Schlechtere Noten wegen Handyregeln

Den Kindern das Handy wegnehmen, damit sie sich auf die Schule konzentrieren: Das kann sich rächen.

Sagen Eltern, das Handy fresse Zeit für die Hausaufgaben, sinken die Leistungen der Kinder. Foto: Keystone Bild: Keystone

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Wie bringt man die Kinder vom Handy weg, und welche Limite ist vernünftig? Fast alle Eltern von Jugendlichen beschäftigen sich mit diesen Fragen. Nun liefert eine Studie, an der eine Wissenschaftlerin der Universität Zürich mitgewirkt hat, überraschende Befunde: Kinder, deren Handykonsum eingeschränkt wurde, erbrachten später beim Studium keine besseren Leistungen als andere. Im Gegenteil: Argumentierten die Eltern damit, dass sonst keine Zeit mehr für die Hausaufgaben bleibe, waren die späteren Leistungen der Kinder schlechter.

Zu diesem Schluss kommen Eszter Hargittai, Professorin am Institut für Kommunikationswissenschaften der Universität Zürich, und Drew Cingel von der University of California. Cingel ist spezialisiert auf die Wechselwirkung von Medienkonsum und persönlicher Entwicklung. Für ihre gemeinsame Studie haben Hargittai und Cingel 1100 Erstjahresabsolventen eines Colleges in den USA befragt, also im Schnitt 18-Jährige, die sich am Anfang ihres Studiums befinden. Sie befragten die Studierenden nach deren Noten, nach ihrem sozialen Hintergrund und dazu, wie sie sich an die früheren Handyregeln erinnern und wie sie diese nachträglich einschätzen.

«Unbeabsichtigte negative Konsequenzen»

Eltern und Kinderpsychologen befürchten gemeinhin, dass die ständige Verfügbarkeit von elektronischen Kommunikationsmitteln den Kindern schadet, dass es ihre Gedächtnisleistung beeinträchtigt. Eltern setzen deshalb häufig Grenzen und wollen klar regeln, wie viel Zeit die Kinder pro Tag mit dem Handy oder am Computer verbringen dürfen.

Wenn sie die Zeit mit den elektronischen Geräten mit Verweis auf die Hausaufgaben beschränken, dann wollen sie in der Regel, dass die Kinder in der Schule besser werden, sie wollen sie fördern. Offenbar kann dieser Schuss auch nach hinten losgehen. «Die gut gemeinte Massnahme zieht möglicherweise unbeabsichtigte negative Konsequenzen nach sich», sagt Professorin Hargittai. Man könnte nun annehmen, dass Eltern von Kindern mit Schulproblemen eher dazu neigen, den Handykonsum wegen der Hausaufgaben einzuschränken. Doch die Studienautoren haben diesen Aspekt berücksichtigt und die schulischen Fähigkeiten in der statistischen Analyse miteingerechnet. Der negative Einfluss von Technologieregeln auf die späteren Schulnoten zeigte sich unabhängig der schulischen Leistung.

Besser: Verweis auf Gesundheit

Keinen negativen Einfluss auf die späteren Leistungen hatten die Handyregeln, wenn die Eltern gesundheitliche Gründe anführten. Wenn sie wollten, dass ihre Kinder weniger am Handy sind, damit sie sich mehr bewegen, weil sonst ihre Augen Schaden nehmen oder sie einen krummen Rücken bekommen – dann schnitten die Kinder später am College besser ab. Hargittai vermutet, dass in diesen Fällen die Eltern nicht nur den Medienkonsum einschränkten, sondern weitere Massnahmen ergriffen, die den Kindern guttaten. Cingel und Hargittai untersuchten die Schülerschaft an einem College, das für seine soziodemografische Durchmischung bekannt sei, heisst es in der Medienmitteilung der Universität Zürich.

Die Studie wurde in den USA durchgeführt - wie würde das Resultat in Europa aussehen? «Ich denke, die Verhältnisse in Bezug auf Handykonsum und -regeln sind in europäischen Ländern ähnlich», sagt Hargittai im Gespräch mit dieser Zeitung. Die Eltern seien sich allgemein zu wenig bewusst, welche Auswirkungen ihre Kommunikation haben kann. Dass es eine Rolle spielt, mit welchen Argumenten sie den Handykonsum ihrer Kinder einschränken.

Geschlecht und familiärer Kontext

Eine Rolle spielt scheinbar auch das Geschlecht der Kinder. Mädchen gegenüber argumentierten die Eltern eher mit Sicherheits- oder Datenschutzbedenken, wenn sie ihnen die Zeit am Handy beschränkten. Gegenüber Jungen argumentierten sie eher mit gesundheitlichen Gründen oder, dass das Handy Zeitverschwendung sei. Die Studienautoren wollten auch zeigen, dass der soziodemografische und familiäre Kontext einen Einfluss darauf hat, wie Einschränkungen begründet werden, und was das wiederum für einen Einfluss auf den späteren schulischen Erfolg haben kann. Sie sagen: «Bestimmte Spiele am Handy oder Computer können hilfreich sein, um das strategische Denken und analytische Fähigkeiten zu schulen.» Auch mache es Sinn, dass Eltern gemeinsam mit ihren Kindern die neuen Meiden nutzen. So könnten die Eltern Vor- und Nachteile direkt und praktisch erkennen und gegenüber den Kindern erläutern.

Kinder- und Jugendpsychologe Philipp Ramming bestätigt das. Eltern und Kinder sollten gemeinsam einen Umgang mit dem Handy finden, sagt er. «Man übt den Umgang mit Geld, mit Hygiene, mit vielen Lebensbereichen. So sollte man es auch mit den neuen Medien machen.» Dass Handyverbote oder -einschränkungen unter Umständen kontraproduktiv sind, wie die Studie der Universität Zürich zeigt, erstaune ihn nicht, sagt der Präsident der schweizerischen Vereinigung für Kinder- und Jugendpsychologie (Skjp): «Ein Handyverbot ist immer Ausdruck eines ungelösten Konflikts. Etwas ist nicht geklärt. Der Konflikt löst sich aber nicht mit dem Verbot, sondern bleibt bestehen.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 05.06.2018, 12:14 Uhr

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