Nebenjob Nachhilfe

Die Nachfrage danach ist hoch, der Lohn ebenso. Doch nur wer Bestnoten vorweisen kann und zwischenmenschlich fit ist, kann bei einem professionellen Anbieter als Nachhilfelehrer arbeiten.

Gefragtes Personal: Nachhilfelehrer müssen erklären, motivieren und sich einfühlen können.

Gefragtes Personal: Nachhilfelehrer müssen erklären, motivieren und sich einfühlen können. Bild: Georgios Kefalas/Keystone

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Studierende, denen die Nebenjobs «Türsteherin» zu flippig und «Service-Angestellter» zu banal vorkommen, sollten es mit Nachhilfe probieren. Nachhilfeunterricht ist sensationell gut bezahlt: Bei institutionalisierter Nachhilfe liegt der durchschnittliche Stundenlohn bei 48 Franken pro Stunde, wie eine von der PH FHNW durchgeführte Nationalfonds-Studie zeigt. Einige Nachhilfeinstitute zahlen ihren studentischen Nachhilfelehrern sogar über 60 Franken. Wer regelmässig unterrichtet, kann damit sein Studium finanzieren.

Der Bedarf nach Nachhilfe ist gross. Laut Pisa 2009 hat fast jeder dritte Jugendliche in der Zeit vor dem Übertritt in die Sekundarstufe II bezahlte Nachhilfe in Anspruch genommen. Nicht nur leistungsschwache Schüler lassen sich beim Lernen unter die Arme greifen: Im Kanton Zürich nehmen auch starke Schüler Nachhilfe, um den Eintritt ins Gymnasium zu schaffen. Diverse kommerzielle Nachhilfeinstitute buhlen hier um Eltern und ihre nachhilfebedürftigen Sprösslinge – und um Studierende, die Nachhilfe unterrichten möchten.

Nicht jeder ist geeignet

Doch nicht jeder Student ist zum Nachhilfeunterricht geeignet. Häufig geht es um mehr als um das gemeinsame Lösen der Hausaufgaben oder das Erklären von einigen schwierigen Aufgaben. Da gibt es Schüler mit Prüfungsangst und solche, denen die Nichtversetzung droht. Bei anderen hapert es nach einem Umzug mit dem Anschluss, oder sie wollen es unbedingt ins Gymnasium schaffen. Nicht ganz einfach für jemanden ohne pädagogische und didaktische Ausbildung.

Studierende, die bei einem Nachhilfeinstitut unterrichten möchten, müssen hohe Anforderungen erfüllen. Fast alle kommerziellen Anbieter verlangen bei der Bewerbung das Maturazeugnis. Wer dort nicht mit Topleistungen glänzt, hat es schwer. Robert Reinecke, selbst Student, Nachhilfelehrer und bei Lern-Forum.ch zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit, sagt: «Wir stellen nur Studenten mit absoluten Bestnoten ein, die eine hohe Sozialkompetenz und ein gewinnendes Auftreten mitbringen.»

Ausserdem müssen die Studenten bereit sein, längerfristig Verantwortung zu übernehmen. Oft werden Termine, zum Beispiel für die Vorbereitungskurse zur Aufnahmeprüfung ans Gymnasium, lange im Voraus festgelegt, und die Studierenden verpflichten sich für mehrmonatige Einsätze. Wer also schon bei der Modulbuchung fürs nächste Semester an seine organisatorischen Grenzen stösst und während Prüfungsphasen Mühe mit der Zeiteinteilung hat, eignet sich kaum für den Nachhilfeunterricht.

Schwierige Rekrutierung

Viele Studierende überschätzen ihre Fähigkeiten zum Nachhilfelehrer. Franziska Ebert von Learning Culture sagt: «Die Suche nach guten Studierenden ist eine Herausforderung. Leider eignen sich von zehn Bewerbungen nur eine oder zwei.» Bei der Rekrutierung sieht sich Ebert nicht nur das Maturzeugnis, sondern auch die Studienleistungen an. Wenn sie feststellt, dass Studierende ihre Zeit besser in ihr Studium als in den Unterricht investieren würden, macht sie sie freundlich darauf aufmerksam.

Ist der Einstieg zum Nachhilfelehrer geschafft, können endlich Aufträge angenommen werden. Der Vorteil von Nachhilfeagenturen: Sie übernehmen die Kundenakquise und stehen im Idealfall mit Rat und Tat zur Seite. Dass es auch anders sein kann, weiss Juliane Tampé. Die Studentin hat in ihrer Heimat Deutschland schlechte Erfahrungen gemacht: «Das Nachhilfeinstitut war unzuverlässig und unpersönlich. Ich habe mich ausgenutzt gefühlt.» Umso mehr schätzt sie das persönliche Verhältnis zu ihrem jetzigen Arbeitgeber. «Meine Chefin fragt regelmässig nach, wie es läuft. Auch bei Fragen ist sie für mich da, und ich könnte ihr sagen, wenn die Chemie zwischen einem Kunden und mir nicht stimmen würde», sagt Tampé. Die gute Betreuung ist der Studentin noch wichtiger als die gute Entlöhnung ihres Nebenjobs.

Erstellt: 27.01.2014, 09:01 Uhr

Umfrage

Warum sollte man Schüler in die Nachhilfe schicken?

Damit sie in der Schule den Anschluss wieder finden.

 
49.0%

Damit sie ihre Leistung allgemein verbessern können.

 
15.5%

Damit sie den Übertritt ins Gymnasium schaffen.

 
3.9%

Damit sie kompetente Hilfe bei den Hausaufgaben haben.

 
11.8%

Nachhilfe braucht es nicht.

 
19.7%

4774 Stimmen


«Nachhilfe nützt weniger als erwartet»

Hans-Ulrich Grunder ist Professor am Lehrstuhl für Pädagogik an der Uni Basel und an der PH FHNW. Im Interview äussert er sich zu den Grenzen der Nachhilfe.

Ihre kürzlich veröffentlichte Nationalfonds-Studie zum Nachhilfeunterricht hat für Aufruhr gesorgt. Nachhilfe wirkt sich kaum positiv auf die Noten aus.
Ja, Nachhilfe nützt weniger als erwartet. Uns hat nicht nur die Verbreitung, sondern auch die Wirkung interessiert. Die Zahlen haben mich selbst überrascht: Jeder sechste der Befragten nimmt Nachhilfeunterricht, aber nur 60 Prozent verbessern ihre Noten, nur 50 Prozent fühlen sich sicherer, nur 30 Prozent sind motivierter. Für die weltweit grösste Studie dieser Art haben wir über 10'000 Schülerinnen und Schüler der 5. bis 9. Klasse in der Deutschschweiz befragt.

Wie ist die Situation in Zürich?
Die Nachhilfequote ist im Kanton Zürich in den meisten Fällen höher als in der restlichen Schweiz. In der sechsten und siebten Klasse nehmen sogar über 24 Prozent der Kinder Nachhilfe. Wie die Pisa-Tests gezeigt haben, besuchen in Zürich viele Jugendliche mit hoher Leistungsfähigkeit Nachhilfeunterricht. Das lässt sich mit der Konkurrenzsituation um die niedrigen Quoten der Zulassung zum Gymnasium erklären. Vorbereitungskurse für die Aufnahmeprüfung ans Gymnasium sind hier verbreitet.

Warum nehmen Kinder Nachhilfe?
Die meisten erhoffen sich bessere Noten. Aber auch ein erhöhtes Sicherheitsgefühl, allgemeine Leistungsförderung und der elterliche Wunsch nach Nachhilfe sind Gründe. In der Nachhilfe bereiten sich die Kinder auf Prüfungen vor und lösen Hausaufgaben. Viele wünschen sich auch eine Wiederholung des Lernstoffs in einem ihnen angepassten Tempo.

Was schliessen Sie daraus?
Die Verbreitung privat finanzierter Nachhilfe zeigt, dass die Schule ihrem Auftrag, bei den Kindern Lernprozesse auszulösen und sie zu begleiten, nicht vollumfänglich nachkommt. Wichtige Lernphasen wie die Verarbeitung werden in die Hausaufgaben ausgelagert. In vielen Familien gehört die Hausaufgabenstunde zu den konfliktträchtigsten Zeiten des Tages. Die Eltern, meist keine pädagogischen Experten, sind oft überfordert.

Was müsste die Schule ändern?
Im Unterricht sollten die Lehrkräfte noch besser darauf achten, ob die Kinder den Stoff begriffen haben. Ausserdem muss die Verarbeitungsphase ernster genommen werden, Hausaufgaben sollten so sein, dass die Kinder sie allein lösen können. Alternativ könnte die Schule betreute Hausaufgabenstunden am Ende des Schultages anbieten. Würden die Kinder in Ganztagesschulen unterrichtet, wäre Nachhilfeunterricht zum Lösen der Hausaufgaben nicht länger nötig.

Wann ist Nachhilfe sinnvoll?
Wenn sich die Leistungen des Kindes akut verschlechtern. Das erfordert ein schnelles Eingreifen. Sie kann beim Aufarbeiten von Lücken helfen oder bei Mühe mit Lernen. Nachhilfe sollte nahe am Schulstoff sein und zum Beispiel über Hausaufgabenhilfe geschehen. Allein bringt sie aber nichts, es muss auch zu Hause eine lernfreundliche Atmosphäre geschaffen werden. (mf)

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