So funktioniert Schule ohne Hausaufgaben

Mit dem Lehrplan 21 hat der Kanton Bern die Hausaufgaben reduziert. Was Lehrer, Schüler und Eltern nach einem halben Jahr dazu sagen.

Lerncoach und Mutter Bettina Dénervaud beurteilt das aktuelle Hausaufgabenregime kritisch. (Foto: Franziska Rothenbühler)

Lerncoach und Mutter Bettina Dénervaud beurteilt das aktuelle Hausaufgabenregime kritisch. (Foto: Franziska Rothenbühler)

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Hausaufgaben sind ein emotionales Thema: für die einen ein täglicher Kampf, für die anderen ein Fenster zur Schule. So erstaunt es wenig, dass hitzige Diskussionen entbrannten, als der Kanton Bern mit der Einführung des Lehrplans 21 die Hausaufgaben stark reduzierte. Die Schulleiter der Gemeinde Köniz beschlossen gar, ganz darauf zu verzichten.

Nun ist ein halbes Jahr vergangen. Haben sich die Unkenrufe der Warner bestätigt? Die Umsetzung des Lehrplans 21 laufe gut, sagt die zuständige Regierungsrätin Christine Häsler (Grüne). Schulen, Behörden und die Pädagogische Hochschule hätten sich gut darauf vorbereitet, und die Rückmeldungen seien positiv.

Zu der Reduktion der Hausaufgaben hat Häsler keine Rückmeldungen erhalten, wie sie sagt. Weder positive noch negative. Das bedeutet aber nicht, dass das Thema vom Tisch ist, wie die Recherche des «Bund» zeigt.

Eher positiv für Lehrer

Aufseiten der Lehrpersonen gehen die Meinungen zum Thema «um 180 Grad» auseinander, wie Franziska Schwab vom Lehrerverband Bildung Bern sagt. «Einige sind froh, dass sie keine Hausaufgaben mehr erteilen müssen.» Andere tun sich schwer damit, dass vermehrte Absprachen zwischen den verschiedenen Lehrkräften einer Klasse nötig sind, um das zulässige Maximum an Hausaufgaben nicht zu überschreiten.

Gut sei aber, dass in den Lehrerkollegien nun intensiv über den Sinn und Zweck von Hausaufgaben diskutiert werde, sagt Schwab. «Vorher hat man sie oft einfach gegeben.»

«Schulisches Lernen gehört in die Schule»: Für die Schüler sei die Entwicklung positiv, findet Susanne Muralt vom bernerischen Schulleiterverband. (Bild: Gaetan Bally, Keystone)

Die Co-Präsidentin des bernischen Schulleiterverbandes, Susanne Muralt, ist mit der neuen Situation mehrheitlich zufrieden. Die Emmentaler Schulleiterin hat an ihrer Schule beobachtet, dass gerade Kindern, die daheim viel Unterstützung erhalten haben, die Selbstständigkeit fehlt. «Dinge, die immer tipptopp waren, sind es nun plötzlich nicht mehr.»

Muralt stört diese Korrektur aber nicht. Sie erachtet es als positiv, dass diese Kinder von den Eltern weniger gedrängt werden. «Schulisches Lernen gehört in die Schule», sagt sie. «Daheim lernen die Kinder anderes, und das ist ebenfalls wichtig.»

Negativ für Eltern

Aufseiten der Eltern tönt es weniger positiv. Bettina Dénervaud ist Mutter, Lerncoach und Co-Präsidentin des Vereins Schule und Elternhaus Kanton Bern. Sie hat zehn Lehrpersonen und zehn Elternteile zum Thema interviewt und eine erste Bilanz gezogen. Als Lerncoach tauscht sie sich mit Eltern von schwächeren Schülern aus und als Mutter von zwei Söhnen in der Mittel- und Oberstufe macht sie ihre eigenen Erfahrungen. Sie gewinnt der aktuellen Situation wenig Gutes ab.

«Gut ist, dass in den Lehrerkollegien nun intensiv über den Sinn und Zweck von Hausaufgaben diskutiert wird.»Franziska Schwab
Bildung Bern

Es sei nicht mehr klar, was unter Hausaufgaben zu verstehen sei, sagt sie. «Soll ein Kind daheim ein Blatt fertig machen und für den Französisch-Test Wörtchen lernen oder nicht?» Als Lerncoach beobachtet Dénervaud, dass schwächere Schüler oft Arbeiten zum Fertigmachen mitbringen. Aber auch starke Schüler kommen nicht ums Lernen daheim herum, wenn sie den Übertritt in die Sekundarschule oder ins Gymnasium schaffen wollen.

«Die Zeit reicht nicht, um alles in der Schule zu lernen.» Die Kinder erhalten in der Schule zwar Zeit zum Lernen, doch nutzen sie diese oft schlecht. «Selbstständiges Lernen ist für die meisten Kinder schwierig», sagt Dénervaud und berichtet, wie sich viele zwar in Lerngruppen zurückzögen, dort aber erst einmal ein wenig schwatzten statt lernten. So seien die Kinder zwar länger in der Schule, müssten danach aber trotzdem mehr zusätzlich lernen als vorher.

Kommunikation ist zentral

Laut Gabriela Heimgartner, ebenfalls Co-Präsidentin von Schule und Elternhaus, ist die Zufriedenheit stark davon abhängig, wie die Schule mit den Eltern kommuniziert. «Denn die Eltern haben ein Bedürfnis nach Einblick.» Viele Eltern nutzten die Hausaufgaben der Kinder dafür, sich ein Bild davon zu machen, was in der Schule gerade lief. Ohne Hausaufgaben muss dieser Einblick von der Schule anders gestaltet werden. Und das tun nicht alle Schulen gleich gut, wie Heimgartner sagt.

In Köniz, das die Hausaufgaben komplett abgeschafft hat, sind die Rückmeldungen gut. So findet etwa der Präsident des Elternrats an der Primarschule Schliern, Lukas Frösch, als Vater die neue Situation besser als die alte. «Wir können unserem Kind nun spezifischer dort helfen, wo es wirklich Lücken hat.»

Die Schule hat gezielt neue Möglichkeiten gesucht, um mit den Eltern auch ohne Hausaufgaben in Kontakt zu bleiben. So verschicken die Klassenlehrer zum Beispiel zu Beginn des neuen Quartals einen Brief, in dem sie die nächsten Themen und Projekte der Klasse ankündigen. Sämtliche Tests und Lernkontrollen bringen die Kinder zum Unterschreiben heim.

Dabei gibt es genügend Tests, sodass eine schlechte Note nicht zum Drama wird, das sich schlecht korrigieren lässt. «Die nächste Chance kommt bald», sagt Frösch. Das ermögliche dem Kind, auch einmal zu scheitern. Regelmässig bringen die Kinder Lernkontrollen heim. Die Lehrerin kommentiert die Lernkontrollen schriftlich, und die Eltern sind aufgefordert, ihren Kommentar ebenfalls dazuzuschreiben. «So können wir gut nachvollziehen, wo unsere Kinder stehen», sagt Frösch. Vor allem aber sei die Atmosphäre der Schule so offen, dass er sich stets willkommen fühle. «Ich könnte jederzeit unangemeldet in die Klasse meiner Tochter sitzen.» (Der Bund)

Erstellt: 04.02.2019, 09:08 Uhr

Freier Nachmittag

Mit dem Lehrplan 21 haben die Schülerinnen und Schüler mehr Unterricht. Um dies auszugleichen, sind im Kanton Bern die Hausaufgaben stark reduziert oder gestrichen worden. Die erhöhte Lektionenzahl führt auch dazu, dass verschiedene Gemeinden und Schulen den freien Mittwochnachmittag opfern. So will ihn etwa Lyss für die Oberstufe abschaffen, um den Stundenplan ausgeglichener gestalten zu können. Allerdings gibt es Schulen, die bereits seit längerem am Mittwochnachmittag unterrichten. In Neuenegg ist dieser Nachmittag seit acht Jahren nicht mehr frei und in Schwarzenburg seit der Einführung der Fünftagewoche 1998. Die kantonale Erziehungsdirektion schreibt aber vor, dass mindestens ein Nachmittag in der Woche schulfrei bleiben muss.

In Schwyz wurden die Hausaufgaben wieder eingeführt

Köniz ist nicht die erste Gemeinde, die die Hausaufgaben abschafft. Der Kanton Schwyz tat es bereits 1993. Vier Jahre später führte er sie aber auf Druck der Eltern und Lehrer wieder ein. Ohne Hausaufgaben habe sich zwar der Stress für die Kinder und Familien verringert, ohne dass die Leistungen der Schüler abgenommen hätten, teilte der Schwyzer Erziehungsrat damals mit. Trotzdem wollte die Hälfte der Eltern und Lehrer die Aufgaben wieder einführen. Zudem hätten sich ein Drittel der Lehrer und zwei Drittel der Eltern nicht an die Vorgaben gehalten und in gegenseitigen Absprachen trotzdem Hausaufgaben erteilt beziehungsweise gemacht.

Der Illgauer Schulleiter Erwin Lötscher unterrichtete damals an einer Realschule. Anders als beabsichtigt sei mit dem Integrieren der Aufgaben in den Unterricht die Chancengleichheit der Kinder nicht gestiegen, sondern eher gesunken. «Denn keine Hausaufgaben heisst bloss keine offiziellen Hausaufgaben», sagt er. Bildungsnahe Eltern hätten mit ihren Kindern nämlich trotzdem gelernt, doch sei es für sie schwieriger geworden, die Kinder zu motivieren.

Bildungsferne Eltern hingegen hätten eher noch weniger als zuvor gemacht. Zudem sei es eine Illusion, dass der ganze Stoff in der Schule vermittelt werden könne. «Denn nicht jedes Kind braucht gleich viel Übung», sagt Lötscher. So habe einigen schwächeren Schülern bald ein Teil gefehlt, weil sie nicht mehr daheim hätten nacharbeiten können. «Ich war froh, als ich wieder Aufgaben geben konnte», erinnert sich Lötscher.

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