Der Moment mit dem Kaffeebecher

Beim Austausch mit seinen Mentoren lernt der Kompositionsstudent Benjamin Ryser viel über Kunst. Zum Beispiel, was leere Kaffeebecher zu einem gelungenen Kunstwerk beitragen können.

Verstehen sich auch ohne Getränke: Benjamin Ryser und Isabel Mundry. Foto: Dominique Meienberg

Verstehen sich auch ohne Getränke: Benjamin Ryser und Isabel Mundry. Foto: Dominique Meienberg

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Der Professor spricht, die Studenten lauschen – oder checken ihr Facebook-Profil auf dem Handy. So läuft der Hochschulunterricht vielerorts ab. Nicht aber bei Benjamin Ryser. Der 25-Jährige kann nicht heimlich im Internet surfen, denn er ist allein mit seiner Lehrerin. Er studiert im ersten Semester seines Masterstudiums Komposition an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHDK).

Abgesehen von einigen Veranstaltungen im Gruppenunterricht wie Instrumentation oder den Kolloquien der Kompositionsklassen hat Ryser meistens Einzelunterricht. «Eigentlich ist es kein Unterricht, sondern eine Begleitung oder ein Mento­rat», sagt Ryser.

Wie kann ein künstlerischer Akt wie Komponieren überhaupt vermittelt, wie Kreativität geweckt werden? Und komponieren bei einem solch intensiven, auf Einzelunterricht aufbauenden Mentorensystem am Schluss nicht alle gleich?

Felix Baumann, Leiter des Kompositionsstudiengangs an der ZHDK, hat überraschende Antworten bereit. Grundsätzlich könne man Komponieren nicht lernen. Aber: «Gute Klangideen haben viele Menschen. Die Aufgabe des Komponisten besteht darin, diese in ein Verhältnis zu sich und ihrer Umwelt zu bringen und sie in ein stringentes Werk überzuführen.» Das sei es, was den jungen Leuten während des Studiums vermittelt werden soll.

Anregungen statt Befehle

Die Lehrerin von Benjamin Ryser ist die deutsche Komponistin Isabel Mundry. Sie lehrt seit 2004 als Kompositions­professorin an der ZHDK. Mundry stellt die Aspekte der Reflexivität im künstlerischen Schaffen und den Bezug zur Gegenwart in den Mittelpunkt ihres Unterrichts: «Ich möchte meinen Studenten beibringen, die eigene Arbeit aus einem möglichst weiten Raum reflektieren zu können, inner- wie aussermusikalisch.» Zudem möchte sie den Studierenden bewusst machen, dass sie Künstler der Gegenwart sind.

Diese Art der selbstkritischen Reflexion fordert viel Zeit und Austausch mit jedem einzelnen Schüler. Dabei kommt es häufig zu einer ästhetischen Prägung. Lehrer lassen ihre Schüler dann nur noch nach ihren eigenen Vorstellungen komponieren. Mundry gibt acht, dass ihr das mit ihren Schülern nicht passiert. Sie möchte den Studierenden nicht einfach ihren Stempel aufdrücken, sondern ihnen helfen, Ideen zu individualisieren. Sie sollen spezifische Techniken für deren Umsetzung entwickeln und das Werk immer wieder von neuem erfragen. Mundry: «Ich möchte Anregungen dazu geben, etwas zu tun, was ausserhalb des eigenen Horizonts und Vorstellungsraums liegt.»

Und was sagt der Student zu den Worten seiner Dozentin? Mundry verteile tatsächlich keine Befehle, sagt Ryser, sondern sie mache Vorschläge, die er auch mal ablehnen dürfe.

Keine Gurus an der ZHDK

Damit aus einzelnen Dozenten keine Gurus werden, hat die ZHDK vorbeugende Massnahmen getroffen. Felix Baumann: «Der Kompositionsstudiengang ist an der ZHDK so aufgebaut, dass den Studierenden Flexibilität angeboten und Verantwortung übertragen wird.» Zum Beispiel mit dem sogenannten individuellen Profil, das ein ganzes Drittel des zweijährigen Master-Curriculums ausmache und von den Studierenden eigenverantwortlich gestaltet werden müsse.

Der Student Ryser zum Beispiel nimmt in diesem Rahmen zusätzlichen Einzelunterricht bei dem bildenden Künstler Florian Dombois und der Literatur­wissenschaftlerin Corina Caduff. Für den jungen Komponisten sind die zusätz­lichen Anregungen besonders wertvoll, weil er stark interdisziplinär arbeitet und seine Werke eine ausgeprägte visuelle Komponente besitzen.

«Wasser & Glas» zum Beispiel nennt sich Rysers letzte Arbeit: eine Installation, bestehend aus einem Raum, den die Hörerin selbst erkunden kann und in dem Weingläser als Objekte und Klang­erzeuger verteilt sind. Der Probeaufbau war anstrengend, viel Kaffee angesagt. So liess Ryser eines Abends versehentlich einige Kartonkaffeebecher im Raum zurück.

Hilfreiche Impulse der Mentoren

Als sich Mundry und Dombois die Installation daraufhin anschauten, waren sie begeistert: «Schau dir die Kaffee­becher an! Die machen etwas mit dem Raum, das dem Zentrum deiner Arbeit sehr gut tut.» Ein wichtiger Moment für Ryser, der merkte, dass gute Ideen durch Zufall und Aufmerksamkeitsverschiebung entstehen können. Und er lernte, wie hilfreich die Impulse seiner Mentoren sein können. Kein Wunder, sagt er: «Ich erhoffe mir nun ganz viele solcher Kaffeebechermomente.»

In der Diskussion mit Mundry und Ryser über die Arbeit wird klar: Die Kaffeebecher stehen für Aspekte der Kreativität, welche für jeden Künstler etwas anderes bedeuten. Für Ryser ist es «Ideen zu haben, ihnen nachzugehen, Dinge auszuprobieren, zu experimentieren», für Mundry «mit dem ganzen Körper kompositorisch wahrnehmend durch die Welt zu gehen».

Veraltetes Künstlerbild

Können solche Aspekte der Kreativität überhaupt gelehrt und gelernt werden? Nein, sind sich sowohl Mundry und Ryser als auch Studiengangsleiter Felix Baumann einig. Sehr wohl kann laut Baumann aber «angeregt, hervorgekitzelt, gelockt, die Lust geweckt werden».

In der Kreativitätsforschung gibt es die These, dass kreative Prozesse auch soziale Prozesse sind. Dass der Kompositionsunterricht im Wesentlichen aus Austausch, Erwägungen und Anregungen zwischen Mentorin und Lernendem besteht, passt aber nicht zum Künstlerbild, das in der Gesellschaft verankert ist, meint Mundry.

«Die Idee, dass Kreativität auf sozialer Anregung basiert, bildet den Gegenpol zu dem Künstlermodell, welches das Konzept der Egomanie fördert und auf Autismus setzt.»

Genau dieses angestammte Künstlerbild werde von unserem Kunstbetrieb aber immer noch und immer wieder produziert. Natürlich brauche es Mut, einen anderen Menschen so nahe an sich herankommen zu lassen, wie das bei der Offenlegung eines künstlerischen Entstehungsprozesses geschehe. Doch zeigt der Kaffeebechermoment schliesslich: Es lohnt sich.

Wer sich die Werke der Kompositions­studenten der ZHDK anhören möchte: Am 15. Januar, 19.30 Uhr, findet im Toni-Areal (Konzertsaal 1) eine Aufführung statt.

Erstellt: 11.01.2015, 18:01 Uhr

Auch hier kann man Kreativität lernen

In der Schweiz sind alle künstlerischen Studiengänge in den Richtungen Musik, Theater, Design, Kunst, Literarisches Schreiben und Konservierung/Restaurierung den Fachhochschulen zugeordnet und nach dem Bologna-System in Bachelor und Master strukturiert.

Die Zürcher Hochschule der Künste (ZHDK) gehört mit rund 2500 Studierenden zu den grössten Kunsthochschulen Europas und bietet Studiengänge in den Bereichen Design, Film, Kunst, Medien, Musik, Tanz, Theater, Vermittlung der Künste und Transdisziplinarität. Seit dem Herbstsemester 2014 versammeln sich diese im Toni-Areal unter einem Dach. In Anlehnung an die Science City der ETH wird die ZHDK am neuen Standort auch Creative City genannt.

Hochschulen in Bern und Basel

In Bern ist die Hochschule der Künste Bern (HKB) als «erste interdisziplinäre Kunsthochschule der Schweiz» ansässig. Die Fachbereiche Musik, Gestaltung und Kunst, Konservierung und Restaurierung, Theater/Oper und Literatur können belegt werden. Letzteres kann als Studiengang Literarisches Schreiben am zweisprachigen Schweizerischen Literaturinstitut in Biel studiert werden. Wie am Beispiel der Komposition aufgezeigt, basiert der Unterricht auch hier auf einem Mentorat, das den Austausch fördert und das individuelle Schreibprojekte in den Fokus rückt.

Drei künstlerische Hochschulen mit Sitz in Basel sind der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) angegliedert. An der Hochschule für Gestaltung und Kunst, die einen Ableger in Aarau besitzt, kann man sich unter anderem in Modedesign, Innenarchitektur oder Visuelle Kommunikation vertiefen. Die beiden Musikhochschulen, die Hochschule für Musik und die Schola Cantorum Basilensis, sind über die Grenzen hinweg bekannt – Erstere für neue Musik, Letztere für alte Musik. Auch in Luzern sind die zwei Departemente Design und Kunst sowie Musik Teil der Hochschule Luzern.

In der französischsprachigen Schweiz existieren in den grösseren Städten verschiedene Möglichkeiten zur künstlerischen Ausbildung: in Lausanne für Musik, Theater und bildende Kunst; in Genf für Musik sowie Kunst und Design; in Neuenburg für Konservierung und Restaurierung und in Siders für Gestaltung. Im Tessin schliesslich gibt es ein Konservatorium sowie ein Departement für Architektur und Design in Lugano und mit der Scuola Teatro Dimitri eine Hochschule für Bewegungstheater in Verscio.

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