Ohne Matur an die Uni

Für eine Hochschulausbildung braucht es nicht zwingend die Matur. Die Universität Freiburg nimmt motivierte und erfahrene Berufsleute ins Studium auf, wenn sie älter als dreissig sind und eine Prüfung bestehen.

Wer kein Gymi gemacht hat und studieren will, bekommt an der Uni Freiburg eine Chance. Aber es wird diesen Quereinsteigern viel abverlangt. Foto: Martin Ruetschi (Keystone)

Wer kein Gymi gemacht hat und studieren will, bekommt an der Uni Freiburg eine Chance. Aber es wird diesen Quereinsteigern viel abverlangt. Foto: Martin Ruetschi (Keystone)

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Als Christine Stokar die Lektüre zur Prüfungsvorbereitung erhielt, war sie etwas ratlos. Ein 800-seitiger Schmöker, «Jerusalem. Die Biografie», eine Kulturgeschichte der letzten 3000 Jahre. Wie genau lesen? Was lernen? Kam hinzu, dass die damals 48-Jährige es nicht mehr gewohnt war, sich auf Prüfungen vorzubereiten. Sie brachte zwar viel berufliche Erfahrung mit, arbeitete in Administration und Finanzwesen, war Geschäftsleiterin einer Wohnbaugenossenschaft, Partnerin einer Firma und während acht Jahren Zürcher Gemeinderätin. Die Schule aber lag weit zurück.

Sie hat sich dann aber offenbar genau richtig auf die Aufnahmeprüfung fürs Jusstudium an der Uni Freiburg vorbereitet und die erste Hürde auf dem Weg zu einem Hochschulabschluss genommen. In einem Aufsatz musste sie Fragen zum Buch beantworten, Zusammenhänge aufzeigen, kritisch argumentieren und so ihre Hochschulreife belegen. Im zweiten Teil der Prüfung bearbeitete sie aufgrund von Gesetzestexten einen fünfseitigen Rechtsfall. Im dritten Teil wurden ihre Allgemeinbildung und ihre Französischkenntnisse geprüft.

Ausführliches Dossier nötig

Die Universität Freiburg ermöglicht seit langem über Dreissigjährigen den Hochschulzugang auch ohne Matura. Allerdings ist das Prozedere kein Spaziergang und dauert von der Anmeldung bis zur definitiven Aufnahme rund ein Jahr. Christine Stokar musste ein ausführliches Dossier mit Motivationsschreiben und Zeugnissen einreichen und die vierstündige Fakultätsprüfung bestehen. Nach einer Vorauswahl absolvierten 13 Kandidatinnen und Kandidaten gemeinsam mit ihr die Klausur. 4 nahmen schliesslich das Studium auf.

«Man muss sein Leben neu gestalten», sagt Christine Stokar, die im 4. Semester Rechtswissenschaft studiert. Plötzlich sei man als erfahrene Berufsfrau in der ungewohnten Studentenrolle. Vorlesungen besuchen, auf Prüfungen lernen, mit vorwiegend jüngeren Kollegen Vorträge vorbereiten und in den Semesterferien Arbeiten schreiben, daran musste sich Christine Stokar gewöhnen. Auch wenn das neue Leben ihr viel abverlangt, es gefällt ihr. Sie fühlt sich wohl an der überschaubaren Uni Freiburg und in der neuen Rolle. «Das hat auch mit meiner Motivation zu tun», sagt die Mutter einer 17-jährigen Tochter. «Ich wollte nochmals etwas Neues anpacken, und ich will einen Abschluss erlangen, der mich beruflich weiterbringt.»

Christine Stokar lebt in Zürich und pendelt nach Freiburg. Studium, Job und Familie zu vereinbaren, erlebt sie als anspruchsvoll. Die Tage sind lang und ausgefüllt. Zurzeit ist die Zürcherin zwar auf der Suche nach einer neuen Teilzeitstelle, aber sie weiss von den vergangenen Semestern, was es heisst, neben einer anspruchsvollen Ausbildung ein 30- bis 50-Prozent-Pensum zu bewältigen, um sich wenigstens einen Teil des Lebensunterhaltes und der Ausbildung selber zu finanzieren.

Ungewisse berufliche Zukunft

Mit über 30 studieren: Das braucht Mut. Man gibt möglicherweise eine spannende Stelle auf, lässt sich auf eine ungewisse berufliche Zukunft ein und muss sich ein vier- bis fünfjähriges Studium auch finanziell leisten können. Frauen und Männer ohne Matur und mit unkonventioneller Laufbahn, die sich dafür entscheiden, profitieren in Freiburg vom Hochschulzugang für über Dreissigjährige. Auch Monika Eicke gehört zu diesen Menschen, und sie schätzt es, dass es an der zweisprachigen Uni Freiburg diese Möglichkeit gibt. Sie hat im Sommer 2013 ihr Bachelorstudium in Sozialanthropologie und Rechtswissenschaft abgeschlossen. Nun belegt sie die Masterstudien an der Uni Bern.

Monika Eicke kennt Situationen der Mehrfachbelastung. Als junge Mutter brach sie das Gymnasium ab. In den folgenden Jahren widmete sie sich der Betreuung ihrer beiden Kinder und der Familienarbeit. Als alleinerziehende Mutter bildete sie sich zur Deutschlehrerin aus und unterrichtete Migranten. Dann erlangte sie das Diplom Erwachsenenbildnerin HF, arbeitete als Projektleiterin und Geschäftsleiterin im Integrationsbereich und schliesslich als Abteilungsleiterin in einem grossen Hilfswerk. An der Universität Luzern belegte sie zudem ein Nachdiplomstudium in Interkultureller Kommunikation und schloss mit einem Master of Advanced Studies (MAS) ab.

Monika Eicke wünschte sich eine wissenschaftliche Vertiefung ihrer breiten beruflichen Erfahrungen in einem Masterstudium und allenfalls in einer Dissertation. Trotz universitärem MAS und langjähriger Berufserfahrung musste Monika Eicke eine Aufnahmeprüfung bestehen und den ganzen Bachelor absolvieren, bevor ihr die Türen für ein Masterstudium offen standen. Im Nachhinein stört sie sich nicht mehr daran. «Es war eine wunderschöne Zeit in Freiburg, und ich habe viel gelernt.»

Etwas speziell war für sie, dass die meisten Studienkollegen und -kolleginnen sehr jung waren. Aber auch das empfand Monika Eicke nicht als negativ. «Ich habe mich auf die neue Rolle eingelassen und die Begegnungen mit den anderen Studierenden als bereichernd erlebt.» Einziger Kritikpunkt: «Das Studium nach den Bologna-Richtlinien ist stark verschult. Das Sammeln von Punkten nimmt zu viel Raum ein, und oftmals wird einfach nur für die Prüfungen gelernt.» Eicke hätte sich etwas mehr Reflexion und Debatten gewünscht.

Feldforschung in Sri Lanka

Diesen Sommer wird sie für eine Feldforschung zwei Monate in Sri Lanka verbringen und die empirischen Inhalte für ihre Masterarbeit in Rechtsanthropologie erheben. Sie freut sich auf ihren Forschungsaufenthalt, ist aber auch froh, dass sich das Ende ihres Studiums abzeichnet. Denn unter der Mehrfachbelastung haben nicht nur die Finanzen gelitten. «Ich musste auch Freundschaften, Familie und Hobbys vernachlässigen.» Monika Eicke, die neben dem Studium im freien Auftragsverhältnis Projektberatungen und Lehrtätigkeiten wahrgenommen hat, ist nun in Teilzeit für die EB Zürich als Bildungsgangleiterin tätig. Ob ihr Studium bei der Stellenbesetzung ausschlaggebend war, kann sie nicht sagen. «Ich hatte Berufserfahrung als Studiengangleiterin. Aber was ich an der Uni gelernt habe, kommt mir bei der Arbeit sicher zugute.»

Erstellt: 16.06.2014, 07:00 Uhr

Umfrage

Sollen Universitäten Studenten ohne Matur aufnehmen?

Ja, auf Probe. Nach einem Jahr sollen Zwischenprüfungen über die definitive Aufnahme entscheiden.

 
30.1%

Ja, aber nur über strenge Aufnahmeprüfungen und erst ab 30 Jahren.

 
14.0%

Nein, aber eine Berufsmatur sollte auch genügen.

 
25.1%

Nein, auf keinen Fall.

 
30.8%

2471 Stimmen


Christine Stokar.

Monika Eicke.

Zulassungsverfahren

Nicht alle sind gleich streng
Unser Bildungssystem ist zunehmend durchlässiger geworden. Inhaber einer Berufsmatur zum Beispiel erhalten mittels Passerelle und Ergänzungsprüfung Zugang zu allen Schweizer Universitäten. Gewisse Ausbildungen können mit entsprechenden Qualifikationen verkürzt absolviert werden, und es gibt, zum Beispiel an Fachhochschulen, Aufnahmen «sur dossier». Die Pädagogischen Hochschulen wiederum bieten sogenannte Quereinstiegsstudiengänge an.

Der Zugang zu den universitären Hochschulen setzt in der Regel die Matura voraus. Einige Unis nehmen auch Studierende ohne Matur auf, sofern sie ein bestimmtes Alter haben, Berufserfahrung haben und ein Zulassungsverfahren erfolgreich durchlaufen, in dem die Hochschulreife geprüft wird.

Die Zulassungsverfahren sind je nach Universität und Fakultät unterschiedlich gestaltet. Meist sind es anspruchsvolle Aufnahmeprüfungen, die viel Vorbereitung erfordern. Nicht möglich ist ein Universitätsstudium ohne Matur in Medizin und Pharmazie.
Eine lange Tradition hat die Zulassung ohne Matura an den Westschweizer Universitäten und an der Uni Freiburg. In Freiburg zum Beispiel müssen die Bewerberinnen und Bewerber mindestens 30 Jahre alt sein, ihre Motivation dokumentieren und eine Fakultätsprüfung bestehen. Seit dem letzten Herbst bietet auch die Universität Bern das Aufnahmeverfahren 30 plus an. Eine allgemeine und eine fachspezifische Prüfung entscheiden über die Zulassung.

Die ETH Zürich verlangt von Bewerbern ohne Matur eine reduzierte (4 Fächer) beziehungsweise eine umfassende (8 Fächer) Aufnahmeprüfung. Die Uni Zürich führt ebenfalls eine umfassende Aufnahmeprüfung durch. (rm)

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