3 + 3 = 8

Das Zeitalter der Zahlen ist vorbei, es zählen nur noch Erzählungen.

Da draussen zählen nun mal nicht Zahlen. Foto: Pixabay, Pexels

Da draussen zählen nun mal nicht Zahlen. Foto: Pixabay, Pexels

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Vater, Lehrerin

Lehrerin: Sie wollten mit mir sprechen?

Vater: Ja, genau.

Lehrerin: Was steht an?

Vater: Unser Sohn Levi ist in Ihrer Klasse eigentlich glücklich und zufrieden.

Lehrerin: Schön. Aber?

Vater: Wie soll ich sagen . . . Also, meine Frau und ich haben manchmal den Eindruck, dass er Dinge hier lernt, die schlicht falsch sind.

Lehrerin: Falsch?

Vater: Er kommt bei den Rechenaufgaben auf absurde Resultate und behauptet, Sie hätten ihm diese bestätigt.

Lehrerin: Verstehe.

Vater:Was verstehen Sie?

Lehrerin: Ihr Sohn hat behauptet, drei plus drei ergibt acht. Also habe ich ihn gefragt, wie er darauf kommt. Er sagte, wenn man eine Drei betrachte, sehe sie aus wie eine halbe Acht. Eine halbe Acht ist eine Vier. Und vier plus vier ergibt nun mal acht. Das hat mir eingeleuchtet.

Vater: Wie bitte?

Lehrerin: Schauen Sie sich doch nur die Drei numerisch an, sie sieht aus wie eine halbe Acht. Legt man zwei Dreien spiegelverkehrt zusammen, ergibt das eine Acht.

Vater: Na und?

Lehrerin: Glauben Sie, das ist Zufall?

Vater: Wie bitte?

Lehrerin: Dass zwei Dreien eine Acht ergeben können, ist offensichtlich, aber alle verschliessen die Augen davor.

Vater: Wovor?

Lehrerin: Dass die Drei eine Vier ist.

Vater: Wenn ich drei Rüben auf den Tisch lege, dann liegen dort drei und nicht vier.

Lehrerin: Aber sind alle Rüben auch gleich gross?

Vater: Hä?

Lehrerin: Sehen Sie, Sie kommen schon ins Schleudern.

Vater: Die Grösse der Rüben hat doch nichts mit ihrer Anzahl zu tun.

Lehrerin: Wer hat ihnen das erzählt? Die Bildungselite, die glaubt, zu wissen, was besser und richtiger für alle ist?

Vater: Was?

Lehrerin: Es sind Lügenlehrer, die seit Jahren die Realität verzerren, nur weil in den Mainstream-Schulen der Konsens herrscht, dass die Drei eine Drei ist. Wo bleibt da die Liberalität, wenn wir gezwungen werden, ein völlig veraltetes Zahlensystem anzuerkennen, das uns alle Freiheiten nimmt und uns in ein Korsett zwingt?! Ihr Sohn hat auf jeden Fall bereits einen Grossteil der Klasse überzeugt, dass die Drei eine Vier ist.

Vater: Mein Sohn?

Lehrerin: Sie können sich ja vorstellen, wie die Klasse sich fühlt. Die Schüler sind aufgebracht, fühlen sich von den Lehrern betrogen und sind wütend.

Vater: Wütend?

Lehrerin: Levi führt die Bewegung «Alternative Zahlen» an. Viele halten uns für verrückt, aber das treibt uns noch mehr an.

Vater: Sie glauben tatsächlich, eine Drei ist eine Vier?

Lehrerin: Nein, ich weiss, dass eine Drei eine Drei ist.

Vater: Eben! Warum erschrecken Sie mich dann so?

Lehrerin: Weil es heutzutage keine Rolle spielt, was eine Drei bedeutet. Ich bin als Lehrerin dafür verantwortlich, die Schüler für die Welt da draussen stark zu machen. Und da draussen zählen nun mal nicht Zahlen.

Vater:Aber natürlich zählen sie! Heute mehr denn je. Wissen Sie, was letzten Monat allein in der Schweiz entschieden wurde? Das Zürcher Kantonsparlament will einen Teil der Wasserversorgung privatisieren, obwohl alle Zahlen belegen, dass unser Wasser dadurch schlechter und teurer wird. Der Ständerat hat beschlossen, das Gleichstellungsgesetz noch mal zurückzustellen, obwohl alle Zahlen bestätigen, dass Frauen weniger verdienen. Und der Bundesrat ist bereit, über Export von Kriegsmaterial in Bürgerkriegsländer nachzudenken!

Lehrerin: Sehen Sie. Und das ist nicht nur in der Schweiz so, auf der ganzen Welt schafft es keine einzige Zahl, Umwelt, Konflikte und Politik zu beeinflussen. Zahlen zahlen sich nicht aus. Das Zeitalter der Zahlen ist vorbei, es zählen nur noch Erzählungen. Und Ihr Levi ist ein sehr guter Erzähler.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.03.2018, 17:33 Uhr

Laura de Weck

Die Autorin und Schauspielerin wechselt sich als Kolumnistin mit dem Politgeografen Michael Hermann und dem ehemaligen Preisüberwacher Rudolf Strahm ab.

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