«Ein Herz herauszuschneiden, traut sich kaum einer»

Ihr Vater starb an einem plötzlichen Herztod, sie implantiert Kunstherzen: Chirurgin Dilek Gürsoy.

«Ich will junge Frauen ermuntern»: Dilek Gürsoy (41), Herzchirurgin. Foto: Privat

«Ich will junge Frauen ermuntern»: Dilek Gürsoy (41), Herzchirurgin. Foto: Privat

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Der Mann hiess Marc und war noch jung. Er hatte sein eigenes Herz, doch ich musste ihm ein Unterstützungssystem einsetzen. Monate später kam er als Notfall – das Gerät war ausgefallen. Ich sagte ihm: «Morgen werde ich Sie operieren. Entweder schafft es Ihr Herz wieder allein, oder ich muss es herausnehmen und ein Kunstherz einbauen.» Das war ein sehr emotionaler Moment, auch für mich. Er sagte: «Dilek, Sie schaffen das, Sie holen mich da raus.» Wir waren beide den Tränen nahe.

Schon als Kind wollte ich Chirurgin werden. Als Medizinstudentin sah ich die erste Operation – eine Kunstherz-Implantation. Da wusste ich gleich: Das will ich auch machen. Unblutig, ästhetisch – ein Kunstwerk.

Ich hatte Glück und wurde gefördert. Es war eine Ehre, zu Professor Körfer, einer Koryphäe der Herzchirurgie, an den OP-Tisch gelassen zu werden. Schon bevor ich Fachärztin war, durfte ich assistieren. Körfer habe ich so viel zu verdanken! Heute bin ich hier in Bremen die einzige Frau, die Kunstherzen macht. Es gibt auch nur wenige Männer, die das können. Am Organ operieren viele, aber ein Herz ganz herauszuschneiden, das traut sich kaum einer. Es ist auch immer ein besonderer, ehrfürchtiger Moment: Du nimmst die Zange, klappst das Herz hoch – und schnipp, kappst du das wichtigste Organ eines Menschen und hälst es in der Hand. Das kostet mich jedes Mal Überwindung.

Man begegnet Menschen anders, wenn es um Leben und Tod geht.

Aber ich weiss: Ich werde mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Leben retten. Das spornt mich an. Gott hat mir meine Hände gegeben, um Leben zu retten. Also tue ich es. Es ist aber nicht die Operation allein, sondern die Arbeit mit dem Patienten und der Familie danach, die den Erfolg ausmacht. Ein Kunstherz verschwindet ja nicht einfach im Brustkorb, sondern ist mit Schläuchen durch die Bauchdecke an einen Kompressor angeschlossen. Der funktioniert pneumatisch, ächzt und ruckelt, und er ist laut, etwa 70 Dezibel. Wir arbeiten an einem neuen System, das alles einfacher macht. Denn heute lebt man mit Kunstherz noch sehr eingeschränkt. Man schleppt diesen sieben Kilo schweren Rucksack mit sich herum, Tag und Nacht, überall. Das ist eine grosse Belastung, oft noch mehr für die Angehörigen als für die Betroffenen. Denn sie wissen: Ich lebe nur deswegen. All das braucht kompetente Vorbereitung und vor allem hoch qualifizierte Betreuung danach. Ohne dieses Post-OP-Team wäre meine Arbeit also gar nicht viel wert.

Frauen am Messer

Dass ich jetzt diesen Erfolg habe, macht mich glücklich. Nicht wegen des Ego. Man begegnet Menschen anders, wenn es um Leben und Tod geht. Ich denke dabei oft an meine Mutter. Sie arbeitet seit 46 Jahren Akkord am Fliessband. Nachdem mein Vater Ende der 80er-Jahre an einem plötzlichen Herztod verstarb, war sie alleinerziehend. Als sie später einmal schwer krank wurde, hat man sich im Spital sehr menschlich, von Herzen um sie gekümmert. Das hat mich geprägt. So sollte Medizin sein: der Mensch im Mittelpunkt. So war das mal, und es ist meine Vision, dass wir da wieder hinkommen.

Ich will nicht die Einzige sein, die sagt: Ich kann, was die Jungs nicht können.

Eine andere Vision betrifft die Stellung der Frau in der Medizin. Eigentlich müsste gerade die Chirurgie mehr Frauen anziehen, weil sie filigraner und feinmotorischer ist als andere Disziplinen. Ich will junge Frauen ermuntern: Das schaffst du auch, wenn du hart arbeitest. Ich will nicht die Einzige sein, die sagt: Ich kann, was die Jungs nicht können.

Jetzt freue ich mich schon auf das nächste Borussia-Heimspiel. Neben meiner Liebe zum Fussball geniesse ich es auch, anderen zuzusehen, wie sie ihre Höchstleistungen bringen.

Marc, der junge Patient, lebt weiterhin mit seinem eigenen Herzen, es geht ihm gut. Kürzlich schrieb er: «Sie haben alles richtig gemacht. Danke, danke, danke.» Was Schöneres gibts doch nicht!

(Das Magazin)

Erstellt: 11.05.2018, 18:50 Uhr

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