Bildung & Chancen

Die rechte Hand der Anwälte

In den USA haben sie sich längst etabliert, hierzulande gelten Paralegals noch immer als Exoten. Doch die Nachfrage nach den Quereinsteigern, die Juristen und Anwälte unterstützen, steigt.

Wesentlicher Beitrag zu den Anwaltsrecherchen: Julia Roberts als Erin Brokovich im gleichnamigen Film.

Wesentlicher Beitrag zu den Anwaltsrecherchen: Julia Roberts als Erin Brokovich im gleichnamigen Film. Bild: Cinetext

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«Para was?»: Diese Reaktion hört Stefan Liechti vom Schweizerischen Paralegal-Verband immer wieder. «Die Bezeichnung ist etwas unglücklich. Manche assoziieren damit gar eine Krankheit.» Liechtis Erfahrung ist symptomatisch: «Der Berufsstand ist in der Schweiz noch immer zu wenig bekannt», sagt er. Dies, obwohl vermutlich einige Tausend Personen Paralegal-Arbeiten verrichteten.

Die Bezeichnung stammt aus den USA, wo Paralegals seit langem etabliert sind. Sie recherchieren juristische Fragen, vergleichen Rechtsprechungen, erstellen Verträge, Protokolle und Eingaben. Meist tun sie das als rechte Hand für Anwälte oder Juristen – in Kanzleien etwa oder in Grossunternehmen und auf Verwaltungen. Oder sie arbeiten bei Staatsanwaltschaften, der Polizei oder führen ein eigenes Kleinunternehmen, wo sie immer wieder mit rechtlichen Fragen konfrontiert sind. Was Paralegals nicht dürfen: Klienten vor Gericht vertreten. Dies ist Anwälten vorbehalten.

Stefan Liechti arbeitet bei einem grossen Versicherungskonzern im Bereich Schadenmanagement. Als er an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) den Paralegal-Kurs belegen wollte, kannte diesen bei seinem Arbeitgeber noch niemand. Das neu erlernte juristische Wissen sieht Liechti heute als eine grosse Hilfe in der täglichen Arbeit. Etwa, wenn ein neues Bundesgerichtsurteil im Versicherungsbereich daraufhin geprüft werden soll, ob es rechtliche Auswirkungen auf die aktuellen Fälle der Versicherung hat. «Ich habe auch gelernt, juristisch korrekt zu formulieren, was mir das Schreiben von Berichten sehr erleichtert», sagt Liechti, der eine technische Ausbildung machte und als Autoexperte zur Versicherung stiess, bevor er sich mit komplexen Versicherungsschäden zu befassen begann. Liechti glaubt, dass sich die Paralegals in den nächsten Jahren etablieren werden.

Zwischen Assistent und Jurist

Auch Boris Vassella ist überzeugt, dass der Begriff «Paralegal» künftig in Stelleninseraten häufiger erscheinen wird. Laut dem Headhunter, der Fach- und Führungskräfte im juristischen Bereich vermittelt, hat sich das Bild vom Paralegal gewandelt. «In den 90er-Jahren noch bezeichneten sich jene als Paralegal, die das Studium der Rechtswissenschaften nicht beendeten.» Heute werde die Bezeichnung mit dem Abschluss zertifizierter Weiterbildungslehrgänge verbunden. Das steigere die Anerkennung auf dem Markt. Der Paralegal reihe sich nun qualitativ zwischen Jurist und Assistent ein.

«Für die Weiterbildung entscheiden sich heute häufig berufserfahrene Personen, deren Interesse an Rechtsfragen überdurchschnittlich ist, die jedoch nicht noch ein umfassendes Rechtsstudium absolvieren können oder wollen», sagt Vassella, der lange selbst als Unternehmensjurist mit Paralegals zusammengearbeitet hat. Die meisten verfügen über einen kaufmännischen Hintergrund. Überdurchschnittlich viele Frauen absolvieren die Weiterbildungen. Laut Vassella fragen heute Anwaltskanzleien häufiger nach Paralegals, aber auch andere Unternehmen.

Preiswerte Alternative

Dennoch schätzt Michael Hüppi vom Schweizerischen Anwaltsverband, dass Paralegals in Kanzleien noch wenig verbreitet seien. «Am ehesten sind es die grossen Kanzleien, die sie einstellen, um die Anwälte bei Alltagsarbeiten zu entlasten. Etwa wenn es darum geht, Urkunden vorzubereiten.» Dabei könne ein Paralegal auch Arbeiten übernehmen, die sonst ein Substitut – ein Jurist, der sich auf die Anwaltsprüfung vorbereitet – oder eine gute Anwaltssekretärin mache.

Dass die Nachfrage nach Paralegals steigt, hat auch einen wirtschaftlichen Grund: Sie entlasten nicht nur fachlich, sie kosten auch weniger. «Da der Kostendruck bei Unternehmen und Kanzleien fortlaufend steigt und für bestimmte rechtliche Arbeiten kein voll ausgebildeter Jurist oder Anwalt notwendig ist, wird man sich künftig vermehrt auf das Wissen von Paralegals abstützen», ist Vassella überzeugt. «Aber noch ist einiges an Überzeugungsarbeit nötig, damit sie als echte personelle Alternative wahrgenommen und akzeptiert werden.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.01.2013, 07:18 Uhr

Weiterbildungsmöglichkeiten

Wer sich zum Paralegal weiterbilden will, kann das an mehreren Orten tun. Allerdings heissen die Studiengänge nicht gleich und unterscheiden sich auch inhaltlich und in der Studiendauer. Die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) bietet in Winterthur zweimal jährlich einen berufsbegleitenden Zertifikatslehrgang unter dem Namen «CAS Paralegal» an. Wer weitere Module besucht, kann das Diplom in Paralegalism machen. Der Zeitaufwand für den Studiengang beträgt etwa zwei Jahre. Zugelassen zum Studium sind auch Personen mit mehrjähriger Berufserfahrung im rechtlichen Bereich, die keinen Hochschulabschluss haben. Die Weiterbildung ist laut Studienleiterin Jacqueline Janser sehr beliebt. «Die Nachfrage steigt seit Jahren. Inzwischen führen wir Wartelisten.»

Das Zentrum für berufliche Weiterbildung bietet die Weiterbildung zum «diplomierten Rechtsassistenten HF» an, die drei Jahre dauert. Die Kurse finden in St. Gallen und Zürich statt. Die Teilnehmenden müssen während des berufsbegleitenden Bildungsgangs eine mindestens 50-prozentige Berufstätigkeit nachweisen, in der Rechtsfragen behandelt werden. Die Höhere Fachschule lässt ihren Lehrgang derzeit vom Bund anerkennen. Ab Herbst 2013 soll er mit einem eidgenössisch anerkannten Diplom abschliessen. In St. Gallen kann man auch die Prüfung zum patentierten Rechtsagenten ablegen: Der Abschluss berechtigt – allerdings ausschliesslich im Kanton St. Gallen – dazu, Klienten in gewissen Angelegenheiten vor Gericht zu vertreten. (cim)

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