«20 Prozent Maturanden an Gymnasien sind die richtige Quote»

Deutsche Expats üben Kritik am «Gymi-Graben». Ist unser Schulsystem zu selektiv? Ein Bildungsexperte verneint scharf.

Jubelnde Maturanden am Gymnasium Liestal im Juni 2019.

Jubelnde Maturanden am Gymnasium Liestal im Juni 2019. Bild: Florian Baertschiger

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Viele Deutsche haben keine Lust mehr auf die Schweiz. 2018 verliessen laut Staatssekretariat für Migration 14'000 deutsche Staatsbürger die Schweiz – 20'200 wanderten zwar ein, diese Nettozunahme von rund 6000 ist aber markant kleiner als die knapp 35'000 zehn Jahre zuvor. Das liegt nicht nur an der verbesserten Wirtschaftslage in Deutschland: Die Deutschen in der Schweiz berichten von einigen Problemen, vom schlechter ausgebauten Wohlfahrtsstaat bis zum Schulsystem. «Man wird in Elite und Nicht-Elite eingeteilt» monierten zwei Deutsche im Interview über das Schweizer Bildungswesen – für sie war das ein Hauptgrund für die Rückkehr nach Deutschland.

Stefan Wolter, der Leiter der Forschungsstelle für Bildungsökonomie am Department Volkswirtschaftslehre der Universität Bern, wehrt sich gegen die Kritik:

Viele Deutsche und andere Ausländer hier haben Mühe mit dem hiesigen Schulsystem. Sie verlassen darum gar die Schweiz. Gerade für hoch qualifizierte Expats mit Kindern ist es unattraktiv, dass die Maturaquote so niedrig, das System so selektiv ist.
Stefan Wolter: Was da oft übersehen wird: Deutschland hat zwar inzwischen eine hohe sogenannte Studienberechtigten-Quote, die Schulabgänger mit Abitur und Fachhochschulreife umfasst. Sie liegt bei etwa 50 Prozent. Die Frage ist aber: Was machen diese Studienberechtigten dann damit? Schweizweit erreichen in der Tat pro Jahrgang durchschnittlich nur 20 Prozent eine gymnasiale Matur. Aber am Ende besitzt in der Schweiz ein höherer Anteil der 25- bis 34-jährigen einen tertiären Abschluss als in Deutschland.

Was heisst das?
Laut OECD hatten 2017 in der Schweiz 50,1 Prozent der 25- bis 34-Jährigen einen tertiären Bildungsabschluss, in Deutschland jedoch nur 31,3 Prozent. Höhere Werte erreichten in Europa nur England, Irland, Luxemburg und Litauen. Hierzulande gibts auch nach der Lehre sehr gute Möglichkeiten, mit einer Fachhochschule oder einer höheren Berufsbildung zu einem tertiären Bildungsabschluss zu kommen und auch einkommensmässig mit Universitätsabsolventen gleichzuziehen!

«Vom Einkommen her fährt man nicht schlechter als mit einer Matura plus Studium.»

Hier zählt etwa der Besuch einer höheren Fachschule mit höherer Fachprüfung und eidgenössischem Fachausweis in «Hotellerie-Hauswirtschaft» als tertiärer Bildungsabschluss. In Deutschland nicht.
Die Kriterien sind tatsächlich teils national bestimmt. Aber eine höhere Berufsbildung in der Schweiz reicht vielfach klar über den Meisterbrief hinaus. Dazu gehören auch Abschlüsse, die als äquivalent zum Doktorat gelten. Zudem fährt man mit der höheren Berufsbildung vom Einkommen her nicht schlechter als mit einer Matura plus Studium. Zumindest in der Schweiz. Auch ist das Wachstum der tertiären Abschlüsse in der Schweiz gar nicht auf die höhere Berufsbildung zurückzuführen, sondern auf die Fachhochschulen und pädagogischen Hochschulen.

Gerade Expats wollen für ihre Kinder aber Perspektiven ausserhalb der Schweiz offenhalten. Und: Rund jeder vierte Lehrvertrag in der Schweiz wird vorzeitig aufgelöst. Werden viele Kinder nicht zu früh ins Berufsleben gepresst?
Eine Lehrvertragsauflösung bedeutet in vielen Fällen keinen Lehrabbruch, sondern kann sogar eine Umstufung auf eine anspruchsvollere Lehre bedeuten. Die jährlichen Umfragen bei den neuen Lernenden zeigen sehr hohe Zufriedensheitswerte. Und die Arbeitgeber suchen 15- und 16-Jährige für ihre Ausbildungsplätze. Man braucht etwa bei den Banken keine Matura wie in Deutschland üblich. Bei einer höheren Maturaquote würden Banken oder Versicherungen hierzulande keine oder nur noch wenige Lehrstellen anbieten. In Kantonen mit hohen Maturitätsquoten kann man das heute schon beobachten.

Die UBS bietet einen Turbo-Einstieg für Mittelschulabsolventen. Und Philipp Gonon, Professor für Berufsbildung in Zürich, stellt fest: Die Berufsmatura sei wichtig, stagniere aber. Es bestehe zudem ein Bedarf nach mehr Gymi-Absolventen. 2018 sagte er: «Man sollte die Gymi-Quote sicher nicht senken. Sie muss mindestens stabil bleiben. Eigentlich müsste sie ansteigen.»
Die Berufsmaturität, auch wenn sie stagniert, ist für 75 Prozent des Anstiegs der Maturitätsquote verantwortlich. Zusammen mit der Fachmaturität kommen wir in der Schweiz in die Nähe einer Maturitätsquote von 40 Prozent. Nein, meiner Meinung nach sollte die Gymi-Quote von rund 20 Prozent nicht steigen.

Sollen unsere Kinder ihre Jugend als billige Arbeitskräfte für den Arbeitsmarkt vertun?
Das ist doch kein «vertun»! Im Gegenteil, bei der UBS und CS zum Beispiel wird erwartet, dass die Lehrlinge nebenher die Berufsmatura machen. Das erste Lehrjahr sind sie überhaupt nicht mehr im Betrieb. Mit 21 Jahren haben sie dann bereits viel Berufserfahrung, eine Berufsmatur und allenfalls den Bachelor in der Tasche! Das ist ein toller Weg mit einer fantastischen Bildungsrendite. Vergleichen Sie das mit einem jungen Menschen, der mit 18 Jahren die Matura gemacht hat, nach einem Zwischenjahr 2,5 Jahre an der Universität studierte, dann feststellen musste, dass es bei ihm doch nicht fürs Studium reicht. Wo ist da die Rendite?

Gehts bei humanistischer Bildung nur um Rendite?
Natürlich nicht, sie hat ihre Qualität an sich. Aber anders als in Deutschland hat die Matura hier bis heute einen sehr spezifischen Zweck: das Erreichen der Studierfähigkeit, um an einer unserer hervorragenden, anspruchsvollen Universitäten bestehen zu können. Sieben hiesige Universitäten zählen zu den Top-200 der Welt. Und rund 60 Prozent unserer Studierenden besuchen eine dieser Universitäten. Wird dieses Ziel nicht erreicht, war das Gymnasium der falsche Weg. 20 Prozent Maturanden an Gymnasien sind nach unseren Berechnungen derzeit ungefähr die richtige Quote dafür.

Wie wird das berechnet?
Wir haben die Studienbiografien aller Studierenden in der Schweiz seit 1974 analysiert. Die Studienabbrecher-Quote ist hier mit fast einem Viertel im Durchschnitt zwar immer noch zu hoch. Doch in Kantonen mit Maturitätsquoten von deutlich über 20 Prozent steigt die Abbruchquote exponentiell an, unabhängig von Studienfach oder -ort. Da besteht ein Zusammenhang. Also tun wir niemandem einen Gefallen, wenn wir weniger streng selektieren. Solche Abbrüche bedeuten für alle Seiten einen Verlust – nicht nur monetär.

«In Deutschland gibt es einfach eine spätere Selektion.»

In Deutschland liegt die Studienabbrecher-Quote nicht viele Prozentpunkte über der unseren. Dafür nutzen ausländische Studierende unsere Universitäten intensiv. Hiesige Firmen, die Ärzteschaft, Architekturbüros, Unis, sogar Schulen werden beträchtlich durch Deutsche mit deutschem Abitur bestückt. Sie sind offenbar gut genug für die Posten hier.
Das kann kein Argument dafür sein, unsere Matura-Standards zu senken. Bei uns arbeiten nicht Durchschnittsabiturienten, Durchschnittsärzte oder -anwälte aus dem Ausland. In Deutschland gibt es einfach eine spätere Selektion. So lag dort jetzt fürs Wintersemester 2019/20 auf 40 Prozent der Studienfächer ein Numerus clausus: Das heisst, ohne einen bestimmten Abiturschnitt konnte man das Fach nicht studieren. Wollen wir unseren Maturanden gute Chancen in unseren Betrieben und Universitäten geben, müssen wir uns an einem Topniveau orientieren.

Dem Numerus clausus – den es hier für medizinische Fächer gibt – kann man in Deutschland mit Wartesemestern begegnen, die angerechnet werden.
Schon. Aber auch da frage ich mich, ob man etwa von einer Lehre mit Berufsmatura und angeschlossenem Fachhochschulstudium oder höherer Berufsbildung nicht mehr profitiert hätte. Denn nach einem Wartesemester kommt die nächste, wieder bessere Studierendenkohorte. Und mit einem schlechten Bachelor kann man an guten deutschen Universitäten – im Gegensatz zur Schweiz –nicht einmal in den Master übertreten.

« Bei uns stimmt das Image nicht. Das muss sich ändern.»

Wenn Schulsystem, Ausstattung der Schulen und Lehrerlohn so gut sind – wieso haben wir einen so eklatanten Lehrermangel, dass wir aus dem Ausland Lehrer anwerben müssen?
In der Schweiz ist es vor allem ein demografisches Pech. Die Lehrer der Babyboomer-Generation gehen in Rente, zugleich haben wir einen unerwarteten Kinderboom. Es braucht viel mehr Lehrer als geplant. Und woher will man diese nehmen, wenn gleichzeitig auch die Firmen Fachkräfte suchen? In der Schweiz hat ein unglückliches Zusammentreffen verschiedener Faktoren den Lehrermangel verursacht.

In den Bildungsnationen Kanada und Finnland mit hohen Matura-Quoten besteht ein Run aufs Lehrerstudium, trotz schlechterem Lohn.
Für mich ist das eine Marketingfrage. (lacht) Dort wird hart selektiert. Es kommen nur die Besten hinein, und diese benutzen die Auszeichnung «Lehrer» dann oft als Sprungbrett für eine andere Karriere. Bei uns stimmt das Image nicht. Es wird fast als «Negativselektion» angesehen. Das muss sich ändern.

Erstellt: 08.09.2019, 20:37 Uhr

Stefan Wolter

Stefan Wolter leitet die Forschungsstelle für Bildungsökonomie am Department Volkswirtschaftslehre der Universität Bern. Er ist Direktor der Schweizerischen Koordinationsstelle für Bildungsforschung und zeichnete auch für den Bildungsbericht Schweiz 2018 der Schweizerischen Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren EDK. Wolter hat selbst keine Kinder.

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