Berufswunsch Politiker

Lokalpolitiker ist meist ein Teilzeitjob. Ein Diplomlehrgang soll Quereinsteigern helfen, sich in 106 Lektionen das Rüstzeug dafür anzueignen.

Beruf oder Berufung? Im Zürcher Gemeinderat tagen 125 Mitglieder, allesamt Milizpolitiker.

Beruf oder Berufung? Im Zürcher Gemeinderat tagen 125 Mitglieder, allesamt Milizpolitiker. Bild: Reto Oeschger

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In die idyllische Gemeinde mit Blick auf Eiger, Mönch und Jungfrau war Jürg Müller 2009 gezogen nach seinen intensivsten Berufsjahren. Hier im schönen Unterseen BE wollte er sich fortan eigenen Projekten und der Arbeit als freier Journalist widmen. Dann kam die Anfrage seiner Partei. Ob er nicht das Präsidium der Partei im Ort übernehmen könne.

Die Mehrheit der über 15'000 Exekutivmitglieder der rund 2550 Schweizer Gemeinden sind Milizpolitiker. Politiker ist ein Teilzeitjob. Ein Präsident einer durchschnittlichen Gemeinde, schätzt der Schweizer Politikdozent und -berater Daniel Arn, habe ein Pensum von 50 Prozent an aufwärts, ein Gemeinderat etwa 10 Prozent. Es mangelt in den Schweizer Gemeinden an Politikern. Nur in jeder fünften Gemeinde gibt es bei Wahlen mehrere Kandidaten, ergab eine Studie der Uni Zürich 2011. In der Hälfte aller Gemeinden gibt es nicht einmal genügend Kandidaten, um alle politischen Sitze zu besetzen.

Dabei beruht Demokratie auf Wahlen. Auch im 5400-Seelen-Ort Unterseen fehlte es an politischem Personal. Müller, eigentlich Frischling in der Gemeinde, liess sich 2012 aufstellen als Kandidat für den Gemeinderat. Mit 62 Jahren wurde der frühere Lokalressortleiter und Auslandredaktor zum Jungpolitiker. Es sei Bürgerpflicht gewesen, sagt Müller. «Wirklich, in meinem Alter habe ich keine grossen politischen Karrierepläne mehr.» Sein Problem bei der Kandidatur: «Eigentlich hatte ich wenig Ahnung.» Bislang hatte er Politik nur von aussen und als Journalist gekannt. Doch Lokalpolitik erfordert die Rundumsicht: von Baurecht bis Bildung.

Mit 3900 Franken zum Diplom

Da flatterte eine Broschüre des Wankdorfer Bildungszentrums für Wirtschaft und Dienstleistung (BWD) auf seinen Tisch. Das BWD vereint unter seinem Dach drei Schulen, bietet unter anderem Fortbildungen und KV-Ausbildungen an. Angeboten wurde ein einjähriger Lehrgang zum Diplom-Gemeindepolitiker. Müller meldete sich an.

Ziel des 2010 gestarteten und in der Deutschschweiz einzigartigen Lehrgangs ist es, die Teilnehmer zu «kommunalpolitischen Allroundern» auszubilden. Für 3900 Franken könne man in 106 Lektionen alles lernen, was man in der Praxis brauche, sagt Studiengangsleiterin Barbara Jenni. Im Kurs «Sitzungsleitung» (vier Lektionen) wird der Umgang mit Störungen beigebracht; in einem anderen Kurs geht es laut Lektionenplan darum, die bei «Gefährdung der öffentlichen Sicherheit zu ergreifende Massnahmen» zu erlernen.

Darüber hinaus gibt es Kurse zu Jugend, sozialer Wohlfahrt, Bildung oder Gesellschaftspolitik. Der Lehrgang ist offen für jedermann. Allerdings sind etwa 40 Prozent der Kursinhalte kantonspezifisch. Der Grossteil des Kurses eigne sich jedoch auch für Zürcher oder Basler, meint Dozent Arn, der den Diplomgang mitkonzipiert hat. Kurse finden alle zwei Wochen statt, jeweils freitags und samstags. Wer 80 Prozent davon besucht, erhält das Diplom.

Als Müller 2012 zum BWD-Lehrgang antrat, war er der einzige unter 24 Schülern, der noch kein Mandatsträger war. Geschlecht und Alter der Teilnehmer seien gemischt gewesen, von 26 bis 65 Jahren, die meisten zwischen 30 und Mitte 40. Man diskutierte auf «hohem praktischem Niveau». Besprochen wurden konkrete Fälle wie Streit um Umzonungen. Der bekannte Politologe Claude Longchamp, einer der Dozenten, habe politische Kernfragen auf die Gemeindesituation heruntergebrochen, erinnert sich Müller.

Die Wahl hat der fleissige Kandidat und Diplomand von 2013 trotzdem nicht gewonnen. Doch weil es an Lokalpolitikern mangelt, sitzt Jürg Müller heute in der Finanzkommission von Unterseen. Auch dort findet er den absolvierten Kurs nützlich. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.10.2013, 08:30 Uhr

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