Hintergrund

Mutprobe Jobsuche

Jeder zweite Absolvent der Geisteswissenschaften hat Mühe bei der Stellensuche. Da manche Branchen bis zu 70 Prozent der offenen Stellen nicht ausschreiben, ist Netzwerken ein Muss.

Bild: Ruedi Widmer

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Für die Abschlussarbeit den Ghostwriter, für die Jobsuche den Headhunter? So einfach ist das nicht. Studienabgänger kommen nicht darum herum, sich selbst für Stellen zu bewerben. Denn Headhunter rekrutieren nicht Berufseinsteiger, sondern erfahrene Kadermitarbeiter. Die Absolventen sind also auf sich gestellt. Nur lehrt kein Hochschulstudium, wie und wo man sich bewerben soll.

Besonders Master-Absolventen der Geisteswissenschaften empfinden die Jobsuche als schwierig: Über 50 Prozent klagen über Schwierigkeiten bei der Stellensuche, wie das Bundesamt für Statistik in seiner jüngsten Absolventenbe­fragung 2011 herausgefunden hat. Aber auch bei den Wirtschaftswissenschaften (36,6 Prozent) oder Naturwissenschaften (37,8) läuft nicht alles rund.

In den Beratungszentren der Hochschulen finden Studienabgänger aus allen Fachrichtungen Unterstützung. Auch online: die Website der Career Services der Universität Zürich oder des Career Center der ETH geben Gratistipps für die Stellensuche und die Standortbestimmung. Denn bevor sich junge Akademiker blind drauflosbewerben, müssen sie verstehen, was sie wissen und was sie damit machen können. Und hier hapert es häufig.

«Viele Studienabgänger können ihre akademischen Kompetenzen nicht in einen realen Kontext übertragen,» sagt Roger Gfrörer, Leiter der Career Services. Die Absolventen müssen überlegen, was sie im Studium gelernt haben und wie sie diese Kompetenzen einem HR-Verantwortlichen am besten erklären. Gute Juristinnen beispielsweise kennen nicht nur Gesetze, sondern sind auch stark im analytischen Denken und griffigen Formulieren. Gute Geisteswissenschaftler gewinnen bei Recherchen auch in neuen Themen blitzschnell die Übersicht. Gute Ökonomen erkennen nicht nur, wie man knappe Güter effizient nutzt, sondern begründen dies auch überzeugend.

Erst wer seine Ressourcen kennt, ist bereit für die Stellensuche. Was aber, wenn die Stellenanzeigen in der gewünschten Branche millimeterdünn gesät sind? «Ein Grossteil der Stellen, je nach Branche bis zu 70 Prozent, wird unter der Hand vergeben,» meint Gfrörer. Die Website der Career Services empfiehlt Studienabgängern deshalb auch Networking, informelle Interviews oder Initiativbewerbungen.

Blindbewerbungen nerven auch

Nur sind Initiativbewerbungen nicht überall erwünscht. So sagt Regula Steinmann, Personalfachfrau bei Tamedia: «Auf Blindbewerbungen reagieren wir eher genervt.» Studienabgänger mit Berufswunsch Journalismus sollen sich nur auf Stellenanzeigen bewerben oder direkt bei den Redaktionen. Dazu meint Roger Gfrörer: «Eine Initiativbewerbung kommt im HR eines grossen Medienunternehmens vielleicht nicht gut an, unter Juristen ist sie aber völlig normal.» Ein Anruf oder Website-Check vor dem Blindbewerben lohnt sich also.

Ein informelles Interview hilft dabei, die Gepflogenheiten in der angepeilten Branche kennen zu lernen. Ziel eines solchen unverbindlichen Gesprächs ist es, mit Fragen wie «Was gefällt Ihnen an Ihrem Beruf, was nicht?» oder «Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei Ihnen aus?» Informationen zu erhalten und sich selbst zu präsentieren. «Lassen Sie sich am Ende des Gesprächs weitere Kontakte geben,» rät Gfrörer.

Die Pflege von Beziehungen oder das Sammeln von neuen interessanten Kontakten kann auch online geschehen. Auf Jobportalen wie Xing oder Linkedin zum Beispiel, die auch für die Personalsuche immer wichtiger werden. Gfrörer empfiehlt, ein sorgfältiges Profil anzulegen: «Es ist wichtig, einen guten ersten Eindruck zu vermitteln, den Besucher aber nicht mit Informationen zu erschlagen.»

Dank geschicktem Networking ist man über das Wunscharbeitsfeld informiert, erhält Tipps für die eigene Karriere und vielleicht sogar ein Stellenangebot. Den Einwand, dass es Überwindung koste, jemand Fremden einfach so anzurufen oder anzuschreiben, lässt Gfröer nicht gelten. «Den Frechen gehört die Welt - wer sich getraut, kommt weiter.»


Zwei Berufseinstiege

Sabri Schumacher (25)
BA in Ethnologie, Uni ZH

«Nach dem Bachelor wollte ich lieber die Berufswelt kennen lernen, als direkt weiterzustudieren. Der Einstieg war harzig: Rund drei Monate bewarb ich mich auf Stellen in der Verwaltung und in Unternehmen, aber nichts klappte. Das war ganz schön frustrierend! Schliesslich erfuhr ich durch einen persönlichen Kontakt von meiner jetzigen Stelle als Sekretärin in einem Beratungsbüro. Die Stelle war nicht ausgeschrieben, trotzdem musste ich mich gegen mehrere Bewerber durchsetzen. Mittlerweile arbeite ich hier zu 60  Prozent und mache nebenher an der Uni Luzern einen Master in Weltgesellschaft und Weltpolitik. Ich hoffe, dass ich damit besser für den ­Stellenmarkt gerüstet bin.»

Christian Stünzi (29)
M. A. Umweltnaturwissenschaften, ETH Zürich

«Nach Studienabschluss ging ich neun Monate in den Zivildienst. Gegen Ende suchte ich zwei Monate lang: Ich sichtete die Stellenangebote und informierte meine Kontakte. Insgesamt verschickte ich zehn Bewerbungen und durfte mich bei zwei Orten vorstellen. Der Name ETH wirkte dabei als Türöffner. Ausserdem profitierte ich von meinen Engagements in der Pfadi und der Leichtathletik. Schliesslich bekam ich eine Stelle als wissenschaftlicher Assistent bei der Fachhochschule Nordwestschweiz. Dort kümmere mich um die Minergie-Onlineplattform. Dafür bin viel unterwegs, was mir sehr gefällt. Mein Tipp: Mutig bewerben, auch für Stellen, für die man sich eigentlich nicht genügend qualifiziert fühlt.»

Erstellt: 15.10.2013, 06:59 Uhr

Umfrage

Wie haben Sie Ihren Job gefunden?

Ich habe bereits während des Studiums/der Ausbildung in meinem Wunschbereich gearbeitet und mich dort etabliert.

 
15.8%

Über persönliche Kontakte oder Netzwerken bin ich an eine Stelle gelangt, die nicht ausgeschrieben war.

 
26.2%

Ich habe mich auf ein Inserat beworben und gegen die Konkurrenz durchgesetzt.

 
43.5%

Ich bin noch immer auf der Suche.

 
14.6%

1166 Stimmen


Interview mit Laufbahnforscher Andreas Hirschi

Herr Hirschi, laut Ihrer Forschung verschlafen viele Studierende die Stellensuche. Warum?
Sie lernen auf die Abschlussprüfungen und wollen erst danach mit der Suche beginnen. Ich verstehe das, aber unsere Forschung zeigt: Wer sich früh vorbereitet, ist erfolgreicher in der Stellensuche. Es geht nicht darum, möglichst früh Bewerbungen zu verschicken, sondern darum, sich zu fragen: «Was will ich eigentlich?» und «Welche Möglichkeiten habe ich?». Diese vertiefte Reflexion machen nicht alle Studierenden. Auch viele Erwachsene haben sich das nie überlegt.

Nehmen wir einmal an, ich weiss genau, welchen Job ich will. Wie engagiere ich mich schon im Studium für meine Karriere?
Arbeiten Sie an Ihrem Netzwerk: Suchen Sie nach Mentoren im gewünschten ­Beruf, und überlegen Sie sich, was Sie ihnen bieten können. Pflegen Sie Ihre Kontakte, indem Sie ihnen ab und zu etwas senden, das Sie gemacht haben. Gehen Sie an Infoveranstaltungen, sammeln Sie dort Visitenkarten, und erzählen Sie den Recruitern von Ihrer Leidenschaft. Sie können auch einen Blog schreiben. Hauptsache, Sie heben sich mit Ihrem Interesse für den gewünschten Job hervor.

Laut Ihrer Forschung führt ein hohes Karriere-Engagement im Studium zu grösserer Arbeitszufriedenheit im ersten Job. Warum?
Diese Studierenden überlegen sich gut, welche Stellen für sie geeignet sind, und finden eher etwas, das ihnen gefällt. Ich habe auch Unterschiede zwischen den Fakultäten festgestellt: Viele Studierende aus den Geisteswissenschaften kannten ihre Kompetenzen nicht und waren ­entmutigt, weil ihnen die beruflichen Rollenmodelle fehlten. Studierende aus wirtschaftlichen oder technischen Fächern wiederum hatten trotz der klaren Berufsbilder oft falsche Vorstellungen. Sie rechneten gleich mit einer Kaderposition oder einem sechsstelligen Gehalt.

Was passiert, wenn die Stellensuche nicht rundläuft?
Schwierigkeiten können die Motivation auch erhöhen. Wer sich zutraut, beruf­liche Herausforderungen zu meistern, schafft es eher. Ein bisschen Selbstüberschätzung hilft dabei, die eigenen Kompetenzen weiterzuentwickeln. Zu viele Hindernisse und ein überhöhtes Selbstbild sind aber auch nicht gut. Neben dem Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und der Motivation hilft die soziale Unterstützung durch Freunde und Eltern.

Sie sagen, beide Geschlechter ­engagieren sich gleich stark für ihre Karriere. Was raten Sie einer jungen Akademikerin mit Kinderwunsch?
Eine allgemeine Empfehlung ist schwierig. Jede Frau hat andere zeitliche und finanzielle Ressourcen und ist dabei auch abhängig vom Partner, dem sozialen Umfeld und dem Betreuungsangebot. Fakt ist: Ende 30, Anfang 40 ist häufig die anspruchsvollste Zeit im Karrierenverlauf. Die Kinder schon während des Studiums oder früh in der Laufbahn zu be­kommen, kann deshalb Sinn machen.

Mit Andreas Hirschi sprach Mirjam Fuchs.

Andreas Hirschi ist Laufbahnforscher und Professor am Institut für Psychologie der Universität Lausanne. (Bild: PD)

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