Analyse

Dissertationen sind Türöffner für die Berufswelt

Für Chemiker ist Doktorieren praktisch Pflicht – für Phil-Ier eine einsame Sache. Besonders begehrt sind Doktorandenstellen an Schweizer Unis von ausländischen Studienabgängern.

Bild: Widmer

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Ein paar Quellen aus dem Internet kopieren – und schon hat man seinen Doktortitel. Oder auf dem Namensschild im Spital ein «Dr.» vor den Namen setzen, obwohl man gar keinen entsprechenden Titel erworben hat . . . so einfach geht das. Im Wirbel um solche Unrechtmässigkeiten geht gerne vergessen, dass die meisten Doktortitel hart erarbeitet werden. «Doktorarbeiten sind das Rückgrat der Forschung», sagt Thomas Vogel, der an der Zürcher ETH als Prorektor für die Doktorate zuständig ist. Die Doktoranden seien die eigentlichen Treiber der Entwicklung: jung, unverbraucht und hoch motiviert. Demgegenüber seien die Professoren häufig von Administration und Führungsaufgaben absorbiert.

Das Dr. der Ärzte ist umstritten

Landläufig versteht man unter einem «Tokter» einen Arzt. Tatsächlich erwirbt nach wie vor eine klare Mehrheit der Mediziner den Doktortitel. Gemäss einer Befragung unter Hochschulabsolventinnen und -absolventen waren es im Jahr 2003 gut zwei Drittel, während die Doktorandenquote aller Absolventen bei 23 Prozent lag – jedoch mit grossen Unterschieden zwischen den Studienrichtungen.

Angehende Ärzte kommen meist in weniger als einem Jahr zu ihrem Titel – früher sogar oftmals während des Studiums, heute, mit Bologna-System, nach dem Master. «Der ‹Dr. med.› ist nicht vergleichbar mit den Doktoraten anderer Studienrichtungen», sagt Thomas Hidber, Leiter Studienangebotsentwicklung der Universität Zürich. Es habe in der Schweiz sogar eine Diskussion stattgefunden, ob der Titel für eine solche vergleichsweise kleine Arbeit weiterhin vergeben werden sollte. Aus traditionellen Gründen und weil die Nachbarländer ebenfalls daran festhielten, sei es dabei geblieben. Einige Ärzte praktizieren jedoch auch ohne Doktortitel – zu erkennen an der Bezeichnung «eidg. dipl. Arzt».Alle anderen Doktoranden investieren nach Abschluss ihres Studiums für ihren Titel etwa vier weitere Jahre, in denen sie alleine oder in einem Team an einem Forschungsprojekt arbeiten. Während dieser Zeit befinden sich die meisten in einem Arbeitsverhältnis mit einem Lohn von durchschnittlich 50'000 Franken. Andere erhalten ein Stipendium. Meist übernehmen Doktoranden gleichzeitig Lehraufträge und Assistentenaufgaben.

Titel oder Praxiserfahrung?

Aber auch Mathematiker, Juristen und Studierende der Geisteswissenschaften erarbeiten sich nicht selten das begehrte «Dr.» vor dem Namen. Die meisten Doktortitel werden, abgesehen von der Medizin, in den Naturwissenschaften erworben. Bei Chemikern ist das Doktorieren praktisch ein «Must», sagt Thomas Vogel. Die Wirtschaft verlange danach. Denn der Titel zeugt davon, dass der Inhaber unabhängig denken kann und dass er erfolgreich in einer wissenschaftlichen Umgebung gearbeitet hat.

«Auch bei den Ingenieuren geht die Tendenz Richtung Doktortitel, weil das Fachgebiet immer komplexer wird», erklärt Thomas Vogel. Nicht selten öffnet eine Vertiefung in einem spezifischen Gebiet Türen zur Privatwirtschaft. Doch es gelte abzuwägen, was wichtiger sei: ein zusätzlicher Titel oder einige Jahre mehr Erfahrung in der Praxis. Denn ein Ingenieur mit ETH-Master findet auch ohne Doktor sofort einen guten Job. Besonders begehrt sind Doktorandenstellen an Schweizer Unis von ausländischen Studienabgängern. An der Uni beträgt der Ausländeranteil unter den Doktorierenden 34 Prozent, an der ETH gar über 60 Prozent – weit mehr als bei den Bachelor- und Master-Studierenden. Viele kommen aus dem EU-Raum, aus China oder Indien. Dies habe vor allem mit dem Arbeitsmarkt zu tun, erklärt Vogel. Viele Schweizer Hochschulabgänger werden bei der Arbeitssuche schnell fündig, Ausländer erhoffen sich durch einen Titel bessere Chancen.

Neues Netzwerk für Phil-Ier

Während Naturwissenschafter meist in Teams arbeiten, kann eine Dissertation in einer Geisteswissenschaft eine einsame Sache sein. Um die Doktoranden besser einzubinden und zu unterstützen, ist die Universität derzeit dabei, einen gesamtuniversitären Graduate Campus aufzubauen: Die Einrichtung will Angebote für junge Forschende schaffen und diesen neue Möglichkeiten eröffnen, sich zu vernetzen. Doktoranden, die in ähnlichen Gebieten arbeiten, sollen gemeinsame Vorlesungen besuchen und Kolloquien abhalten. «Wir wollen für den wissenschaftlichen Nachwuchs ein attraktives und inspirierendes Forschungsumfeld schaffen», erklärt Hidber.

Erstellt: 17.04.2011, 20:19 Uhr

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Wie das Gehirn der Orang-Utans ihre Figur beeinflusst

Breite Palette an Diss-Themen

Einige Studierende kommen im Verlauf des Studiums selber auf eine Idee für eine Doktorarbeit. Bei anderen sind es die Professoren, die auf Forschungslücken hinweisen. Die Themen sind äusserst vielfältig, zum Teil für Laien kaum verständlich – und dann wieder überraschend anschaulich und alltagsnah. So befasst sich etwa eine Theologin an der Universität mit dem kirchlichen Religionsunterricht und misst unter anderem die Religiosität der Lehrer.

Spermienqualität von Bullen

Eine Anthropologin untersucht derweil den Einfluss des Nahrungsangebots auf Hirngrösse und Fettleibigkeit bei Orang-Utans. Aufgrund des Unwetterphänomens El Niño sind die Affen im nördlichen Teil Borneos viel häufiger Hungerperioden ausgesetzt als ihre Artgenossen in Sumatra. Sie haben kleinere Gehirne und neigen im Zoo mehr zu Fettleibigkeit. Eine Analyse soll nun Hinweise darauf liefern, welche Gene für diese Eigenschaften verantwortlich sind. An der ETH untersuchte eine Doktorandin die Auswirkungen eines pflanzlichen Wirkstoffs aus den Anden auf die Spermienqualität von Zuchtbullen – mit nachweislichem Effekt.

20 Spin-offs im Jahr an der ETH

Besonders erfreulich ist es natürlich, wenn aus einer Doktorarbeit eine Geschäftsidee entsteht und eine Firma gegründet wird. Aus der ETH und ihrem Umfeld gehen jedes Jahr über 20 sogenannte Spin-offs hervor – Tendenz von Jahr zu Jahr steigend.

Ein Beispiel ist das neu gegründete Unternehmen You-Rehab, das unlängst den ZKB-Pionierpreis gewonnen hat. Zwei Informatiker haben ein Programm entwickelt, mit dem Patienten nach einem Schlaganfall motorische Fähigkeiten trainieren können. (asö)

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