So geht Weltverbesserung heute

Früher haben Umweltschützer Walfangboote sabotiert und sich an Geleise angekettet, um Atomtransporte zu stoppen. Heute sitzen sie mit Wirtschaftsführern am Verhandlungstisch – und entwickeln grüne Konzepte.

Mit dem Montieren allein ist es nicht getan: Ein Solarteur weiss alles über Solarenergie und -technik. Foto: Mohamad Torokman (Reuters)

Mit dem Montieren allein ist es nicht getan: Ein Solarteur weiss alles über Solarenergie und -technik. Foto: Mohamad Torokman (Reuters)

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Wirtschaftswachstum und Umweltschutz stehen im Widerspruch – könnte man meinen. Doch die internationale Kommission New Climate-Economy hat kürzlich das Gegenteil bewiesen. Wie der Bericht, den die Kommission im ­Vorfeld des New Yorker Klimagipfels publiziert hat, zeigt, gibt es keinen Widerspruch zwischen wirtschaftlicher Prosperität und ökologischer Nachhaltigkeit. Vielmehr birgt die Abkehr von fossilen Energien ein grosses Wachstumspotenzial.

«Investitionen in die ökologische Nachhaltigkeit bringen Wertschöpfung ins Land und schaffen neue Arbeitsplätze», sagt Nick Beglinger, Präsident von Swisscleantech. Der Wirtschaftsverband setzt sich dafür ein, dass die Schweiz bei den sauberen Techno­logien eine Vorreiterrolle übernimmt. Cleantech umfasst Technologien, Verfahren, Güter und Dienstleistungen, bei denen natürliche Ressourcen nachhaltig genutzt werden sollen. «Da es sich bei Cleantech um einen branchenüber­greifenden Qualitätsfaktor handelt, ­werden Umweltkompetenzen künftig in allen Sektoren vermehrt gefragt sein», so Beglinger.

Wachsende Umweltmärkte

Eine Untersuchung des WWF bestätigt, dass sich der Klimawandel zum Wachstumsmotor entwickelt. Die Studie «Umweltmärkte in der Schweiz» prognostiziert, dass 2020 in der Umweltwirtschaft 169'000 Personen tätig sein werden, was gegenüber 2009 einer Steigerung von über 53'000 Arbeitsplätzen entspricht. Der erweiterte Umweltmarkt, zu dem auch Cleantech zählt, wächst dabei deutlich stärker als der klassische ­Umweltmarkt. Das Wachstum der ­Umweltmärkte lässt neue Berufsbilder ent­stehen wie etwa Solarteure oder Sustai­nability-Manager (Nachhaltigkeits-Fachmann). Berater und Analysten sind künftig nicht mehr nur in der Finanz­branche, sondern auch im Umwelt­bereich gefragt.

Mit der sogenannten Corporate Social Rensponsibility geht die Forderung einher, dass Unternehmen mehr gesellschaftliche Verantwortung übernehmen. Dazu gehört auch die ökologische Nachhaltigkeit. «Im Sozialen hat die Schweiz bereits einen hohen Standard erreicht, doch wenn es um die Umwelt geht, besteht noch Handlungsbedarf», sagt Peter Teuscher, Geschäftsführer von BSD Consulting. Da sich durch umwelteffiziente Produktionsprozesse Kosten sparen lassen, wächst die Nachfrage nach den Dienstleistungen seines Be­ratungsunternehmens. Teuscher be­obachtet, dass Green Skills in vielen ­Firmen wichtiger werden: «Vom Ein-kauf über die Produktentwicklung bis hin zum Marketing sind Umweltkompetenzen gefragt.»

Die Nachfrage wächst

In der Privatwirtschaft sind die Einflussmöglichkeiten oft grösser als im klassischen Umweltbereich. Selbst Umwelt­organisationen versuchen, über die ­Zusammenarbeit mit wirtschaftlichen Entscheidungsträgern Einfluss zu gewinnen. «Ob man sich in der Privatwirtschaft oder für eine NGO engagiert, ist eine persönliche Frage. Letztlich muss man sich als Person in seinem Umfeld wohlfühlen», sagt Nick Beglinger. Die Nachfrage nach Spezialisten wächst auch bei Swisscleantech. In diesem Jahr ist das Team von 12 auf 20 Mitarbeitende angewachsen.

Neue Bildungsgänge und Berufe

Mit den prosperierenden Umweltmärkten entwickelt sich auch die Bildungslandschaft. Neben neuen Grundbildungen wie Entwässerungstechnologe und höheren Berufsbildungsgängen wie Energieberater sind an den Universitäten und Fachhochschulen eine Vielzahl von Abschlüssen im Bereich Umwelt und Nachhaltigkeit entstanden. Letztlich wird grünes Wissen in allen Aus­bildungen wichtiger: «Ein Master of Cleantech wäre aber ein Unsinn», ist sich Beglinger sicher. «Das Thema muss verstärkt in sämtliche Ausbildungen ­einfliessen.»


«Fast in jedem Beruf kann man sich für die Umwelt engagieren»

Simon Zysset, der Leiter des WWF-Bildungszentrums, gibt Tipps für die Weiterbildung im Umweltbereich.

Herr Zysset, wie ernst nimmt die Schweizer Wirtschaft Umweltfragen? Überlegungen und Strategien zur Nachhaltigkeit und zur Corporate Social ­Responsibility werden immer wichtiger. Hat man bis vor einigen Jahren den ­Bereich Umwelt vor allem als Kostenfaktor gesehen, gelten Ressourceneffizienz und andere Cleantech-Themen heute mehr und mehr als Innovationstreiber.

Wodurch unterscheidet sich der erweiterte vom klassischen Umweltmarkt? Während man sich im klassischen Umweltmarkt allein auf den Umweltschutz konzentriert, zielt der erweiterte Umweltmarkt auf den Schutz in Prozessen und Produkten. Dazu gehören biologische Landwirtschaft oder erneuerbare Energien. Weil im Cleantech- und im Nachhaltigkeitsbereich Neuerungen zu spüren sind, interessieren sich viele jüngere Menschen für solche Jobs.

Wo entstehen die meisten Jobs? In den Branchen Bau, Energie- und Abfallwirtschaft, Lebensmittelindustrie und im Verkehr. Dabei entstehen nicht nur technisch ausgerichtete Jobs, sondern auch dienstleistungs­orientierte.

Was empfehlen Sie jungen Menschen, die einen Job im Umweltbereich ins Auge fassen? Zwei Punkte scheinen mir zentral: Fast in jedem Beruf kann man sich für die Umwelt engagieren. Und: Man muss nicht in einer Umweltorganisation ar­beiten, um sich für die Umwelt ein­setzen zu können. In der Wirtschaft sind die Einflussmöglichkeiten oft grösser.

Welche Qualifikationen muss man für einen umweltrelevanten Job mitbringen? Es braucht eine entsprechende Aus­bildung und oft auch eine bestimmte ­Berufserfahrung, Engagement allein reicht nicht. Für den Erfolg müssen die Fachkompetenzen mit methodischen Kompetenzen – vor allem im Projektmanagement – und kommunikativen Fähigkeiten kombiniert werden. In unserer Weiterbildungsberatung schauen wir immer drei Schritte an: Wo will ich hin? Was bringe ich bereits mit? Und was fehlt mir noch?

Was beinhalten die sogenannten Green Skills? Wichtige Kompetenzen sind etwa: vorausschauend Entwicklungen analy­sieren und beurteilen, interdisziplinäres Denken und Arbeiten sowie der Umgang mit Entscheidungsdilemmas und Zielkonflikten.

Werden diese Kompetenzen künftig generell wichtiger? Bei jeder Reform eines Berufes der beruflichen Grundbildung wird geprüft, welche umweltrelevanten Kompetenzen gefördert werden sollen. Bei der Gewichtung dieser Kompetenzen in den Lehrplänen bestehen jedoch grosse ­Unterschiede. Nachholbedarf besteht insbesondere in der höheren Berufs­bildung.

www.wwf.ch/bildungszentrum (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.10.2014, 17:55 Uhr

Martina Novak (29)

Analystin bei Swisscleantech

«Ein Themenabend zu Welthandel und Klima bei Oikos, einer Studentenorganisation für nachhaltiges Wirtschaften, hat mein Interesse für Umweltfragen geweckt. Ich habe mich darauf für ein Doppeldiplomstudium entschieden, das die Wirtschafts- und Umweltperspektive vereint. Ergänzend zu meinem HSG-Studium in Internationalen Angelegenheiten habe ich in Paris nachhaltige Entwicklung mit einer Vertiefung im Bereich Energie und Klima studiert. Bei Swisscleantech erstelle ich Analysen für unsere politische Arbeit und erarbeite Konzepte zu Rahmenbedingungen, die nachhaltiges Wirtschaften stärken. Mich reizen die interdisziplinäre Arbeitsweise und die Möglichkeit, Nachhaltigkeits-aspekte in den nationalen Entscheidungsfindungsprozess einzubringen.»

Josephine Herzig (29)

Nachhaltigkeitsberaterin bei BSD Consulting

«Während meines Studiums der Politikwissenschaften befasste ich mich mit der Verantwortung von Unternehmen. Ich stellte fest, dass deren Umweltauswirkungen im internationalen Kontext erst im Ansatz adressiert werden, obwohl wesentliche Auswirkungen – auch CO2-Emissionen – durch Unternehmen entstehen. Nach meinem Abschluss habe ich nach einem Arbeitgeber gesucht, bei dem ich dieses Interesse weiterverfolgen kann. Bei BSD Consulting bin ich schliesslich fündig geworden. In meiner Beratungstätigkeit helfe ich Unternehmen, die richtigen Prioritäten zu setzen, um ihre Ressourcen effektiv einzusetzen. An meinem Job schätze ich sehr die Vielseitigkeit und die direkte Wirkung, die meine Arbeit auf die Umwelt hat.»

Michael Arnold (35)

Head of Corporate Relations beim WWF

«Mein Interesse für den Umweltschutz wurde durch meinen Primarlehrer geweckt. Schon früh war ich WWF-Mitglied. Weil mich gesellschaftliche Fragen interessieren, habe ich Politikwissenschaften studiert. Nach einem Nachdiplomstudium zu nachhaltiger Entwicklung habe ich als Sustainability- und PR-Berater gearbeitet. Als ich eine Stelle beim WWF im Bereich Firmenpartnerschaften ausgeschrieben sah, wusste ich: Das will ich machen. Nicht mehr Umweltschutzarbeit bei Firmen, sondern Firmenarbeit im Umweltschutz. Mein Team gewinnt Firmen für Partnerschaften. So stehe ich heute mit einem Fuss in einer NGO und mit dem anderen in der Wirtschaft und kann Entscheidungsträgern helfen, kurzfristige Sachzwänge für langfristige Lösungen zu überwinden.»

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