Autoritätsperson oder Kollege?

Es ist eine oft sonderbare Konstellation: Wenn Studierende auf Assistierende treffen, die ihre Prüfungen zusammenstellen, ihre Arbeiten benoten – und manchmal Kaffee mit ihnen trinken.

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Ihre Stimme zittert leicht, die Hände stecken tief in den Hosentaschen der schicken Sommerhose. Langsam bilden sich am Hals der jungen Frau rote Flecken. Die Studierenden werfen sich verstohlen Blicke zu. Später in der Pause werden sie witzeln über die Nervosität der Übungsleiterin, die nur wenig älter ist als sie selbst. Sprüche, ja, aber nicht zu laut, denn die Assistentin wird die Arbeiten korrigieren und benoten, welche die Studierenden im Laufe des Semesters abgeben müssen. Und sowieso ist die aktive Teilnahme am Unterricht Bestandteil der Note. Die Studierenden seufzen beim Gedanken daran.

Die junge Frau gibt den Kurs zum dritten Mal. Seit dem letzten ist ein Jahr vergangen. Sie forscht viel lieber für ihre Doktorarbeit, als dass sie vor der Klasse steht. Aber die Lehrtätigkeit gehört zu ihrem Stellenprofil. Bei ihren Kollegen lässt sie zwischendurch Luft ab. Nur auf Noten fixiert seien die Studierenden, und unberechenbar.

Zwischen lernen und lehren

Andreas Steiger, Assistent am Mathematik-Departement der ETH, weiss, was mit unberechenbar gemeint ist. «Einmal läuft eine Übung fantastisch, die Studenten sind interessiert, denken mit. Beim nächsten Mal mache ich alles gleich – und es läuft überhaupt nicht. Keiner macht mit, null Input.» Er findet es schwierig, sich daran zu gewöhnen, «dass man es nicht schafft, alle mitzureissen». Andreas Steiger doktoriert an der ETH, stellt neben seiner Forschungsarbeit aber auch Prüfungen zusammen und korrigiert – bei grossen Prüfungen manchmal eine ganze Woche am Stück. Er gibt Übungen und ist dabei, wenn mündliche Prüfungen abgenommen werden.

Bei vielen Assistierenden kommt aus­serdem die Betreuung von Semester- und manchmal Bachelor- und Masterarbeiten hinzu. Allerdings variieren die Aufgaben – und auch die Bezeichnung – von Hochschule zu Hochschule und je nach Institut und Departement. Viele dieser Helfer im Lehrunterricht doktorieren, aber nicht alle.

Studierende erachten Assistentinnen und Assistenten immer wieder als eine Herausforderung. Wie geht man mit jemandem um, der oft nur wenig älter ist, aber als Unterrichtender oder Betreuungsperson doch einige Macht hat? Zu wenig Zeit hätten manche «Assis» für die Studierenden, ist in den Hochschulgängen zu hören. Zu wenig Feedback auf Arbeiten gebe es.

Georg Winterberger kennt die Ansprüche und Wünsche der Studierenden. Sie seien oft sehr hoch. Er ist Geschäftsleiter des Ethnologischen Seminars der Universität Zürich und forscht zu Burma. Und auch er unterrichtet und korrigiert Arbeiten. Studierende würden oft vergessen, dass die Lehraufgaben nur ein kleiner Teil des Pflichtenhefts seien, der grosse Teil der Arbeitszeit sollte der Forschung gehören, sagt Winterberger, der als Co-Präsident der Vereinigung des akademischen Mittelbaus der Universität Zürich auch die Interessen der Assistierenden vertritt.

Den Studierenden gibt er auf Arbeiten oft neben einem kurzen schriftlichen ein mündliches Feedback – oder zumindest bietet er dies an. Denn, so Winterberger, die Resonanz auf sein Angebot sei jeweils gering. «Meist kommen nur wenige.»

ETH-Assistent Andreas Steiger war längere Zeit für das Personalmanagement der Assistenten am Departement zuständig und weiss, dass nicht alle gleich viel und gleich gut Feedback geben. «Die einen knien sich sehr in die Lehraufgaben, die anderen empfinden sie als lästige Pflicht.» Da gebe es nur eines, meint sein Kollege Christopher Nowzohour, ebenfalls Assistent an der ETH und Vizepräsident der akademischen Vereinigung des Mittelbaus der ETH Zürich: «Die Studierenden müssen sich das Feedback holen.» Da dürfe man auch etwas aufsässig sein.

Auf «Du» oder per «Sie»

Die Problematik des fehlenden Feedbacks kennt Nowzohour aus eigener Erfahrung. Denn auch von den Studierenden kämen nur selten Rückmeldungen: «Wir haben an der ETH keine pädagogische Ausbildung. Da sind wir froh, wenn man uns sagt, was wir anders machen könnten.» Vermutlich falle Kritik manchen Studierenden schwer, weil sie die Assistierenden als Autoritätspersonen wahrnähmen. Nowzohour und Steiger sehen sich eher als Helfer. Beide bieten jeweils das «Du» an. «Wir wollen vor allem begeistern für den Stoff, den wir interessant finden», sagt Nowzohour.

Georg Winterberger siezt die Studierenden. Sonst fehle die Distanz – was beim oft geringen Altersunterschied schnell passiere. «Einen Professor würde kaum einer fragen, ob er die Arbeit nach Eingabefrist abgeben dürfe – uns schon.» Gerade junge Unterrich­tende würden sich manchmal verunsichern lassen. Die Studierenden seien vereinzelt auch ziemlich frech. Da sage schon mal einer in einer Veranstaltung: «Es macht Sie nervös, wenn ich immer wieder Fragen stelle, nicht?»

Erstellt: 02.07.2014, 11:42 Uhr

Knigge

Der Umgang mit Assistenten

  • Nimm aktiv am Unterricht teil, stelle Fragen. So zeigst du dem Assistierenden, was noch unklar ist und wo er ansetzen muss.
  • Wenn du Fragen hast, die du persönlich stellen willst, nutze die Zeit in der Pause der Veranstaltung oder unmittelbar danach.
  • Weisst du nicht, ob ihr per «Du» oder «Sie» seid, ist Siezen angebracht.
  • Auch beim «Du» gehört an den Anfang eines Mails ein «Hallo» oder «Liebe(r)...».
  • Wenn die Frist für eine Einsprache bereits abgelaufen ist, lass Diskussionen gut sein über Punkte, die du an einer Prüfung nicht bekommen hast.
  • Assistierende antworten auf E-Mails nicht immer innert Stunden: Erhältst du nach drei oder vier Tagen keine Rückmeldung, melde dich nochmals. Du kannst ruhig zwei- oder dreimal (freundlich!) nachhaken.
  • Wenn du nach mehreren Mails keine Antwort erhältst: Ruf an oder geh persönlich vorbei. Du kannst auch eine andere Person im Departement/Institut anschreiben. Klappt das nicht, meldest du dich beim Professor.
  • Ausfälliges Benehmen zieht möglicherweise weitere Kreise, als du meinst: Auch Assistierende reden untereinander und kennen die «schwarzen Schafe».

Umfrage

Wie sollen Assistierende an den Hochschulen auf Ihre Lehrtätigkeit vorbereitet werden?

1. Gar nicht. Learning by Doing ist die beste Vorbereitung.

 
22.8%

Jeder Assistierende sollte eine pädagogisch-didaktische Grundausbildung bekommen.

 
56.5%

Nötig sind freiwillige Unterstützungsangebote für Assistierende mit Problemen.

 
20.6%

504 Stimmen


Kristina Köhler (33), Assistentin am Seminar für Filmwissenschaft, Universität Zürich: «Viele Studierende erwarten in den Lehrveranstaltungen Souveränität und klare Ansagen von uns. Wenn ich mich beim Unterrichten klar ausdrücken und Stellung beziehen muss, hilft mir das auch bei meinen Forschungsaktivitäten als Doktorandin. Denn da gilt es beim Schreiben und Vortragen ebenfalls, eine eigene Position einzunehmen. Dass ich nur ein paar Jahre älter als die Studierenden bin, ist wohl für beide Seiten manchmal irritierend. Seit drei Jahren organisiere ich eine Exkursion an ein Filmfestival in Italien. Wenn ich anschliessend die Leistungen der Studierenden bewerten muss, lässt sich kaum ausblenden, dass man die Menschen hinter den Arbeiten meist gut kennen gelernt hat.»

Katarina Slettengren (30), Teaching Assistent, Institut für Lebensmittelwissenschaften, Ernährung und Gesundheit, ETH Zürich: «Ich gebe einen vierwöchigen Praxiskurs, in dem die Studierenden Experimente durchführen. Sie trocknen Obst in einem Ofen sowie in einem Gefriertrockner und finden heraus, wie sie aus einem Schokoladengetränk durch Sprühtrocknung Pulver machen können. Ich lerne in diesen Kursen nicht nur inhaltlich immer wieder dazu, sondern auch, wie man organisiert, strukturiert, und wie ich die Studierenden am besten anleite. Viele dieser Organisations- und Führungsfähigkeiten habe ich mir selbst beigebracht. Ich kann sie auch sonst gut einsetzen. Beispielsweise, wenn ich als Doktorandin Bachelor- und Masterstudenten betreue, oder im Alltagsleben. Deshalb bin ich sehr froh um meine Lehrerfahrungen.»

Elke Schaper (27), Teaching Assistant, Department of Computer Science, ETH Zürich: «Seit ich an der ETH Studierende unterrichte, habe ich grossen Respekt vor allen Lehrerinnen und Lehrern. Jetzt weiss ich, wie schwierig es ist, Top-Alleinunterhalterin zu sein. Sitze ich heute als Doktorandin in einer Veranstaltung, bin ich entsprechend bewusst aktiver, als ich es als Studentin war, und ich gebe Feedback. Gegenüber den Studierenden versuche ich, komplexe Sachverhalte möglichst verständlich zu vermitteln. Oft verstehe ich sie dadurch selbst besser. Dass so viele Studierende passiv in den Lektionen sitzen, erstaunt mich immer wieder. Ich habe für das «Forum for Women in Computer Science» Gymnasiastinnen unterrichtet. Die jungen Damen waren viel engagierter als Studierende.»

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