Prüfungen sauber getippt statt schludrig geschrieben

Die ETH setzt zur Leistungskontrolle auf Computer. Die Professoren freuen sich über die neuen Möglichkeiten und sehen Vorteile für Studierende.

In diesem Vorlesungssaal brüten die ETH-Studenten über den Fragen der Onlineprüfungen. Foto: Sabina Bobst

In diesem Vorlesungssaal brüten die ETH-Studenten über den Fragen der Onlineprüfungen. Foto: Sabina Bobst

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Es war eine Fehlermeldung, die für Schlagzeilen sorgte: «Zugriff nicht möglich! Der Server ist derzeit nicht in der Lage, die Anfrage zu bearbeiten.» Als die Jus-Studenten der Universität Zürich im Januar 2014 erstmals von zu Hause aus eine Onlineprüfung ablegen sollten, scheiterte die Feuertaufe an einem Serverabsturz. Einige Professoren äusserten sich darauf kritisch über die neue Prüfungsform. Nicht zuletzt deshalb, weil das Schummeln am heimischen Computer einfach ist.

Noch sind Onlineprüfungen umstritten, obwohl sie viele Vorteile bieten. Die ETH, die bereits 2008 die ersten Prüfungen am Computer durchführte, nimmt bei der Weiterentwicklung der Technologie eine Vorreiterrolle ein. Onlineprüfungen werden an der ETH grundsätzlich nur unter Aufsicht geschrieben – so wie es bei Prüfungen üblich ist, die mit Kreditpunkten honoriert werden. Mittlerweile finden über zehn Prozent der Leistungskontrollen so statt. Im vergangenen Semester legten rund 5000 Studierende eine Prüfung am Computer ab.

Der Stabsbereich Lehrentwicklung und -technologie (LET) sorgt an der ETH dafür, dass die Prüfungen fair und pannenfrei ablaufen. Der vom LET mitentwickelte Safe Exam Browser hat sich bisher als sehr zuverlässig erwiesen. «Technische Pannen sind bei Onlineprüfungen seltener als menschliche Fehler bei herkömmlichen Prüfungen», sagt Nicole Wenderoth. In den letzten drei Jahren hat die Professorin am Departement ­Gesundheitswissenschaften und Technologie noch keine nennenswerten Probleme erlebt.

Weniger Aufwand

Für die Dozenten sind Onlineprüfungen eine Erleichterung. Sie müssen keine teils schwer lesbaren Handschriften entziffern und können beim Erstellen der Prüfung auf Fragenpools zurückgreifen. Die Korrektur wird automatisiert, da Single- und Multiple-Choice-Fragen nicht manuell ausgewertet werden müssen. «Dadurch kann der Korrekturaufwand je nach Grösse der Prüfung beträchtlich reduziert werden. Zudem sinkt die Fehleranfälligkeit der Korrektur», sagt Markus Kalisch, Dozent am Departement für Statistik.

Multiple-Choice-Fragen sind für Hochschulen ein effizientes Mittel, um den steigenden Aufwand im Prüfungswesen zu bewältigen. Der Einsatz der Fragetechnik, die sich bereits vor den Onlineprüfungen an den Universitäten etabliert hat, ist allerdings umstritten. Der Lösungsweg spielt im Gegensatz zu Freitextaufgaben keine Rolle, und Hintergrundwissen ist nicht gefragt. Über die etablierten Aufgabenstellungen hinaus eröffnen sich durch die Onlineprüfungen aber auch neue Möglichkeiten, da multimediale Inhalte eingebettet werden können.

Mit dem Safe Exam Browser lässt sich der Computer als Werkzeug nutzen. In IT-affinen Fachrichtungen sind Leistungskontrollen am Computer deutlich näher dran am Arbeitsalltag. Dazu sagt ETH-Statistik-Dozent Markus Kalisch: «Der wesentliche Vorteil von Onlineprüfungen besteht darin, dass viel realistischere Fragestellungen möglich sind.» In der Praxis sei der Einsatz von Statistiksoftware beim Lösen statistischer Probleme zentral. Folglich müsse in der Ausbildung auch die Computerkompetenz entsprechend geschult und geprüft werden.

Auch Professorin Nicole Wenderoth stellt fest, dass Onlineprüfungen die spätere Tätigkeit der Studierenden besser abbilden: «Die Technologie ermöglicht im medizinisch-technischen Bereich Aufgabenstellungen, die aus dem Leben gegriffen sind.» Im Bereich der Neurowissenschaften lassen sich Bilder und Videos integrieren, anhand derer die Prüfungsteilnehmer ihr Wissen praxisnah anwenden können. So profitieren letztlich auch die Studierenden von der neuen Technologie.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.02.2015, 19:07 Uhr

Das sagt der Onlineprüfungsexperte Tobias Halbherr

«Den Werkzeugkasten der Examinatoren erweitern»

Werden in zehn Jahren an der ETH nur noch Onlineprüfungen geschrieben?
Ich denke nicht. Das ist auch nicht unser Ziel. In manchen Bereichen machen herkömmliche Prüfungen nach wie vor mehr Sinn. In der Mathematik zum Beispiel arbeitet man bei der Ableitung von Formeln bis heute mit Papier und Stift. Onlineprüfungen sollen den Werkzeugkasten der Examinatoren sinnvoll erweitern. Das gilt vor allem für Studienrichtungen, die durch die Digitalisierung geprägt werden. Ein naheliegendes Beispiel ist die Informatik. Es macht mehr Sinn, direkt am Computer zu programmieren, statt den Code von Hand aufzuschreiben.

Werden die Prüfungen somit praxisnäher?
Onlineprüfungen sind in vielen Bereichen authentischer. Wir sind überzeugt, dass kompetenzorientierte Prüfungen mit einem hohen Praxisbezug die Motivation der Studierenden fördern. Heute ist die Software ein wichtiges Arbeitswerkzeug – wenn sich diese nicht in der Prüfung einsetzen lässt, müssen die Aufgabenstellungen abstrahiert werden, was für die Studierenden demotivierend ist. So lernt man nur für die Prüfung, verbessert aber nicht die Kompetenzen.

Welche weiteren Vorteile ergeben sich für die Studierenden?
Von den Examinatoren, die Freitextaufgaben einsetzen, hören wir, dass die Antworten qualitativ besser werden. Die meisten Studierenden fühlen sich wohler, wenn sie Texte am Computer schreiben können, weil sie dies gewohnt sind und sich Texte leichter redigieren lassen. Da Handschriften die Bewertung der Examinatoren beeinflussen, erhöht sich auch die Fairness.

Verbessert die neue Technologie auch die Qualität der Prüfungen?
Ja, Onlineprüfungen bieten grosse Chancen für die Qualitätssicherung, weil viele Daten vorhanden sind, die man nutzen kann, um die Aufgabenstellungen zu verbessern. Da entsprechende Statistiken nach der Prüfung einfach zur Verfügung stehen, werden die Daten auch eher genutzt.

An der Uni Zürich musste vor einem Jahr wegen eines Serverabsturzes eine Prüfung wiederholt werden. Wie pannenanfällig sind die Onlineprüfungen?
Wie bei jeder neuen Technologie kann man Störungen nicht ganz ausschliessen, deshalb ist es wichtig, dass man gut vorbereitet ist. Vor den Prüfungen testen wir alle Komponenten eingehend, und während der Prüfung ist Support vor Ort. So können wir sehr schnell reagieren, wenn ein Problem auftritt. Ist eine Unterbrechung nötig, gibt es eine Checkliste für das Vorgehen, um die Gleichbehandlung der Kandidaten zu gewährleisten.

Denise Bernhart (25)

Studentin Gesundheitswissenschaften und Technologie, ETH

«Ich lege gerne Onlineprüfungen ab, da ich in einer stressigen Situation lieber ein schönes Textbild vor mir habe als ein schwer lesbares Gekritzel. Zudem ist es am Computer viel einfacher, einen Text zu bearbeiten oder neu zu strukturieren. Freitextaufgaben sind bei uns aber eher selten. Gerade bei Prüfungen mit vielen Studierenden setzen die Professoren vor allem auf Multiple-Choice-Aufgaben. Problematisch an dieser Frageform finde ich, dass die Antworten teilweise unklar formuliert sind. Davon abgesehen überwiegen für mich jedoch die Vorteile. Ich habe bereits einmal eine technische Panne erlebt, doch das war kein grosses Problem. Die Zeit wurde angehalten, und ich konnte sofort den PC wechseln.»

Sandra Beutler (21)

Studentin Gesundheitswissenschaften und Technologie, ETH

«An die neue Prüfungssituation musste ich mich erst gewöhnen. Zu Beginn war ich gestresster als in handschriftlichen Prüfungen. Mittlerweile habe ich bereits elf Onlineprüfungen abgelegt und musste dabei vor allem Multiple-Choice-Aufgaben lösen. In einem Fach wie Anatomie, wo es ums Auswendiglernen geht, macht diese Frageform sicher Sinn. Weniger geeignet finde ich Multiple-Choice in Bereichen wie Physiologie, wo es um komplexere Zusammenhänge geht. Die Art der Aufgabenstellung beeinflusst auch das Lernen. Bei Prüfungen mit offenen Fragen kann man relativ gut abschätzen, was abgefragt werden könnte. Bei Multiple-Choice-Prüfungen ist dies schwieriger. Mut zur Lücke ist hier die falsche Devise.»

Carlos Cotrini Jimenez (25)

Doktorand Informatik, ETH

«Ich habe während meines Studiums zwei Onlineprüfungen abgelegt und habe durchwegs positive Erfahrungen gemacht. Die Prüfungssituation habe ich als motivierend erlebt. Gerade für uns Informatiker sind Onlineprüfungen viel realistischer, da wir wie im späteren Job unsere Ideen direkt am Computer testen können. Ich musste in meinen Prüfungen jeweils eine Software programmieren und habe dabei Rückmeldungen erhalten, ob das Programm auch funktioniert. So konnte ich bei Fehlern den Code entsprechend korrigieren. Die Aufgaben sind jedoch viel zu komplex, als dass man sie mit dem Trial-Error-Verfahren lösen könnte. Man muss schon eine grosse Menge an Hintergrundwissen mit in die Prüfung bringen.»

Tobias Halbherr

Der Experte ist an der ETH im Bereich Lehrentwicklung und -technologie (LET) für Onlineprüfungen zuständig.

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