Das hektische Leben zwischen Kinderkrippe und Hochschule

Kinder kriegen während des Studiums ist für viele Studierende undenkbar. Mit gutem Zeitmanagement und einem verlässlichen Umfeld sind Familie und Studium aber gut zu vereinbaren.

Sie haben das Studium zusammen gemeistert: Anna Kardos und Tom Hellat mit Eva und Liv. Foto: Doris Fanconi

Sie haben das Studium zusammen gemeistert: Anna Kardos und Tom Hellat mit Eva und Liv. Foto: Doris Fanconi

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Hochschwanger an die Zwischenprüfung, mit Kleinkind auf die Studien-exkursion oder mit der schlafenden Tochter ins Philosophie-Seminar. Was nicht gerade nach dem typischen Studentenleben klingt, haben Anna Kardos (36) und Tom Hellat (33) erlebt. Beide studierten an der Universität Zürich – er Philosophie, sie Germanistik –, als sich plötzlich Liv (heute viereinhalb Jahre alt) ankündigte. Ein Kind war nicht geplant, trotzdem entschieden sich die beiden Studenten dafür.

Während Hellat sich zunächst sorgte, wie er nun Kind, Studium sowie seine verschiedenen Teilzeitpensen unter einen Hut bringen sollte, war Kardos von Beginn an zuversichtlich. Auch weil sie bereits 31 Jahre alt und im Zweitstudium war sowie einen festen Nebenjob hatte: «Das gab mir eine gewisse Sicherheit. Ich wusste: Wenn alle Stricke reissen, könnte ich das Studium abbrechen und würde nicht mit leeren Händen dastehen.» Die Stricke rissen nicht – im Gegenteil. «Im Nachhinein haben wir gemerkt, dass das Studium ein sehr guter Zeitpunkt ist, um ein Kind zu bekommen. Dann kann man sich die Zeit noch grösstenteils selbst einteilen», sagt Tom Hellat, der sein Lizenziatsstudium inzwischen abgeschlossen hat und als freier Journalist arbeitet.

Diese Meinung teilt Anna Kardos, die vor kurzem aus dem Liz- ins Bologna-System gewechselt hat. Wird die Vereinbarkeit von Kind und Studium durch die vielen Präsenzstunden und Abgabetermine im Bologna-System erschwert? «Nein», meint Kardos: «Der Druck, Semesterarbeiten an einem bestimmten Termin abgeben zu müssen, hat mir geholfen, meinen Energiehaushalt in Bezug auf Kind und Studium besser auszubalancieren.» Doch es gebe nicht nur Vorteile für Studierende mit Kind: «Als Student ist noch vieles unklar: Findet man bald nach dem Studium eine Stelle? Hat man mit Kindern vielleicht schlechtere Karten bei der Jobsuche?»

Vorteile und Nachteile

Vielleicht sind es Gedanken um die Zukunft und Sorgen um die Finanzierung, die studierende Eltern wie Hellat und Kardos in der Schweiz nach wie vor zu einer Ausnahme machen. Laut Bundesamt für Statistik hatten 2013 gerade mal 5,2 Prozent der Studierenden an einer Schweizer Hochschule Kinder. Dies bestätigt Monika Walther-Haetinger, Geschäftsführerin der Stiftung Kinderbetreuung im Hochschulraum Zürich (KIHZ): «Studierende mit Kindern sind Exoten.» Umso wichtiger sei es, diese Minderheit nicht alleinzulassen: «Der Wechsel vom Solo-Paar zur Familie ist für alle ein grosser Umbruch, weil man ganz andere Bedürfnisse hat und sich die Zeit anders einteilen muss.»

Deswegen fördern Schweizer Hochschulen die Vereinbarkeit von Studium und Familie. Neben der Möglichkeit zur kostengünstigen Kinderbetreuung sind eine flexible Studienplangestaltung, eine aktive Chancengleichheitspolitik sowie die Frage nach der finanziellen Unterstützung relevant. Denn auch wenn ein Hochschulstudium grosse Flexibilität mit sich bringt: Ein gutes Zeitmanagement, eine solide Infrastruktur und ein stabiles Umfeld sind unverzichtbar. Das sagen auch Hellat und Kardos.

Sowohl Liv als auch ihre einjährige Schwester Eva besuchen oder besuchten eine Krippe der Stiftung KIHZ. Dass sie dabei finanziell entlastet wurden, half enorm. Obwohl beide neben dem Studium arbeiteten, mussten sie stets auf das Geld achten und Prioritäten setzen. So verzichteten sie auf ein Auto und besorgten sich die Kleider im Secondhandshop. Zusätzliche Unterstützung erhielten sie von einer Hebamme und den Eltern. Mit der Hilfe dieses sozialen Umfeldes überwanden sie auch schwierige Momente, meinen die beiden. «Wenn ich jetzt wieder am gleichen Punkt wäre, hätte ich keine Angst mehr vor der Situation», sagt Tom Hellat.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.10.2014, 17:58 Uhr

Familie und Studium

Was bieten die Hochschulen im Raum Zürich?

ETH Zürich und Universität Zürich
Zürcher Hochschulen fördern die Vereinbarkeit von Familie und Studium. Dies geschieht in erster Linie durch das Angebot von Kinderbetreuung, das sich aber nicht ausschliesslich an studierende Eltern, sondern an alle Hochschulangehörigen richtet. Dazu gehören auch Doktorandinnen und Assistenten, Verwaltungsmitarbeiter und Professorinnen.

Bei der Kinderbetreuung arbeiten die beiden Hochschulen eng zusammen. 2002 gründeten sie gemeinsam die Stiftung Kinderbetreuung im Hochschulraum Zürich (KIHZ), die in Zürich sieben eigene Kindertagesstätten betreibt. Zusätzlich steht sie einem Verbund mit vier Krippen vor. Das grösste Angebot liegt im Vorschulbereich, aber auch Tageskindergarten, Ferienbetreuungswochen für Kinder im Schulalter sowie ein Nanny-Pool für Betreuungen am Abend sind gefragt. Weitere Plattformen, zum Beispiel ein gemeinsames Frühstück für Studierende mit ihren Kindern, sind in Planung.

Pädagogische Hochschule Zürich
An der PH Zürich ist die Frage der Kinderbetreuung durch die Quereinsteiger-Studiengänge in den letzten Jahren wieder aktueller geworden. So werden für Studierende mit Kindern auch hier Plätze in einer hochschuleigenen Kindertagesstätte angeboten. Im Gegensatz zu anderen Hochschulen reicht bei der PH Zürich eine Immatrikulation allerdings nicht aus, um die Betreuungsangebote in Anspruch zu nehmen. Studierende Eltern können ihre Kinder nur in die Betreuung geben, wenn sie auch Studienleistungen in Form von ECTS-Punkten erbringen.

Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW)
Die ZHAW betreibt keine eigenen Kindertagesstätten, hat aber an allen Standorten Plätze in externen Krippen für Kinder von Studierenden reserviert. In Zusammenarbeit mit der Zürcher Hochschule der Künste (ZHDK) wurde im neuen Campus Toni-Areal 2014 die Kindertagesstätte «Dachspatzen» gegründet. Die Kinder von Hochschulangehörigen, also Studierenden, Dozierenden und Mitarbeitenden, werden hier mit Aussicht auf Dachterrasse und Zürich-West betreut.

Alle genannten Hochschulen subventionieren die Kosten für einen Krippenplatz und passen diese den finanziellen Möglichkeiten der Eltern an. Dadurch reduziert sich der Selbstkostenanteil bei manchen Eltern auf 10 bis 12 Franken pro Tag. Die Wartezeiten hingegen variieren stark: Während es bei der ZHAW, der PH Zürich und der ZHDK abhängig vom Alter des Kindes nur kurze bis keine Wartelisten gibt, können sich die Wartezeiten bei der Stiftung KIHZ der Universität und ETH Zürich je nach Zeitpunkt des Eintritts in die Kita auf bis zu neun Monate erstrecken. Rebekka Meyer

(Tages-Anzeiger)

Anna Kardos (36) mit Liv (4½) und Eva (1), Germanistik und Musikwissenschaft, UZH.

«Die Schwangerschaft während des Studiums erlebte ich als sehr angenehm. Ich hatte keinerlei Beschwerden, dafür sehr viel Zuversicht, Energie und gute Hormone. Auch die Dozierenden reagierten positiv und brachten mir Wohlwollen entgegen. Auch als Liv dann auf der Welt war. Auf die Studienexkursion nach Wien nahmen wir sie kurzerhand mit. Die Dozierenden waren entspannt, somit waren auch Tom und ich entspannt und Liv total unkompliziert. Ärger bekam ich nur einmal, als ich einen Abgabetermin um einen Tag verschieben musste. Mit zwei Kindern ist es schon komplizierter, da Liv in den Kindergarten geht, Eva in der Krippe ist und meine Hobbys dazukommen. Da bin ich für die Unterstützung meiner Eltern umso dankbarer.»

Jakob Oesinghaus (25)mit Robin (4), BA und MA in Mathematik, ETH Zürich, 2009 bis 2014.

­«Eine intensive Erfahrung war, dass ich fast meine ganze Studienarbeit fürs dritte Semester stehend mit Robin im Tragtuch vor der Brust geschrieben habe, weil sie nicht gerne im Bett schlief. Heute weiss ich gar nicht mehr, wie ich das damals geschafft habe. Robin hat mir einfach unglaublich viel Kraft und Energie gegeben. Beim Zeitmanagement hat mir geholfen, dass ich mir bei meinem Studium die Zeit relativ frei einteilen konnte. Klar musste ich auch auf gewisse Dinge verzichten, einen Auslandaufenthalt zum Beispiel hätte ich gerne gemacht. Und trotz konstantem Schlafdefizit zu lernen, ist nicht gerade einfach. Doch schlussendlich ermöglichte mir das Studentendasein das Glück, sehr viel Zeit mit meiner Tochter verbringen zu können.»

Joanna Koller (38)mit Tobias (1),MA in Psychologie an der ZHAW.

­«Tobias war geplant. Wegen meines Alters wusste ich, dass ich noch während des Studiums Kinder bekommen möchte. So sass ich wenige Wochen nach der Geburt wieder im Unterricht. Da ich bereits am Ende meines Bachelor-Studiums war, hatte ich nur noch wenig Präsenzpflicht. Meine Bachelor-Arbeit schrieb ich, als mein Sohn erst wenige Monate alt war. Einen bis zwei Tage pro Woche habe ich mir zum Schreiben eingerichtet – während denen betreuten meine Mutter und mein Mann Tobias. Diese gute partnerschaftliche und familiäre Situation sowie die finanzielle Absicherung durch die Berufstätigkeit meines Mannes empfinde ich als Privileg. Denn damit kann ich schon an meiner beruflichen Karriere arbeiten, wenn Tobias noch klein ist.»

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