Lernen ist ein Tauschgeschäft

Digitale Austauschplattformen wie Sharing is Caring und Uniboard.ch erleichtern Studierenden den Alltag. Online gibt es Prüfungen, Zusammenfassungen und zur Not ein Aspirin.

Ihre Gruppe hat über 8600 Mitglieder: Die Sharing-is-Caring-Gründer Nicolas Fries und Nikolai Räber. Foto: Urs Jaudas

Ihre Gruppe hat über 8600 Mitglieder: Die Sharing-is-Caring-Gründer Nicolas Fries und Nikolai Räber. Foto: Urs Jaudas

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Die Lerngruppe Leuchtstifte trifft sich jeden Mittwoch an der Uni zum Repetieren. Der Student Claudio hingegen bereitet sich allein auf die Prüfung vor. Trotzdem profitiert auch er vom Austausch mit anderen Studierenden: In einer Facebook-Gruppe für Studierende hat er um Hilfe gebeten und kurzerhand eine alte Prüfung erhalten, die ein Student fotografiert hatte.

Eine solche digitale Austauschplattform ist auch Sharing is Caring. Das Konzept der Facebook-Gruppe aus St. Gallen ist simpel: Mitglieder können Fragen stellen und erhalten innert weniger Minuten eine Antwort. Studierende bitten hier um Prüfungsinfos, Zusammenfassungen oder bieten nach Abschluss ihres Studiums ihr WG-Zimmer samt Einrichtung feil. Nicolas Fries und Nikolai Räber haben die Gruppe vor zwei Jahren mit drei Mitstudenten gegründet. «Facebook hat den Vorteil, dass viele Studierende dabei sind und die Fragen auf ­ihrem News-Feed sehen», erklärt Fries. Die Idee, eine Tauschplattform aufzubauen und zu kuratieren, kam den Studenten während ihres Studiums an der Hochschule St. Gallen. «Die HSG hat ja einen eher elitären Ruf und gilt nicht als sehr sozial», sagt Räber, «deshalb war ich gespannt, wie sich die Gruppe verhalten würde.»

Auch HSG-Studenten helfen

Das Interesse an der Austauschplattform war gross: Die Mitgliederzahl von Sharing is Caring stieg innert weniger Wochen rasant an. Unterdessen sind in der St. Galler Gruppe über 8600 Mitglieder verzeichnet, in den jüngst gegründeten Ablegern in Zürich und Basel rund 3000 respektive 650. Für Räber Beweis genug, dass sich auch HSG-Studenten gerne helfen und austauschen. «In der Gruppe wurde notfallmässig auch schon nach ­einem Aspirin in der HSG-Bibliothek ­gefragt», sagt Räber.

Der Erfolg der Facebook-Gruppe Sharing is Caring ist zugleich ihr Fluch. Je mehr Mitglieder sie zählt, desto unübersichtlicher wird sie. Fragen an die Community verschwinden nach kurzer Zeit im digitalen Nirgendwo, eine Suchfunktion oder Archivierung nach Themen fehlen. Die Plattform Uniboard.ch kennt diese Probleme nicht. Die 2002 gegründete Website ist heute eine der grössten Austauschplattformen der Schweiz. Hier können die über 30'000 registrierten Studierenden ihre Zusammenfassungen, Prüfungen oder Notizen hochladen, ­kategorisieren und für andere freigeben.

Büro in der WG

«Uns ist wichtig, dass das Material auch in ein paar Jahren noch vorhanden ist», erklärt Andreas Schwarzinger von Uniboard.ch. Gemeinsam mit einem Freund arbeitet der Ökonom Schwarzinger zu 100 Prozent für die Plattform. Geld verdienen die beiden hauptsächlich durch die Zusammenarbeit mit Arbeitgebern oder mit Anbietern von Produkten für Studierende. Viel kommt dabei nicht zusammen. «Es reicht gerade für die Unkosten und zum Leben», räumt Schwarzinger ein. Aber das Betreiben der Plattform koste nicht viel, und um die personellen Kosten tief zu halten, sei man gerade zusammen in eine WG gezogen und habe die Wohnung auch gleich zum Büro gemacht. Dass sie irgendwann reich werden mit ihrer digitalen Austauschplattform, bezweifelt Schwarzinger. «Darum geht es uns aber auch nicht. Im Vordergrund stehen die Bedürfnisse der Studenten.»

Eine Haltung, die auch Fries und Räber von der Facebook-Gruppe Sharing is Caring vertreten. Die Organisations­struktur von Facebook ermöglicht es Gruppenbetreibern kaum, Geld zu verdienen. Um den weiteren Betrieb seiner Austauschplattform sicherzustellen, könnte sich Räber aber eine Zusammenarbeit mit verschiedenen Plattformen vorstellen. «Die grosse Frage wird sein, wie man die Unmittelbarkeit von Facebook mit der Nachhaltigkeit einer Plattform wie Uniboard.ch verbinden kann.»


uniboard.ch
facebook.com/groups/sharingiscaringunisg/ (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.09.2014, 02:33 Uhr

Teilen hat viele Vorteile

«Mit Zusammenfassungen lernt es sich am einfachsten»

Der Experte Gregor Staub findet Lerngruppen ideal. Beim Austausch mit anderen werde das Wissen gefestigt.

Was halten Sie von digitalen Austauschplattformen für Studenten?
Ich finde die Idee, dass sich Studierende austauschen, gut. Wenn man alte Prüfungen oder Zusammenfassungen miteinander teilt, kann dies als eine Art Lernabkürzung betrachtet werden. Manchmal ist eine schnelle Auffassung von Wissen notwendig, weil die Zeit dafür fehlt, alles zu lesen und aufzunehmen. Trotzdem sollte man den Stoff ­natürlich verstehen und nicht einfach ­alles auswendig lernen.

Im Internet geistern auch alte Prüfungen herum . . .
. . . auch die können beim Lernen helfen. Besonders wenn man den Stoff bereits gelernt hat und sich dann die alten Prüfungen anschaut. Wenn wir uns mit den Fragen auseinandersetzen, wird das Wissen in unserem Hirn stärker verknüpft. Und wir können prüfen, ob wir alles verstanden haben.

Es gibt Professoren, die sich über solche Plattformen ärgern.
Aber so ist das mit dem Internet: Taucht eine Information im Netz auf, ist sie für jeden abrufbar. Man könnte es verbieten, aber das würde nichts bringen, weil die Studierenden einen anderen Weg fänden, sich auszutauschen. Ich finde es legitim, dass sich Studierende austauschen. In den Prüfungen geht es ja darum, herauszufinden, ob der Stoff verstanden wurde oder nicht. Professoren könnten mit den Studenten sogar mögliche Prüfungsfragen anschauen.

Kann man als Student nachhaltig lernen, wenn man nur eine Zusammenfassung durchliest?
Dazu gibt es verschiedene Aspekte zu erwähnen. Manchmal hat man einfach nicht die Zeit, um alles zu lesen und zu lernen. Es kann hilfreich sein, mit einer Zusammenfassung zu lernen, auch wenn sie nicht von einem selbst geschrieben wurde. Wichtig ist einfach, dass man die Zusammenhänge des Stoffs gut versteht. Eine Zusammenfassung einfach nur durchzulesen, bringt nicht viel. Am wirkungsvollsten ist aber immer noch die selbst geschriebene Zusammenfassung.

Was sind die Vorteile, wenn man sich beim Lernen austauscht?
In der Gruppe etwas zu lernen, ist das Beste. Das Geniale ist: Jeder lernt anders. Wenn man sich dann austauscht, lernt man verschiedene Aspekte kennen und kann so noch mehr verknüpfen und den Stoff festigen. Noch besser ist der Lerneffekt aber, wenn man das Lernen mit Emotionen verbindet. Das geht am besten, wenn man etwas erlebt. In der Chemie zum Beispiel mit einem Experiment. Andi Wullschleger

Gregor Staub hält am Samstag, 20. September (13.45 Uhr), an der Universität Zürich einen Vortrag zu richtigem Lernen.

(Tages-Anzeiger)

Anna Lacroix (21), Psychologiestudentin, Uni Zürich: «Auf Facebook ist es interessant, zu sehen, mit welchen Fragen sich die anderen Lernenden auseinandersetzen. Selbst poste ich aber sehr selten eine Frage, weil die Reaktionen darauf in der Lernphase auch nervig werden können. Auf eine simple Frage erhält man dann Dutzende Antworten, die teilweise ausschweifend sind. Deshalb frage ich zuerst meine Kollegen um Rat, bevor ich etwas an die Facebook-Gruppe schreibe. Alte Prüfungen sind in meinem Studiengang oft auch öffentlich. Das heisst, der Lehrstuhl stellt sie auf seiner Website zur Verfügung. Das Teilen von nicht öffentlichen Prüfungen eines anderen Jahrgangs ist bei uns eher eine Seltenheit. Da muss man schon jemanden kennen, der sie einem dann weitergibt.»

Milo Stegmann (27), Kommunikationsstudent, ZHAW: «Sich mit anderen Studierenden auszu­tauschen, finde ich sehr wichtig. Deshalb habe ich auch gleich zu Beginn des Studiums einen Dropbox-Ordner im Internet erstellt und einige Mitstudenten eingeladen, ihr Material dort raufzu­laden. Das macht das Lernen einfacher, denn so haben alle schnell und einfach Zugriff auf das Lernmaterial. Unterdessen haben wir auch noch eine eigene ­Facebook-Gruppe, um das Ganze zu ­koordinieren. Und wenn es mal schnell gehen muss, haben wir auch noch einen Whatsapp-Chat, wo wir schnell Fragen beantworten können. Bei uns werden aber nicht nur Zusammenfassungen oder sonstiges Lernmaterial ausgetauscht, sondern wir helfen uns zum Beispiel auch gegenseitig beim Durch­lesen und Korrigieren von Arbeiten.»

Viviane Stadelmann (24), Kommunikationsstudentin, ZHAW: «Ohne die anderen Mitstudenten hätte ich weder meine Matura noch mein bisheriges Studium bestanden. Das Wichtigste an den Prüfungsvorbereitungen sind alte Prüfungen, Tests und Zusammenfassungen, die man von anderen Studenten bekommt. Ich gehöre eher zur faulen Sorte und profitiere meist mehr, als dass ich etwas beitrage. Wenn ich aber selbst etwas zusammengefasst habe, stelle ich das selbstverständlich auch in die Dropbox. Das ist das wichtigste Tool bei uns. Da kommt alles rein, geordnet nach Fächern und Jahr. Daneben gibts unsere Jahrgangs-Facebook-Gruppe. Die wird dann besonders in der Lernphase ordentlich zugespamt mit Fragen. Mehrheitlich reine Panikmacherei, aber es sind auch hilfreiche Kommentare darunter.»

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