Lehrstelle trotz besonderer Ansprüche

Sie sind keine Durchschnittsjugendlichen: Drei KV-Lehrlinge erzählen von ihrem speziellen Berufsalltag.

Wechselt mühelos zwischen Büro und Rasen: Sandra Aloi ist Fussballerin und KV-Lehrling – beides beim FCZ. Foto: Dieter Seeger

Wechselt mühelos zwischen Büro und Rasen: Sandra Aloi ist Fussballerin und KV-Lehrling – beides beim FCZ. Foto: Dieter Seeger

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wie finden Menschen mit speziellen Anforderungen einen Ausbildungsplatz? Junge Künstler oder Sportlerinnen, die Auftritte und Trainings mit dem Beruf vereinbaren müssen – oder Jugendliche, die durch ein Handicap eingeschränkt werden? Für Sportler gibt es schulische Lösungen wie zum Beispiel die United School of Sports in Zürich und Sankt Gallen. Dort absolvieren rund 300 Lernende eine KV-Lehre. Aber auch andere Lehren eignen sich. Ist ein Lehrbetrieb gefunden, müssen Aus­nahme­regelungen in den Lehrvertrag aufgenommen werden.

Unterstützung dabei bieten Berufsinformationszentren. Carla Mom, Leiterin des BIZ Oerlikon: «Die Berufsberaterin arbeitet mit den Betrieben spezielle Verträge aus, die mehr Absenzen oder flexible Arbeitszeiten erlauben.» Etwas anders ist es bei Menschen mit Handicap. Die IV übernimmt behinderungs­bedingte Mehrkosten bei der Erstaus­bildung. Sie bietet eine spezialisierte Berufsberatung an, in der die körperliche oder psychische Behinderung in den Berufswahlprozess miteinbezogen wird. Zusätzlich unterstützt die IV bei der Lehrstellensuche und während der Lehre. Drei Beispiele für KV-Lehrlinge mit besonderen Ansprüchen:


Fussballerin FCZ
Sandra Aloi (18)
Geschäftsstelle FCZ, Zürich

«Als Fussballerin bin ich auf einen Arbeit­geber angewiesen, der meine Absenzen akzeptiert. Dass ich den praktischen Teil meiner KV-Lehre auf der Geschäfts­stelle des FCZ in Zürich ab­solvieren kann, ist für mich ein grosses Glück: Ich arbeite und spiele für den­selben Verein. Es ist das Schönste, wenn man seine Leidenschaft mit dem Beruf kombinieren kann. Für eine Lehre als Kauffrau entschied ich mich wegen der United School of Sports in St. Gallen, die eine vierjährige KV-Lehre speziell für Nachwuchssportler anbietet. Absenzen für Spiele, Trainings oder Lager sind dort kein Problem. Wenn ich ein EM-Qualifikationsspiel mit der U‑19 habe, bekomme ich frei, auch ohne Spezial­bewilligung.

Einen Lehrabschluss zu haben, ist mir wichtig, denn als Frau vom Fussball zu leben, ist schwierig. Wie viele meiner Vereinskolleginnen arbeite ich Vollzeit, trotz des täglichen Trainings und der Spiele an den Wochenenden. Freizeit habe ich kaum – zum Glück sind meine beiden WG-Mitbewohner in Zürich Eishockeyspieler beim ZSC-Nachwuchs und verstehen, dass ich am Samstagabend vor einem wichtigen Spiel nicht Party machen kann. Ich bin nun im dritten Lehrjahr. Was nach meinem Abschluss im Sommer 2016 kommt, weiss ich noch nicht. Ich versuche als Abwehrspielerin einen Stammplatz beim FCZ zu ergattern. Ich kann mir aber auch vorstellen, ins Ausland zu gehen. In Deutschland stösst der Frauenfussball auf ein grösseres Interesse als hier, dort erreicht ein Spiel auch mal vierstellige Zuschauerzahlen. Ein Traum wäre, für den VfL Wolfsburg zu spielen.»


Zirkusartist Circus Monti
Mario Muntwyler (18)
Industrielle Betriebe, Wohlen

«Es gefällt mir, im Büro zu arbeiten und normale Arbeitszeiten zu haben. Das ist etwas völlig anderes als das Zirkusleben, mit dem ich im Circus Monti aufgewachsen bin. Mein Grossvater hat den Zirkus vor 30 Jahren gegründet. Meine eigene Artistenkarriere habe ich schon früh ­gestartet: Als Dreijähriger habe ich an­gefangen zu jong­lieren, als Siebenjähriger stand ich zum ersten Mal mit einer eigenen Nummer in der Manege. Jonglieren ist bis heute meine Leidenschaft. Wenn ich meine Lehre nächstes Jahr abgeschlossen habe, werde ich voll auf Zirkus setzen. Warum ich trotzdem eine Berufs­lehre mache? Einerseits aus Vernunft. Die Büroausbildung ist mein zweites Standbein, falls ich mich einmal verletzen sollte oder keine Lust mehr habe auf Zirkus. Und falls wir drei Brüder eines Tages den Zirkus übernähmen, wüsste ich Bescheid im Bürobereich. Andererseits wollte ich einmal etwas ausserhalb vom Circus Monti machen. Dort bin ich immer der Sohn vom Chef – in der Firma hingegen bin ich ein ganz normaler Lehrling.

Ich arbeite im dritten Lehrjahr für die Industriellen Betriebe in Wohlen. Auch das Winterquartier vom Circus Monti ist in Wohlen stationiert. Während der Saison, also während wir auf Tournee sind, kann ich zwei Tage meiner vier Arbeitstage im Büro des Circus Monti arbeiten. So schaffe ich es trotz Schule und Arbeit, so viel wie möglich in der Manege zu stehen. Es kommt vor, dass eine Vorstellung bis halb elf Uhr nachts dauert und ich am nächsten Morgen früh ins Büro oder zur Schule muss. Es sind manchmal sehr lange Tage. Trotzdem möchte ich beides machen können, Lehre und Jonglieren. Wenn ich weiss, dass ich abends eine Vorstellung habe, dann freue ich mich den ganzen Tag darauf.»


Rollstuhlfahrerin
Lea Gauch (16)
Gemeindeverwaltung, Döttingen

«Als ich auf Lehrstellensuche war und meine Bewerbungen geschrieben habe, war ich zuerst nicht sicher, ob ich auf den Rollstuhl hinweisen sollte. Ich wollte nicht riskieren, deswegen eine Absage zu erhalten. Schliesslich habe ich ihn erwähnt – das Ehrlichsein war mir wichtig. Und schliesslich hindert mich der Rollstuhl nicht am Selbstständig-sein. Meinen Alltag kann ich gut selbst bewältigen, seit kurzem lerne ich mit einer Spezialbewilligung sogar Autofahren. Wegen meiner Glasknochen kann ich jedoch nur kurz gehen oder stehen und bin daher auf den Rollstuhl ange­wiesen. Seit August mache ich die Ausbildung zur Kauffrau mit Berufsmatura auf der Gemeindeverwaltung Döttingen. Das Gebäude ist rollstuhlgängig, und ich kann eigentlich alles erledigen, was von einem Erstlehrjahresstift erwartet wird: An meinem Arbeitsplatz auf der Einwohnerkontrolle nehme ich das Telefon ab, gebe Auskunft oder verbinde. Dank einer speziellen Vorrichtung an meinem Rollstuhl kann ich auch am für mich hohen Schalter stehen und Kunden begrüssen. Zudem fahre ich zur Post, dafür habe ich ein spezielles Motörli, ein Swiss Trac.

Hilfe brauche ich nur, um schwere Sachen zu heben oder etwas von einer hohen Ablage herunterzuholen. Im Mitteilungsblatt der Gemeinde Döttingen stellen sich die neuen Mitarbeiter jeweils vor. Dort habe ich kurz beschrieben, was ich habe. Auch meiner Berufsschulklasse habe ich einen Brief gesendet, obwohl mir das offene Kommunizieren manchmal schwerfällt. Dabei ging es mir nicht darum, meine Geschichte herumzuposaunen. Ich denke, es ist einfach besser, wenn alle Bescheid wissen. An der KV-Lehre auf der Gemeindeverwaltung gefällt mir, dass ich sehe, wie die Verwaltung funktioniert. Aber auch, dass ich hier viel Kundenkontakt habe. Und dass die Ausbildung so vielseitig ist: Mit der Berufsmatura stehen mir nach der Lehre noch alle Wege offen. In meiner Freizeit gehe ich gern schwimmen, in den Ausgang oder shoppen, aber im Moment bleibt dafür nur an den Wochenenden Zeit.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.11.2014, 18:44 Uhr

Artikel zum Thema

Das sind die Berufe der Zukunft

Wir schreiben das Jahr 2030. Roboter und künstliche Intelligenz prägen die Arbeitswelt. Was gibt es für Menschen eigentlich noch zu tun? Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

Sweet Home Kommen Sie mit auf die rosa Wolke

Sweet Home So richten Sie geschickter ein

Die Welt in Bildern

Volle Lippen: Indische Künstler verkleiden sich während des Dussehra Fests in Bhopal als Gottheit Hanuman. (19.Oktober 2018)
(Bild: Sanjeev Gupta/EPA) Mehr...