Bauern mit Hochschulabschluss

Wer Agronomie studiert, hat gute Berufsaussichten. Nicht nur auf dem Bauernhof, auch in der Forschung oder der Nahrungsmittelindustrie sind die akademischen Bäuerinnen und Bauern gefragt.

Die Forschung boomt: Hier gewinnen Mitarbeiter der Forschungsanstalt Agroscope speziellen Weizen für ein Mehl mit höherer Backqualität. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Die Forschung boomt: Hier gewinnen Mitarbeiter der Forschungsanstalt Agroscope speziellen Weizen für ein Mehl mit höherer Backqualität. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

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Die Zahl der Bauernhöfe hat in der Schweiz in den letzten Jahren stetig abgenommen. Daraus zu schliessen, Berufe im Bereich Landwirtschaft hätten keine Zukunft, wäre aber zu kurz gegriffen. Denn neben den Bauern, die sich auf immer grösseren Höfen um die Produktion kümmern, braucht es Fachleute in vielen anderen Arbeitsbereichen, die mit Agronomie zu tun haben. Etwa in der Forschung und der Beratung. Hier ist der Arbeitsmarkt laut Experten völlig ausgetrocknet, Stellen werden mit ausländischem Personal besetzt.

Verantwortlich für die gesteigerte Nachfrage nach Fachkräften mit landwirtschaftlichen Kenntnissen sind globale Entwicklungen, sagt Professor Achim Walter, der an der ETH Zürich für den Studiengang Agrarwissenschaft zuständig ist. Die Weltbevölkerung wächst und will ernährt werden. «Es sind dringend Ansätze gesucht, wie man den Ertrag landwirtschaftlicher Flächen maximieren und gleichzeitig mit den Ressourcen nachhaltig umgehen kann», so Walter. Da die gesellschaftliche Bedeutung dieser Fragen steigt, fliessen wieder mehr Gelder in die Forschung – und junge Menschen interessieren sich vermehrt dafür. Walter: «Die Agronomie ist ein komplexer Arbeitsbereich, in dem Politik, Ökonomie und Naturwissenschaften aufeinandertreffen. Das bietet viele Möglichkeiten und fasziniert die Studierenden.»

Die Welt verändern

Für ein Studium in Agronomie interessieren sich sowohl Männer als auch Frauen. An der ETH haben letztes Jahr knapp 60 Personen ein Studium in Agrarwissenschaft begonnen, rund die Hälfte davon ist weiblich. 60 ist eine kleine Zahl verglichen mit anderen Studiengängen, aber 2004 waren es noch 24. Der Trend ist auch bei den anderen Hochschulen zu beobachten, die in der Deutschschweiz Ausbildungen im Bereich Landwirtschaft anbieten.

Die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) schuf 2010 im Rahmen des Studiums in Umweltingenieurwesen die neue Vertiefungsrichtung Biologische Landwirtschaft und Hortikultur. Das Angebot, eine Kooperation mit Agroscope Reckenholz und dem Forschungsinstitut für Biologische Landwirtschaft (Fibl), sei von Beginn an sehr gefragt gewesen, sagt Studienberater Hansruedi Keller. Rund 30 Studierende entscheiden sich jedes Jahr für diese Vertiefung, in der sie in biologischer Landwirtschaft mit ihren vor- und nachgelagerten Bereichen ausgebildet werden. Auch an der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften (Hafl) im bernischen Zollikofen studieren heute so viele Personen im Bachelor Agronomie wie in den letzten zehn Jahren nie: Knapp 120 stiegen letztes Jahr ein. Laut Sprecherin Gaby Allheilig tragen das positive Bild des ländlichen Lebens in der Werbung und die Präsenz von Umweltthemen in den Medien mit bei zum steigenden Interesse. Alle drei Schulen stellen ausserdem fest, dass die Studierenden häufig ein klares Ziel haben: Sie wollen etwas verändern in der Welt.

Die Chancen dafür sind durchaus vorhanden. Den Absolventen steht die Forschung als Arbeitsfeld offen. Ein weiterer Bereich ist die Beratung, bei der sie die Art, wie künftig Landwirtschaft betrieben wird, ganz konkret beeinflussen können. Ausserdem sind Verbände und die Bundesverwaltung mögliche Arbeitgeber. Ein Teil der ETH- und Fachhochschul-Absolventen arbeitet auch auf einem Hof, übernimmt später vielleicht den elterlichen Betrieb.Laut Sandra Helfenstein vom Schweizer Bauernverband gilt jedoch: «Je höher die Ausbildung, desto geringer die Wahrscheinlichkeit, dass jemand effektiv einen Betrieb führt.» Um Bauer zu werden, sei der typische Weg nach wie vor die landwirtschaftliche Lehre. 2013 schlossen laut Helfenstein rund 900 Personen eine solche ab – leicht mehr als im Jahr davor. Viele drücken nach der Lehre nochmals die Schulbank. Denn, so Helfenstein: «Die auf die Lehre aufbauende Berufs- und Meisterprüfung wird immer wichtiger, weil heute neben fundiertem Wissen über die Produktionstechnik auch gute betriebswirtschaftliche Kenntnisse ein Muss sind.»

Zwischen Mathe und Praktikum

Der Umgang mit Zahlen und Zukunfts­szenarien ist auch an ETH, ZHAW und der Berner Fachhochschule fester Bestandteil der Angebote. Die Studiengänge unterscheiden sich aber natürlich auch. An der ETH werden die Maturanden im Grundstudium in Mathe, Physik, Biologie und Chemie auf Herz und Nieren geprüft. Rund jeder Vierte schafft die Basisprüfung nach dem ersten Jahr nicht im ersten Anlauf, sagt der Studiengangverantwortliche Achim Walter. Ausserdem wird an der Technischen Hochschule auch in der Agrarwissenschaft auf Grundlagenforschung gesetzt, während die Fachhochschulen den Fokus auf angewandte Forschung legen.

Um an den Fachhochschulen zu studieren, braucht es je nach Vorbildung ein einjähriges Praktikum. Praktische Erfahrungen sammeln die Studierenden bei allen drei Hochschulen auch während des Studiums. An der ETH wird es laut Achim Walter ab voraussichtlich 2016 neben dem zehnwöchigen Praktikum im Grundstudium neu ein obligatorisches zweites im Masterstudium geben. Die Studierenden sollen dann in der Privatwirtschaft, der Forschung, der Beratung oder der Verwaltung Praxisluft schnuppern.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.03.2015, 17:53 Uhr

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