Jedes dritte Kind wird «abgeklärt»

Immer mehr Kinder sollen therapiert werden – auch auf Stufe Kindergarten. Der Sonderschul-Bereich wächst, einzelne Lehrer beklagen einen zunehmenden Druck.

Manche werden nach der Abklärung eine Stunde therapiert, andere bis zu einem Jahr: Kindergärtler beim Spiel.

Manche werden nach der Abklärung eine Stunde therapiert, andere bis zu einem Jahr: Kindergärtler beim Spiel. Bild: Keystone

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Die Zeitung «Der Sonntag» berichtet vom «Alltagswahnsinn» im schulischen Therapiebereich. «Sehr viele Fachkräfte unterstützen sich gegenseitig in ihrer Therapie-Hysterie», sagt eine anonyme Lehrerin zum «Sonntag». «Klassenlehrer kommen sogar in Bedrängnis, wenn sie nicht ein bis vier Kinder pro Klasse therapieren wollen.»

Lilo Laetzsch, Präsidentin des Zürcher Lehrerverbandes, sagt gegenüber der Zeitung: «Schätzungsweise 30 Prozent aller Kinder im Kindergarten werden abgeklärt.» Manche Kinder würden in der Folge eine Stunde lang therapiert, andere bis zu einem Jahr. «Wir gehen sehr verantwortungsbewusst mit Abklärungen um», sagt Laetzsch. Aber sie ist sich auch bewusst: «Angebot schafft Nachfrage.»

Kanton erwägt Monitoring-Stelle

Tatsächlich bauen Gemeinden und Kantone das Therapie-Angebot stetig aus. Auch in der Stadt Zürich zeigt sich der Zuwachs: Waren 2008 im Bereich Logopädie noch 47 Vollzeiteinheiten bewilligt, waren es 2010 bereits 65. Das gleiche Bild zeigt sich im Bereich Psychomotorik: Hier wurden 2008 19 Vollzeiteinheiten verzeichnet, 2011 sind es bereits 23.

Weil die Zahl der therapierten Kinder im Kanton Zürich von Gemeinde zu Gemeinde stark variiert, will der Kanton nun handeln: «Wir denken über eine Monitoring-Stelle nach, welche die Sonderschulangebote in den einzelnen Gemeinden vergleicht und die Gemeinden unterstützt», sagt Urs Meier, stellvertretender Amtschef im Volksschulamt des Kantons.

Druck auf Lehrer steigt

Anita Crain, Stufenleiterin Volksschulen in Basel-Stadt, bestätigt gegenüber dem «Sonntag», dass der Druck auf die Lehrer steige: «Sie müssen bei jedem Kind genau herausfinden, warum es Schwierigkeiten gibt und diese dann möglichst schnell beheben.» Auch Crain sieht ein Übermass an Therapieangeboten. Dass Kinder mit Therapien gefördert werden, sei aber grundsätzlich zu begrüssen.

«Viele Kinder kommen aus mehrfach belasteten Familien und haben einen umfassenden Förderbedarf», sagt Crain dem «Sonntag». Ihren Beobachtungen zufolge hätten unter anderem Schwierigkeiten im sprachlichen Bereich und Auffälligkeiten im psychischen Bereich zugenommen. Auch auf der Beziehungsebene seien mehr Kinder auffällig als früher: «Sie verfügen oft über eine niedrige Frustrationstoleranz und über wenig Stabilität im emotionalen Bereich.» (ami)

Erstellt: 30.10.2011, 12:47 Uhr

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