IT-Branche – Quereinsteiger und Gymnasiasten gesucht

Mit neuen Ausbildungen wollen die IT-Berufsverbände den Fachkräftemangel beheben. Gefragt sind nicht Technik-Nerds, sondern andere Fähigkeiten.

Kein Kabelsalat: Dank seiner Informatik-Weiterbildungen hat Peter Fischbacher den Durchblick. Foto: Sabina Bobst

Kein Kabelsalat: Dank seiner Informatik-Weiterbildungen hat Peter Fischbacher den Durchblick. Foto: Sabina Bobst

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Das Bild vom autistischen Informatiker, der tagelang in abgedunkelten Räumen Junkfood über die Tastatur krümelt, ist überholt: Ohne funktionstüchtige Informatik geht heutzutage nichts mehr, entsprechend hat sich der Beruf professionalisiert. Trotzdem mangelt es an Informatikernachwuchs. Denn es braucht immer mehr gut ausgebildete Fachkräfte, um die immer kompliziertere Infrastruktur zu pflegen. Der Verband ICT - Berufsbildung Schweiz rechnet bis 2022 mit einem Mangel von 30 000 Personen. Wegen des technologischen Fortschritts, des Wirtschaftswachstums und der anstehenden Pensionierungen sollten jährlich 10'000 Nachwuchsinformatiker auf den Arbeitsmarkt kommen, sagt Geschäftsführer Jörg Aebischer. Tatsächlich aber würden nur rund 3500 Informatiker ausgebildet. Etwa gleich viele werden aus dem Ausland geholt, doch diese Praxis wird die Umsetzung der Zuwanderungsinitiative künftig erschweren. «Die Differenz von 3000 Arbeitskräften zeigt sich nicht anhand leerer Stühle», sagt der Branchenkenner. Vielmehr würden die Stellen – und damit auch die Wertschöpfung – ins Ausland ausgelagert. «Schade und schlecht für die Schweizer Wirtschaft», findet ­Aebischer.

Um mehr Leute in die Informatik zu locken, hat der Verband eigens eine Kampagne lanciert. «Wir wollen das Image des Technik-Nerds korrigieren und zeigen, dass es sich um kreative Zukunftsjobs handelt», erklärt Aebischer. Zudem sollen Firmen wachgerüttelt werden. Denn in der Nachwuchsförderung seien sie immer noch zu wenig aktiv, bedauert Aebischer.

Quereinsteiger gefragt

Auch die kantonalen Lehrbetriebsvereinigungen versuchen, mehr Leute auszubilden. Die vierjährige Berufslehre zum Informatiker kann auch berufsbegleitend in zwei Jahren absolviert werden. Für Interessierte, die sich nicht an den anspruchsvollen Lehrgang wagen, kommt zum Beispiel die Weiterbildung zum ICT-Assistenten infrage, welche vom Zürcher Lehrbetriebsverband ICT angeboten wird.

Die Fachkräfte-Bedarfsanalyse hat ergeben, dass auch bei den Informatik-Führungskräften ein beträchtlicher Mangel besteht. Um diesem zu begegnen, wurde der neue Bildungsweg zum ICT-Manager mit eidgenössischem Diplom geschaffen. Die ersten Teilnehmer haben die zweijährige Ausbildung im vergangenen Herbst begonnen. Mit dem Diplom ist man zum Beispiel befähigt, die Informatikabteilung eines mittleren Betriebs zu leiten oder selbstständig zu arbeiten. Der Abschluss ist auf dem Niveau eines Bachelors anzusiedeln. Laut Aebischer sind die Absolventen im Unterschied zu Fachhochschulabgängern zu 100 Prozent Praktiker. Der Bildungsweg stelle eine grosse Chance für begabte Personen ohne Matur und Studium dar.

Gymnasiasten gewinnen

Künftig würden zudem mehr Universitäts- und Fachhochschulabgänger benötigt, sagt Olaf Stern, Studiengangleiter Informatik an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW). «Die Anforderungen werden immer komplexer und entwickeln sich rasant», sagt der Professor. So seien etwa Cloud Computing, Big Data oder die Software-Entwicklung für mobile Geräte noch vor wenigen Jahren kein Thema gewesen, heute aber der Stand der Technik. Um vermehrt auch Gymnasiasten für den Beruf zu gewinnen, bietet die ZHAW ab Herbst 2015 den Informatikstudiengang mit integriertem Praktikum an. Bis zum Bachelor dauert es vier Jahre. Denn Praktikumsplätze zu finden, ist für Neueinsteiger schwierig. Für die Zulassung zum Fachhochschulstudium ist praktische Erfahrung jedoch Voraussetzung. Bei der Vermittlung von Praktika arbeitet die ZHAW eng mit lokalen Unternehmen zusammen. Olaf Stern hält nichts vom Technik-Nerd-Klischee: «Um dem Bedarf der Firmen gerecht zu werden, braucht es gut ausgebildete und kommunikative Leute.»


Peter Fischbacher (39)
Ausbildung zum eidg. dipl. ICT-Manager

In seiner Lehre zum Lüftungszeichner arbeitete Peter Fischbacher Anfang der 90er-Jahre noch am Reissbrett. Kurz nach dem Abschluss kam das Entwerfen am Bildschirm mittels CAD-Technik auf. Der Wechsel bereitete ihm keine Mühe: «Die neue Arbeitsweise faszinierte mich.» Und weil sich der junge Mann bei der Arbeit am Computer als geschickt erwies, übertrug ihm sein damaliger ­Arbeitgeber die Verantwortung für den Unterhalt der Informatik. Bei der Haustechnikfirma rutschte der heutige ICT-Service-Manager in sein heutiges Fachgebiet. Unterdessen leitet er beim industriellen Grosshandelsunternehmen Bibus AG in Fehraltorf ein kleines Team, das für die ICT-Infrastruktur der Firma verantwortlich ist.

Zu seiner Arbeit befähigen Fischbacher verschiedene Weiterbildungen. «Weil es früher die Lehre zum Informatiker noch nicht gab, musste ich mir das Wissen an verschiedenen Orten zusammensuchen», sagt Fischbacher. Unter anderem hat er ein eidgenössisches Fähigkeitszeugnis als Informatiker erworben. Um seiner Aufgabe gerecht zu werden, hat er sich für die Ausbildung zum ICT-Manager entschieden. Berufsbegleitend besucht er den ersten Lehrgang, der an der Höheren Fachschule für Wirtschaft und Informatik (IFA) in Zürich angeboten wird. Neben den ICT-spezifischen Inhalten setzt er sich auch mit finanziellen, personellen und rechtlichen Aspekten auseinander: «Die wirtschaftlichen Kenntnisse haben mir bisher gefehlt.» Wichtig ist ihm, dass seine Fähigkeiten in einem anerkannten Diplom bestätigt werden. Zudem profitiere er vom Austausch in der Klasse.


Barbara Lüthi (35)
Fachausweis Wirtschaftsinformatik

Bis vor sechs Jahren kontrollierte Barbara Lüthi die Fracht von Lastwagen. Die gelernte Zollfachfrau war an der Grenze für die Abfertigung und Kontrolle von Handelswaren zuständig. Seit über fünf Jahren arbeitet sie in der Abteilung der leistungsabhängigen Schwerverkehrsabgabe (LSVA). Weil ihren Vorgesetzten Lüthis Affinität für Computer auffiel, legten sie ihr eine Ausbildung in diesem Bereich nahe. «Ich hatte schon immer ein Flair für Zahlen und wollte wissen, was hinter den Programmen steckt», sagt die 35-Jährige. An der Wirtschaftsinformatikschule Wiss in Bern absolvierte sie berufsbegleitend während eineinhalb Jahren die Ausbildung zur Wirtschaftsinformatikerin. Im Mai schloss sie mit dem eidgenössischen Fachausweis ab.

Dass sie die einzige Frau in der Klasse war, störte sie nie. «Männer sind häufig unkomplizierter und trauen sich mehr zu.» In einem Männerumfeld bewegt sie sich auch an der Arbeitsstelle. Da steht zurzeit eine Reorganisation der Verwaltung an, bei der Lüthis neu erworbenes Computerwissen gefragt sein wird. Sie wird Bedürfnisse und Prozesse am Arbeitsplatz erfassen und den Applikationsentwicklern des Bundesamts für Informatik kommunizieren. Danach prüft sie die Programme auf ihre Funktionstüchtigkeit. «Die Ausbildung hat mir ganz neue Möglichkeiten eröffnet», freut sie sich.


David Graf (26)
Informatikstudium an der ZHAW

Bei Computern kennt David Graf keine Berührungsängste. «Ich bin dort daheim, wo ich Internet habe», sagt der passionierte Gamer. In seiner Lehre zum Konstrukteur lernte er, Maschinen zu entwickeln. Das Modellieren und Auslegen von mechanischen Systemen macht dem Winterthurer Freude. Nach einem Studium in Maschinenbau und einigen Jahren Arbeit in einem Technologiekonzern begann er sich auch für die Steuerungen der Maschinen zu interessieren. «Ich wollte den Teil des Programmierens ebenfalls übernehmen können.» Deshalb entschied er sich für ein Zweitstudium in Informatik an der School of Engineering der ZHAW. Die Ausbildung sei sehr praxisbezogen und breit. «Wir lernen das ganze Spektrum an Programmiersprachen kennen.»

Mit den erworbenen Fähigkeiten aus beiden Studien habe er gute Berufsaussichten, ist Graf überzeugt. «Die beiden Fächer ergänzen sich bestens.» Er könnte sich vorstellen, später einmal im Ausland zu arbeiten. Im Sommer hat der Asien-Fan selbstständig ein Praktikum in der chinesischen Industriestadt Shenzhen organisiert, wo eine Schweizer Firma ihre Maschinen bauen lässt. Hier konnte er den gesamten Prozess mitverfolgen. Das gefiel dem 26-Jährigen, der zuvor Mandarin gelernt hatte: «Wenn ich eine Maschine vor Augen habe, lässt das mein Herz immer noch höher schlagen.»

Erstellt: 05.01.2015, 06:32 Uhr

Barbara Lüthi.

David Graf.

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