Hochbegabt und trotzdem schlechte Noten

Wie andere auffällige Kinder sollen auch Hochbegabte besser gefördert werden, findet Psychologin Elisabeth Zollinger.

Hochbegabte finden auf unkonventionelle Art Lösun­gen: Ein Junge trommelt auf Pfannen. Foto: iStock

Hochbegabte finden auf unkonventionelle Art Lösun­gen: Ein Junge trommelt auf Pfannen. Foto: iStock

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Eltern, die mit der Hochbegabung ihrer Sprösslinge angeben, erliegen meist einem Wunschdenken. Für real Betroffene fühlt sich das Talent eher wie eine schlimme Krankheit an, über die sie öffentlich schweigen. Aus Angst, negativ aufzufallen. Aus Frust, anders zu ticken als der Rest. «Hochbegabung ist in der Schweiz ein Tabu», stellt Elisabeth Zollinger dezidiert fest. Die Psychotherapeutin testet seit 16 Jahren Kinder auf Hochbegabung, die Ablehnung der Gesellschaft kann sie sich allerdings bis heute nicht erklären: «Man unterstellt solchen Menschen schnell, dass sie ­etwas Besseres sein wollen. Offenbar ­haben wir ein Problem damit, wenn jemand herausragt.»

Diese Haltung spiegelt auch unser Schulsystem wider. Es gilt der solidarische Ansatz, dass jedes Kind eine Chance auf Förderung verdient. Nur: Ob es begabt ist, bestimmen meist seine Schulnoten. Schülerinnen und Schüler müssen in der Regel einen Notendurchschnitt von fünf und mehr haben, damit sie in die Begabtenförderung der Schule aufgenommen werden. Und da ist laut Elisabeth Zollinger der grosse Haken: «Hochbegabte sind nicht immer herausragende Schüler, weil sie sich im Unterricht langweilen.» Die Psychotherapeutin moniert, dass die Begabungsförderung «vor allem die schulische Leistung und den Fleiss belohnt, aber nicht zwingend eine Begabung fördert».

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Das Nachsehen haben insbesondere Hochbegabte. Entgegen dem weitverbreiteten Glauben hat ihr Talent nicht zwingend mit Geniequalitäten auf einem bestimmten Gebiet zu tun. Oder anders gesagt: Man muss mit sechs Jahren weder Sonette schreiben noch die Relativitätstheorie anzweifeln, um als hochbegabt eingestuft zu werden. «Die wissenschaftliche Definition von Hochbegabung ist die aussergewöhnliche Fähigkeit zum Denken», sagt Zollinger.

Hochbegabte überlegen sehr vernetzt und finden auf unkonventionelle Art Lösun­gen, sie haben eine sehr schnelle Auffassungsgabe, reagieren sensibel auf ihre Umwelt und stellen schon im Kindergartenalter Fragen, die für ihr Alter seltsam anmuten. Zum Beispiel, wie viele Tropfen Regenwasser in einem Eimer Platz haben. Oder was denn genau Primzahlen sind. «Hochbegabung sagt aber nichts über die Interessen aus», betont Zollinger. Nicht aus allen wird also der nächste Einstein. «Manche werden Schauspielerin, manche Lehrer, andere gehen in die Hotellerie, die meisten haben als Erwachsene normale Berufe.»

Vielen ist jedoch gemein, dass sie sich schon im Kindergarten unterfordert fühlen. Wie Simon* zum Beispiel. «Er war ein vifes Kind, aber er konnte weder lesen noch schreiben, als er in den Kindergarten kam», erzählt seine Mutter. Dennoch gefiel es Simon dort überhaupt nicht. Es sei langweilig, immer dasselbe. Am Morgen weinte Simon oft. Mit der Zeit bekam er sogar Panikattacken, bis zu dreimal die Woche. Die Eltern waren ratlos. Die Abklärung beim Kinderarzt brachte jedoch kein Ergebnis. Also versuchten sie ihr Kind, so gut es ging, abzulenken, indem sie ihm zum Beispiel auf seinen eigenen Wunsch hin erklärten, wie ein Automotor funktioniert. Als Simon den Motor zeichnen wollte, ist er aber gescheitert – und bekam einen Wutanfall: «Seine feinmotorischen Fähigkeiten waren die eines Fünfjährigen, aber intellektuell war er schon viel weiter», sagt seine Mutter.

Die intellektuelle Unterforderung verursacht Stress. Viele denken, sie seien dumm, weil sie anders sind.

Die Eltern hofften, dass in der Schule alles besser wird – doch die 1. Klasse entpuppte sich für Simon als grosse Ent­täuschung. Wieder bloss Langeweile, dauernd Wiederholungen. Simon klagte fast täglich über Bauchschmerzen, wurde immer aggressiver und trauriger. Beim Lernen war er ein Minimalist, im Rechnen auffallend schludrig, er hatte wenig Freunde. Irgendwann sagte er am Mittagstisch: Ich bin nichts wert, ­niemand hat mich gern. «Da sind wir richtig erschrocken», erzählt die Mutter von Simon. Eine Freundin riet ihr darauf, den Sohn auf Hochbegabung testen zu lassen.

Und tatsächlich: Simon hat einen IQ von 130 und gehört somit zu den Hochbegabten. Nur 2,3 Prozent der Bevölkerung haben einen IQ von 130 und darüber. In der Schweiz betrifft dies rund 21 500 Kinder. Allerdings, so Zollinger, fühlten sich manche schon ab einem IQ von 125 in der Schule unterfordert. Das wären dann bereits 5 Prozent oder fast 47 000 Kinder. Doch nicht jedes Kind lässt sich seinen Frust anmerken: «Gerade Mädchen passen sich an und leiden lieber im Stillen», sagt Zollinger. Je nach Studie haben zwischen 15 und 40 Prozent der hochbegabten Kinder Probleme in der Schule.

«Die intellektuelle Unterforderung verursacht Stress», diagnostiziert die Psychotherapeutin. Die Kinder fühlen sich nicht ernst genommen, in der Schule schalten sie ab oder stören den Unterricht mit scheinbar unpassenden Fragen. Viele denken, sie seien dumm, weil sie anders sind. Dieser ständige Stress führe oft zu Depressionen, Schlaf- oder Essstörungen. «Ich hatte in meiner Praxis auch schon Kinder, die an Suizid dachten, weil sie sich komplett unverstanden fühlten und am Ende ihrer Kräfte waren.»

Nur 2,3 Prozent der Bevölkerung haben einen IQ von 130 – in der Schweiz betrifft dies 21'500 Kinder.

Sobald Hochbegabte ihrer Denkfähigkeit entsprechend gefördert werden, verschwinden die Symptome meist innerhalb weniger Wochen. So war das auch bei Simon. Heute ist der 10-Jährige einen Tag in der Woche von der Schule freigestellt, damit er die Hochbegabtenförderung besuchen kann. Hier kann er mit Gleichgesinnten an Themen wie Brückenbau oder Windkanal hirnen, er bekommt den nötigen Raum für seine nonkonforme Denkweise. «Dieser eine Tag in der Woche ist für Simon heilig», sagt seine Mutter. Dadurch sei er auch motivierter für die Schule und schreibe inzwischen bessere Noten.

Es gibt jedoch nicht einmal eine Handvoll Angebote, meist auf private Initiative hin entstanden, die Hochbegabte als Alternative zur Schule nutzen können. In der Ostschweiz gibt es zum Beispiel das Forum für Hochbegabung (OFFH). «Die Kinder dürfen hier einen halben bis einen ganzen Tag die Handbremse lösen», sagt Sabine Zeller, Vizepräsidentin des OFFH. Die Feedbacks der Eltern und Schullehrer seien «sehr positiv». Die monatlichen Kosten zwischen 300 und 600 Franken übernehmen die Schulen bei der Hälfte der Kinder ganz oder zumindest teilweise, so Zeller. Anders in Bern: Hier müssen den halben Tag beim «Verein zur Förderung besonders begabter Kinder» alle Eltern selbst berappen.

Das ist jedoch immer noch günstiger als eine Privatschule, die in den meisten Kantonen die einzige Alternative darstellt. Eine unfaire Situation, findet Elisabeth Zollinger, denn für Kinder, die in der Regelschule überfordert sind, gebe es einige subventionierte Hilfsangebote. Die Psychotherapeutin fordert deshalb mehr Förderung für Hochbegabte. «Ein halber Tag pro Woche ist zu wenig. Die Kinder sollten mindestens drei halbe Tage von der regulären Schule befreit werden.» Einwände, ob so viel Aufwand für so wenige verhältnismässig ist, findet die 67-Jährige falsch: «Es sind wenige, aber sie können hohe Gesundheitskosten verursachen oder werden gar zu IV-Bezügern, wenn man sie in der Schule vernachlässigt.»

* Name der Redaktion bekannt


Elisabeth Zollinger: Tabuthema Hochbegabung und das Leid unterforderter Kinder. Schweizerisches Institut für Hochbegabung, 2017. 411 S., ca. 42 Fr.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.05.2018, 06:58 Uhr

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