Hintergrund

Schöner verpacken

Universitäre Rhetorikforen und private Rhetorikclubs stossen auf reges Interesse. Studierende, Krankenschwestern, Bankdirektoren – sie alle möchten überzeugend auftreten.

Rhetorik als Erfolgsrezept: Christoph Blocher ist am Mikrofon in seinem Element.

Rhetorik als Erfolgsrezept: Christoph Blocher ist am Mikrofon in seinem Element. Bild: Keystone

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«Als ich an einer Hochzeit eine Rede halten musste, habe ich gemerkt, dass es gar nicht so einfach ist, vor hundert Leuten ein Wort rauszukriegen», sagt Sebastian Krummenacher. Um in Zukunft nie wieder um Worte verlegen zu sein, besucht der 27-jährige Maschinenbaustudent das Rhetorikforum der Universität Zürich. Freiwillig übt er in einem Workshop während dreier Abende das, wovor sich viele Studierende am meisten fürchten – das Referieren.

Nach einem kurzen Theorieblock geht es ans Eingemachte. In nur sieben Minuten müssen die Workshopteilnehmer ein Kurzreferat aus dem Ärmel schütteln und dieses vor einer Kleingruppe vortragen. Bei der anschliessenden Feedbackrunde stehen nicht rhetorische Figuren im Mittelpunkt, sondern vielmehr der Tonfall, die Körperhaltung, die Gestik und die Mimik. «Bei der Rhetorik geht es nicht nur um den Inhalt, sondern vor allem auch um die Verpackung. Das Gesamtpaket muss stimmen», sagt Sabrina Pfister, Präsidentin des Rhetorikforums UZH.

Aufschlussreiche Videoanalyse

Pfister stellt fest, dass Selbst- und Fremdwahrnehmung vielfach nicht übereinstimmen. Eine Videoanalyse soll den Teilnehmern helfen, sich der eigenen Stärken und Schwächen bewusst zu werden. Erst als sie sich selbst auf dem Bildschirm sieht, wird Eva Moser klar, wie stark sie sich während ihres Referats bewegt hat, obwohl sie sich fest vorgenommen hatte, diesmal mit beiden Beinen auf dem Boden zu stehen. Die 24-Jährige, die ein Masterstudium in Sustain­able Development absolviert, zieht ein positives Fazit aus dem Workshop: «Der ernste und doch geschützte Rahmen bietet eine ideale Übungsplattform.»

Das Angebot des Rhetorikforums der Universität Zürich, das vor drei Jahren nach dem Vorbild der Universität St. Gallen ins Leben gerufen wurde, stösst auf reges Interesse. Auch in diesem Semester waren die beiden Workshops mit einer Kapazität von 50 Teilnehmern ausgebucht. Offenbar sind sich viele Studierende bewusst, dass rhetorische Kompetenzen mehr denn je gefragt sind. In einer Arbeitswelt, in der immer häufiger projektbasiert gearbeitet wird, ist es wichtig, Informationen publikumswirksam präsentieren zu können.

Rhetorikclubs hoch im Kurs

Das Interesse an rhetorischer Weiterbildung wächst auch jenseits des universitären Umfelds. Im Raum Zürich schiessen Rhetorikclubs derzeit wie Pilze aus dem Boden. Noch vor zehn Jahren gab es im Kanton Zürich gerade mal einen Rhetorikclub, mittlerweile gibt es ein gutes Dutzend. «Immer mehr Leute merken, wie wichtig es ist, Botschaften so vermitteln zu können, dass sie beim Publikum ankommen», sagt Thomas Skipwith, Präsident des Rhetorik Club Mutschellen.

Der Rhetorik Club Mutschellen trifft sich alle zwei Wochen, um gemeinsam das Referieren zu üben. Die Clubmitglieder stammen aus den verschiedensten Alters- und Berufsgruppen – vom Jungunternehmer über die Krankenschwester bis hin zum Bankdirektor. Der Club ist ein Ableger von Toastmasters International, der weltweit grössten Rhetorikclub-Vereinigung. Die 1924 in den USA gegründete Non-Profit-Organisation verzeichnet heute über 12'000 Clubs in mehr als 100 Ländern.

Stegreifrede als Königsdisziplin

Toastmasters International veranstaltet jährlich Redewettbewerbe, an denen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sich unter anderem auch in der Königsdisziplin der Rhetorik messen: der Stegreifrede. Das Thema wird dabei erst unmittelbar vor dem Auftritt bekannt gegeben. Thomas Skipwith, der hauptberuflich als Rhetorikcoach tätig ist, brachte es in dieser Disziplin zum mehrfachen Schweizer- und Europameister. Selbst ein Profi wie er betritt das Podium nicht ganz ohne Lampenfieber: «Eine gewisse Nervosität ist nichts Schlechtes. Das Ziel ist, die Schmetterlinge im Bauch so fliegen zu lassen, wie man es selbst gerne hätte.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 17.12.2012, 12:06 Uhr

Drei Reden, die Geschichte machten

Winston Churchill: «Europarede»

«Eine gute Rede soll das Thema erschöpfen, nicht die Zuhörer», sagte jener Mann, an dem kein politisch ambitionierter Redner vorbeikommt. Churchill hat mit seinen besonnenen Ansprachen im 2. Weltkrieg die Antithese zu Hitlers Brandreden geliefert. Zu den berühmtesten Reden des britischen Premierministers zählt die «Europarede», die er am 19. September 1946 an der Uni Zürich hielt. In Hinblick auf den Wiederaufbau Europas nahm er darin die Idee der EU vorweg. Auch wenn es ihm nicht gelungen ist, die Schweizer von seiner Vision zu überzeugen, macht seine Rede deutlich, weshalb die Griechen die Rhetorik als Kunst der Überzeugung verstanden haben. Der Schlussappell «Lasst Europa auferstehen!» hat im Kontext der Eurokrise wieder an Aktualität gewonnen.

Martin Luther King: «I Have a Dream»

Martin Luther King referierte mit der Inbrunst eines Predigers. Wie keinem anderen Vertreter der schwarzen Bürgerrechtsbewegung gelang es ihm, die Hoffnung zu schüren, dass der Rassismus überwunden werden kann. Die glühende Freiheitsrede «I Have a Dream», die King am 27. August 1963 in Washington hielt, ist ebenso leidenschaftlich wie wortgewaltig. Angesichts der rhetorischen Brillanz ist es erstaunlich, dass Teile der Rede improvisiert waren. Laut Legende wurde King direkt vor seinem Auftritt von der Gospelsängerin Mahalia Jackson zur Schlüsselphrase inspiriert, indem sie ihm zurief: «Tell them about the dream, Martin!» Die achtmalige Wiederholung des titelgebenden Satzes macht die Rede zu einem Paradebeispiel für die rhetorische Figur der Anapher.

Friedrich Dürrenmatt: «Die Schweiz – ein Gefängnis»

Friedrich Dürrenmatt machte bei seinen Reden fast alles falsch, was man falsch machen kann. Stocksteif pflegte der Schriftsteller sein Manuskript abzulesen, ohne je zum Publikum aufzublicken. Mit einem der effizientesten Mittel der Rhetorik gelang es ihm dennoch, das Publikum für sich zu gewinnen – mit Humor. Seine letzte Rede war gleichzeitig auch seine umstrittenste. Am 22. November 1990 hielt er anlässlich der Verleihung des Gottlieb-Duttweiler-Preises eine Laudatio auf Václav Havel, mit der er seinem Ruf als provokanter Redner einmal mehr gerecht wurde. Dürrenmatt analysierte die Lage der Nation zum Zeitpunkt der Fichenaffäre auf schonungslose, aber auch witzige Weise. Die anwesenden Bundesräte waren nicht amüsiert und verliessen entrüstet den Raum. (rho)

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