Wer Abenteuer sucht ebenso. Der zentralasiatische Staat bezaubert durch seine Unberührtheit, Vielfalt und Gastfreundschaft.

Die Hufe donnern über das Gras der Steppe. Die wallenden Mähnen der Hengste wehen im Wind. Ungestüm und unbändig galoppieren wir durch das wilde Hochland Kirgistans: Die Lebensgeister jubilieren. Zeit ist hier nur ein Wort, Pflicht nur ein Unwort. Der Wind pfeift uns um die Ohren, sonst hüllt sich die Welt in Schweigen: weit und breit kein einziges Anzeichen jedwelcher Zivilisation, nur sanfte Hügel, die in schneebedeckte Gipfel münden. Unter ihnen trotzen drei Jurten den Elementen: unser Zuhause.

Ein Tod naht, doch das wissen wir noch nicht. Unverhofft zieht ein Sturm auf. Wir kehren um, wärmen uns am Ofen in unseren runden Behausungen aus Schafsfilz. Wir vier sind die einzigen anwesenden Ausländer. Die Einheimischen machen Tee für alle und es gibt die – neben Fleisch – andere typisch kirgisische Mahlzeit: das runde Brot und selbst gemachte Konfitüre. Man isst auf dem Boden. Dort schläft man auch.

Die Mahlzeit gilt es einzufangen

Wie der Abend, so lässt auch das Fleisch nicht lange auf sich warten – aber noch lebt das Tier. Ulan, das Familienoberhaupt, wandelt fast bedächtig durch seine beachtliche Schafherde, mit einem Strick bewaffnet. Er fängt das Auserwählte. Die Kehle des Tieres, dessen letzte Stunde geschlagen hat, wird mit einem Messer durchschnitten. Es zuckt, nicht lange, draussen im Gras.

Zunächst sind die Männer am Zug. Sie trennen den Pansen ab und übergeben ihn den Frauen, die ihn ausnehmen. Die Abendsonne taucht die Geschehnisse in ein zartes Licht: für uns ein etwas schauriges Szenario. Wir sind es uns gewohnt, uns beim Kauf eines Filets in falscher Unschuld zu wähnen. Nach getaner Arbeit hält ein kleiner Junge triumphierend den Kopf und die Füsse des vor Kurzem noch Grasenden in die Höhe. Er lacht fröhlich.

Wo ein Wille ist, aber kein Weg

Wir sind in einem Jailoo, einer Jurtenstätte, namens Sarala-Saz. Hierher zu gelangen, ist gar nicht so einfach. Doch sind nicht die Dinge, die eigentlich schiefgehen, aber gut enden, jene, die in bester Erinnerung bleiben? Im Irrglauben, es gäbe eine Strasse hierher, überredeten wir einen Taxifahrer in Kochkor, uns mitzunehmen. Mitten im Nirgendwo hielt er plötzlich an und meinte, hier sei Endstation. Ein Blick nach links verriet warum: Die Brücke über den Fluss war eingestürzt. Nun denn. Unverdrossen stiegen wir aus. Es war kurz vor dem Eindunkeln, die Kulisse prächtig. Wir hatten ein Zweierzelt dabei – für vier Personen.

Da kam plötzlich ein roter kleiner Lada daher, übers Gras. Vier Fischer, schon in bester Laune, stiegen aus. Ob sie uns mitnehmen würden? Ein schmunzelndes «oba, oba», also ja, ja auf kirgisisch, liess uns hoffen. Als sie zurückkamen, leerten sie Wasser aus ihren Stiefeln, packten Wassermelonen aus, die sie mit uns teilten und pumpten die Reifen des Wagens auf. Danach quetschten wir uns zu acht in den Personenwagen. Die Stimmung war blendend. Wir fuhren über Kiesbänke durch den Fluss und auf der anderen Seite meilenweit durch das Gras hinauf. Der Weg war nicht mehr, der Wille schon. Als die Jurten von Sarala-Saz in Sichtweite kamen, gab der Motor seinen Geist auf: Die Fischer machten uns vor, was uns erwartete: aussteigen. Wodka zirkulieren lassen.

Stutenmilch – eine Mutprobe

Anders als in Russland, zu welchem Kirgistan bis 1991 als Sowjetstaat gehörte, ist nicht Wodka das Nationalgetränk, sondern Kumis: leicht gegärte Stutenmilch. Kumis als etwas gewöhnungsbedürftig zu beschreiben, wäre eine gut gemeinte Untertreibung. In jeder Jurte, in welche man beim Trekken eingeladen wird, bekommt man ihn aber angeboten. So auch als wir vom Kyzart-Pass zum See Song-Köl wandern, mit einem Guide und einem Pferd als Lastenträger. Die Szenerie ist atemberaubend: Inmitten des weiten, hügeligen Grüns klaffen felsige Canyons, durch die sich Bäche schlängeln. Die Dimensionen schmeicheln unserem Auge. Wie Gullivers Finger strecken sich lang gezogene Hügel von den Bergkämmen nach dem Wasser. Ihre rote Erde schimmert der Sonne entgegen. Wenn die Abendsonne die Landschaft mit ihrem goldenen Licht überflutet, wäre Wegschauen eine Sünde. Fast selig kommen wir zur Jurte: Und der Kumis wartet.

Tags darauf erklimmen wir einen Pass – auf der anderen Seite blinzelt uns der See Song-Köl entgegen. Das Sonnenlicht tanzt auf seiner Oberfläche. Unten angekommen, gehen wir baden. Auf 3016 Metern Höhe; das Wasser ist wärmer als jenes der Aare im Sommer. Der Song-Köl ist betörend, wie er daliegt, in die weitläufige Steppe gebettet. Tourismus ist zwar nicht fremd an seinen Ufern – anders als am Gletschersee Köl Ükök südöstlich von Kochkor – das bedeutet jedoch bloss, dass an zwei Orten je ein Dutzend Jurten stehen. Dazwischen sind seine Ufer unberührt. Erneut eine grandiose Gelegenheit, um zu reiten, als hätte man Flügel. Pferde bekommt man überall: Die Kirgisen sind ein Reitervolk.

Und was für eines: Auf Pferde-Trekkings werden wir immer wieder Zeugen ihres ausserordentlichen Könnens, sehen junge Burschen riesige Schafherden über die Hügel treiben, wendig und behände, immer fest im Sattel. Auch der Nationalsport spielt sich auf dem Rücken der Pferde ab (siehe Infobox.)

Rührende Gastfreundschaft

Im Norden des Landes wartet der See Issyk-Kul mit einer Überraschung auf: Seine Sandstrände ziehen Badetouristen aus Kasachstan und Russland an. In Kirgistan räkelt man sich auf 1600 Metern in der Sonne und blickt dabei auf verschneite Gipfel.

Wir lassen den Norden hinter uns und holpern über hohe Pässe von Naryn aus nach Jalalabad. Die Aussicht ist grosses Kino. Die Vielfalt der Landschaft macht aus der zwölfstündigen Fahrt einen Hochgenuss: Sanddünen, Grashügel, Gebirge, rote Felstürme, weite Ebenen, Perspektiven wie aus dem Flugzeug. Da wir erst nachts ankommen und im nächstgelegenen Hotel keine Betten mehr frei sind, laden uns der Chauffeur und seine ebenfalls anwesende Frau kurzerhand zu ihnen nach Hause ein. Es ist nicht das erste Mal, dass wir von Kirgisen eingeladen werden, die Gastfreundschaft dieser Menschen ist überwältigend.

Tags darauf gelangen wir nach Osch und damit ins eigentliche Zentralasien: überall quirliges Treiben auf den Märkten bei 43 Grad. Der Duft von brutzelnden Fleischspiessen (Schaschlik) durchdringt die Hitze. Gewürze, Stoffe, Handwerk, wohin das Auge blickt. Überall emsiges Feilschen.

Unter den Gipfeln des Pamirs

Die Weiten vermissend, machen wir uns auf nach Sary-Tash, in einer Marschrutka, einem Minibus. Wie immer ist er zum Bersten voll. Dank der Nähe entspinnen sich oft herrlich skurrile Gespräche mit den Menschen. In Sary-Tash verschlägt es uns den Atem – nicht wegen der Höhe, wegen der Aussicht. Über der schier unendlichen Steppe thronen die Schneeriesen des Pamirs. Die 7000er Tadschikistans, wie aus dem Nichts ragend. Östlich liegt China, woher ab und zu ein Lastwagen über die ungeteerte Piste schleicht.

Die Zeit scheint stillzustehen. Das kleine Dorf scheint leer und doch von einer wundersamen Magie erfüllt. In den Strassen zwei Reiter und ein Kalb. Wir treffen alte Männer. Ehrwürdige Hüte, die Kalpaks zieren ihre Häupter. Verschmitzt plaudern sie mit uns. Eine junge Frau lädt uns in das Haus ihrer Familie ein. Draussen, neben dem Wellblechdach, stapelt sich Brennmaterial: Viehdung. Drinnen, auf einem orientalischen Teppich, steht eine moderne Karaokeanlage neben einem Fernseher. Die Zeit steht nicht still.

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