In der Schule der Genies

Bill Gates, Jeff Bezos und Mark Zuckerberg waren in der Montessori-Schule. Müssen wir unsere Kinder auch hinschicken?

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Microsoft-Gründer Bill Gates ist der reichste Mensch auf Erden. Der drittreichste ist Amazon-Chef Jeff Bezos. Larry Page und Sergey Brin haben Google erfunden, Facebook ist Mark Zuckerbergs Reich, und Wikipedia war eine Idee von Jimmy Wales. Sie und weitere Supernerds haben eines gemeinsam: Sie alle waren Montessori-Schüler, wurden mehr oder weniger strikt nach den Methoden der italienischen Ärztin unterrichtet. Motto: «Hilf mir, es selbst zu tun.» Schon zu Lebzeiten scharte Maria Montessori (1870–1952) viele Anhänger hinter sich, heute gibt es weltweit 20'000 Montessori-Kindergärten und -Schulen, drei Dutzend davon in der Deutschschweiz.

Morgens an der Montessori-Schule Rietberg, Stadt Zürich. Die Schule besitzt mehrere Villen, in denen 260 Kinder von der Krippe bis zur sechsten Primarklasse unterrichtet werden. Der erste Eindruck: Ein Schüler fläzt auf dem Boden, pröbelt an einem Zählrahmen herum. Allein für sich, versunken in Gedanken. Wenn er träumend wegdriftet zu einem neuen Interesse und sich dabei vergisst, ist das durchaus in Montessoris Sinn. Jeden Tag haben die Schüler drei Stunden zur freien Verfügung. Sie können dann arbeiten, was und wie sie wollen.

Die erste Raute

Im Schulzimmer nebenan zeichnen zwei Mädchen, 10 und 11 Jahre alt, ihre erste Raute. «Nicht zu verwechseln mit der Raupe Nimmersatt!», sagt die Lehrerin. Die Mienen der Mädchen bleiben ernst, sie sind ganz offensichtlich zu konzentriert für Heiterkeit. Das Zimmer verströmt Hippie-Flair mit seinem Teppich, den Kästchen für Handarbeitsmaterial, den hellen Farben, der Gitarre an der Wand und dem Körbchen für den kleinen Hund, der durch die Gänge trippelt. Die zwei Mädchen nehmen als Einzige an der Geografielektion teil. «Im Durchschnitt sind es circa vier Kinder pro Lektion», sagt die Lehrerin.

Die Zimmertür ist während des Unterrichts offen. Kinder kommen, Kinder gehen. Manchmal hören jüngere Schüler fasziniert zu, was am Nebentisch geredet wird, wollen sofort mehr wissen. Sie können sich dann für die nächste oder eine ähnliche Lektion anmelden. Schon siebenjährige Montessori-Schüler planen ihre Woche eigenständig. Die Lehrerin versteht sich als Beobachterin, sie wählt den Stoff vorsichtig, drängt das Kind nicht zu dieser oder jener Erkenntnis. Während die Mädchen mit dem Dreieck hantieren, kommt ein Schüler ins Zimmer und fragt, ob er heute seinen Mathetest schreiben könne. Er muss eine Viertelstunde warten, dann setzt sich die Lehrerin zu ihm hin: «Wir legen los. Zwei mal acht . . .»

Zur Montessori-Pädagogik gehören spezifische Arbeitsmaterialien.

Während eines Gesprächs kommen Schüler herbei und knipsen wortlos Wäscheklammern ans Halstuch der Lehrerin, auf den Klammern stehen ihre Namen. Die Kinder signalisieren so ein Anliegen, das sie gerne bereden würden. Ja, das wirke drollig, sagt die Lehrerin. «Aber es ist auch sehr effektiv.» Schülerinnen müssen nicht Schlange stehen, um Antworten zu bekommen, und Lehrerinnen werden nicht ständig unterbrochen. Alle können konzentriert bleiben.

Die Gymnasiumquote

Wenn Christine Urand redet, schaut ihr Maria Montessoris rundes Gesicht stets über die Schultern. Urand ist Leiterin der Rietberg-Schule, in ihrem Büro hängen Montessori-Bilder, der alte Lire-Schein mit dem Montessori-Konterfei steht auf dem Pult. «Ich unterrichte seit 40 Jahren nach dieser Pädagogik. Mein Enthusiasmus hat keinen Moment nachgelassen.» Dass Urand zuweilen von der «Dottoressa» spricht, ist kaum Zufall. Montessori-Anhänger betonen die Wissenschaftlichkeit ihrer Pädagogik, auch um sich abzugrenzen, etwa gegenüber den Rudolf-Steiner-Schulen.

«Hilf mir, es selbst zu tun»: So lautete das Motto der italienischen Ärztin Maria Montessori (1870-1952).

Keine Noten, viel Zeit zur freien Verfügung, ein lustiger Hund – ist die Montessori-Schule ein Wohlfühl-Ort, der Kinder hätschelt und abschirmt vor den Übeln der Welt? Das Gespräch dauert schon eine Weile, aber jetzt lacht Urand zum ersten Mal, die Sekretärin kichert mit. Nachdem sie fertig gelacht hat, verweist Urand auf die Gymnasiumübertrittsquote. Das sei es, was für die Eltern letztlich vor allem zähle: den Übertritt schaffen, später die Matura bestehen. «Die Zahlen sprechen für uns.»

Was die Forschung anbetrifft, sind die Resultate weniger klar. Angeline Lillard ist Psychologieprofessorin der Uni Virginia und Autorin des Standardwerks zur Montessori-Pädagogik, «The Science Behind the Genius». Sie veröffentlichte Studien, die nahelegen, dass der Lernerfolg an Montessori-Schulen tatsächlich grösser ist – und das ungeachtet der sozialen Herkunft der Schüler. Eine direkte Verbindung zu den Silicon-Valley-Unternehmern will Lillard aber nicht ziehen, «dafür brauchte es mehr Forschung». Allerdings sei der Erfolg schon auffällig. «Vor allem wenn man bedenkt, wie wenige Menschen in den USA Montessori-Schulen besuchen.» Die Stärken der Montessori-Pädagogik – Selbstverantwortung und Konzentration, Arbeitsflow und unkonventionelles Denken – seien generell günstige Voraussetzung für den Erfolg in einem unternehmerischen Umfeld.

Die magische Balance

Hürlimann-Areal, 900 Meter Luftlinie von der Montessori-Schule entfernt. Hier liegt die Google-Zentrale mit Hunderten Mitarbeitern. In der Eingangslobby steht ein Billardtisch, von der Decke hängen üppige Pflanzen und nackte Neonröhren, und am Fenster steht eine Giacometti-dünne Skulptur aus Holz. Die Figur beugt die Wirbelsäule, um ein Smartphone zu betrachten.

Aus der Tür tritt Jon Venverloh und streckt die Hand entgegen – gestatten: Product Management Director, 45 Jahre alt, blaues Hemd, blaue Augen, Oberkörper wie ein Ruderer. Der Texaner hat vier Töchter, alle besuchen die Montessori-Schule in Rietberg. Venverloh läuft vorbei an einem Raum mit einem Flipperkasten und an einer Bühne mit Musik-Equipment. «Manchmal spielt hier eine Band.» Venverloh hat in Stanford Wirtschaft studiert und gehört zur ersten Generation der «Googler». Seit 2000 ist er im Unternehmen, hat die Mitarbeiternummer 153. Er gehört zum Kader von Google Shopping, Googles Antwort auf Amazon.

Venverloh führt hinein in eine Zelle, in der eine Virtual-Reality-Brille bereitliegt. Die Wände sind mit Schaumstoff ausgekleidet; die Besucher sollen sich nicht wehtun, wenn sie hier mit aufgesetzten Brillen herumlaufen. Es ist der Testraum für Google Earth 3-D. Die Brille einmal aufgesetzt, kann man über die Golden Bridge von San Francisco fliegen. Oder über Zürich und das Google-Gebäude, in dem man sich gerade befindet. Das virtuelle Ich schwebt über dem realen Ich. Vielleicht beginnt mit dieser Technologie die Ära des Beamens, vielleicht kommt sie gar nie auf den Markt.

Viele «Googler» schicken ihre Kinder in die Montessori-Schule.

«Erkennen Sie allmählich die Beziehung zwischen Montessori und Google?», fragt Venverloh. Er kippt den Kopf erwartungsvoll schief. «Es geht immer um die Balance zwischen Kreativität und Regelkenntnis, zwischen Spiel und Ordnung», erklärt er. «Wer nur kreativ ist, kommt nie weit. Wer bloss fleissig ist, der erschafft nur Mittelmass.»

Tatsächlich geht es bei Google und anderen Silicon-Valley-Unternehmen fast immer um diese heikle Balance, einen quasimagischen Geisteszustand. Dahinter steckt das Kalkül, dass eine einzige geniale Idee ein ganzes, mit blosser Routine angefülltes Arbeitsleben übertrumpft. Facebook baut sein Hauptquartier wie einen Uni-Campus, um eine Atmosphäre studentischer Zwanglosigkeit hervorzurufen. Tesla-Boss Elon Musk ermuntert jeden, für ein paar Tage aus dem Alltag auszubrechen und am Wüstenkarneval Burning Man mitzutanzen. Junge Techis versuchen, mit kleinen LSD-Portionen das ungewöhnliche Denken zu stimulieren, ohne dabei gleich auf den Trip zu kommen. Und widerspiegeln Bill Gates notorisch fleckige Brillengläser nicht eine ganz spezifische Wertschätzung der Versenkung in eine Arbeit, die einen alle anderen Dinge vernachlässigen lässt? Ist ein Nerd nicht ein idealer Montessori-Schüler?

«Ja, ich beneide meine Töchter», sagt Google-Mann Venverloh. Er erinnert sich an den Frontalunterricht seiner Primarzeit. «Es war simpel, die Lehrer haben uns vor-, wir haben nachgekaut.» Sein Vater, ein Ingenieur, versprach ihm jeweils schöne Ersatzteile fürs Velo, um ihn zu guten Noten anzutreiben. «Ich brauchte lange, bis ich merkte, dass eine intrinsische Motivation immer stärker ist als externe Anreize.»

Das liebe Geld

30'000 Franken. Diese Summe muss zahlen, wer sein Kind ein Jahr lang ganztags in den Montessori-Kindergarten Rietberg schicken will. Die Primarschule kostet noch etwas mehr. Viel Geld, das wissen auch die Verantwortlichen. «Es wurmt mich, dass unsere Schule heute nicht allen zugänglich ist», sagt eine Lehrerin.

Christine Urand sagt, es sei selbstverständlich eine Ehre, dass nebst Jon Venverloh viele weitere Google-Mitarbeiter ihre Schule ausgewählt hätten. Sie sagt aber auch: «Ich wünschte schon, wir wären nicht nur eine Schule, die Kindern von ‹High Achievern› hilft, den Status zu halten. Liebend gern würden wir Kinder aus allen Schichten unterrichten.» Deshalb versuchen die Montessori-Anhänger, ihre Methoden in die öffentlichen Schulen zu bringen. Urand führte bereits Gespräche mit der Pädagogischen Hochschule Zürich über die Einführung eines Montessori-Masterlehrgangs.

Der Kritiker

Seitens der öffentlichen Schulen ist die Skepsis beträchtlich. «Montessori-Anhänger glauben, die beste aller Erziehungsformen für sich entdeckt zu haben. Aber in der Bildung gibt es nie eine Patentlösung», sagt Christoph Schmid, Professor an der Pädagogischen Hochschule Zürich und Montessori-Kenner. Die Liste mit erfolgreichen Montessori-Schülern beeindruckt Schmid nicht. Einen Zusammenhang zwischen digitalem Erfolg und Montessori sehe er nicht. Es fehlten schlicht tragfähige Studien dazu.

Allerdings: Während Bildungswissenschaftler wie Schmid zur Zurückhaltung mahnen, beschleunigt sich die Digitalisierung. Das Licht um ihre Gewinner strahlt heller und heller und damit auch um die Montessori-Schulen und ihre ungewöhnlichen Methoden. Schmid räumt ein, dass mehr passieren könnte an den hiesigen öffentlichen Schulen, eventuell auch in Richtung Montessori. Aber nur, wenn man das dogmatische Selbstverständnis dieser Pädagogik relativiere.

Und letztlich sei es der Stimmbürger, der mit seinen Urnengängen entscheide, wie innovativ der Unterricht der Kinder in der Schweiz werden dürfe. Man denke an den Lehrplan 21. Und fast klingt Schmid, als sei er es, der zur Teilnahme an einem ziemlich gewagten Schulexperiment ermuntere. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.02.2018, 00:03 Uhr

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