Das verflixte siebte Jahr

Schlagen, stehlen, mobben: Sämtliche Arten von Verhaltensproblemen bei Schülern nehmen nach dem Wechsel von der Primar- auf die Sekundarstufe zu.

Auf dem Weg vom Kind zum jungen Erwachsenen: Szene in einer Schule in Genf. (Archivfoto)

Auf dem Weg vom Kind zum jungen Erwachsenen: Szene in einer Schule in Genf. (Archivfoto) Bild: Keystone

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Frischgebackene Sekundarschüler, die schlagen, klauen oder ohne Führerschein fahren: Im Verlauf des 7. Schuljahres nehmen Verhaltensprobleme bei Jugendlichen zu. Dies ergab eine Studie mit 825 Schülerinnen und Schülern im Kanton Freiburg. Besonders viele Probleme entwickeln Jugendliche in der Realschule.

Der Wechsel nach den Sommerferien von der Primar- auf die Sekundarstufe gelinge nicht immer reibungslos, teilte die Universität Freiburg mit: eine neue Klasse, neue Lehrpersonen - und das mitten in der Pubertät. Nun zeigt sich: Sämtliche Arten von Verhaltensproblemen nehmen im 7. Schuljahr zu.

Die traf sowohl auf sogenannt internalisierte Probleme wie geringer Selbstwert oder Depressivität zu als auch auf externalisierte Probleme, wozu Aggressivität und Delinquenz gehören. Dies zeigen die am Mittwoch veröffentlichten Resultate der «Freiburger Studie zum Peereinfluss in Schulen» (FRIPEERS) auf.

17 Prozent erlebten Cybermobbing

Für das Projekt hatten die Forscher um Christoph Müller vom Heilpädagogischen Institut der Uni Freiburg einen fast kompletten Schülerjahrgang aller Bildungsgänge im deutschsprachigen Teil des Kantons Freiburg befragt. Im Verlauf des 7. Schuljahrs gaben die Schülerinnen und Schüler im Alter von 12 bis 14 Jahren alle drei Monate anonym Auskunft zu ihrem Verhalten.

Im Durchschnitt berichteten 12 Prozent aller Jugendlichen, an mindestens einem der letzten 14 Tage andere geschlagen, getreten oder ihnen anderweitig körperlich wehgetan zu haben. Etwa fünf Prozent begingen in dieser Zeit nach eigenen Angaben einen Diebstahl.

Meistens blieben die Aggressionen beim Schimpfen und Beleidigen, das delinquente Verhalten beim Schwarzfahren und ohne Führerschein fahren. Rund 17 Prozent der befragten Jugendlichen gaben an, mindestens einmal in den vergangenen zwei Monaten Cybermobbing per Internet, Handy oder Chat erlebt zu haben.

Störendes schulisches Verhalten zielte indes meistens auf die Lehrer ab: Schwatzen und Aufstehen während der Stunde, sich mit anderen Dingen beschäftigen, frech sein.

Mädchen und Jungen unterschieden sich deutlich in der Entwicklung ihrer Verhaltensprobleme. Während die Mädchen eher einen Anstieg an ängstlich-depressivem Verhalten zeigten, deuteten die Berichte der Jungen auf eine stärkere Zunahme von Aggression und Delinquenz in der 7. Klasse hin.

Realschüler am auffälligsten

Sorge bereitet den Wissenschaftlern, dass das ganze Spektrum der Verhaltensprobleme auf der Realstufe am häufigsten genannt wurde. Sie nahmen dort über das Schuljahr auch stärker zu als bei anderen Schultypen. Dies werfe die Frage auf, ob der Besuch der Realschule einen negativen Effekt auf die Verhaltensentwicklung haben kann.

Keine Rolle spielte in dieser Studie indes der sozioökonomische Status oder ein Migrationshintergrund. Die Probleme in der Realschule könnten laut dem Bericht eher daher rühren, dass diese Schüler nach der Primarschule in einer Klasse zusammengeführt werden. Dies könnte negative Peer-Einflüsse auslösen, etwa indem die Jugendlichen negative Verhaltensweisen von anderen imitieren, erklärte Müller in der Mitteilung.

Insgesamt liegt das Niveau der Verhaltensprobleme bei allen Siebtklässlern laut den Studienautoren im unauffälligen Bereich. Es zeigten sich aber grosse Unterschiede zwischen einzelnen Schülerinnen und Schülern, und es gebe Risikogruppen. Jugendliche mit Verhaltensproblemen hätten häufig ungünstige Entwicklungsperspektiven und seien von sozialem Ausschluss bedroht.

Vorerst liegen nur Ergebnisse für die 7. Klasse vor. Die Forscher führen nun das Nationalfondsprojekt «FRI-PEERS» mit Jugendlichen bis in die 9. Klasse weiter. Dann werde sich zeigen, ob sich der beobachtete Anstieg an Verhaltensproblemen fortsetzt oder wieder abschwächt. (kle/sda)

Erstellt: 04.09.2013, 16:16 Uhr

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