So lernen Sie Chefsein

Kann man das Führen lernen? Ja, zeigt ein beliebter Lehrgang. Und dazu ist nicht einmal die Matura erforderlich.

Regula Bürgin (rechts) ist gelernte Chefin und führt 50 Mitarbeitende im Hotel Krone Unterstrass. Foto: Tom Kawara

Regula Bürgin (rechts) ist gelernte Chefin und führt 50 Mitarbeitende im Hotel Krone Unterstrass. Foto: Tom Kawara

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Mit knapp 33 Jahren hat Regula Bürgin schon eine steile Karriere hingelegt. Seit vier Jahren ist sie Vizedirektorin im Hotel Krone Unterstrass und führt 50 Mitarbeitende, bald wird sie Direktorin eines anderen Zürcher Hotels. Schon als Kind, als Bauerntochter im Fricktal, hat sie gerne andere Kinder angeführt. Chefin sein fand Bürgin aber nicht immer einfach. Nach der Hotelfachschule in Thun und einem Praktikum in New York übernahm sie als 25-Jährige eine erste Führungsposition als HR-Managerin für Anlässe im Hallenstadion. «Weil ich noch unerfahren war, sind mir die Mitarbeitenden manchmal auf der Nase herumgetanzt», erzählt sie.

Was Bürgin von anderen Chefs unterscheidet: Sie ist heute eidgenössisch diplomierte Chefin. Vor einem Jahr hat sie den Pilotlehrgang zur Führungsexpertin abgeschlossen. Dieses noch relativ neue Angebot aus der höheren Berufsbildung richtet sich an Menschen mit Vorgesetzten-Funktion, die sich gerne das nötige Rüstzeug fürs Führen aneignen möchten. Denn viele Menschen landen in Führungspositionen, ohne über wichtige Aspekte von zwischenmenschlichen Beziehungen oder betriebs­wirt­schaft­liche Fragen Bescheid zu wissen. Kein Wunder, bei so vielen Chefs: Laut der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung (SAKE) hat in der Schweiz jeder Dritte eine Vorgesetztenfunktion.

Ausbildungen für Chefs gibt es viele, aber wer am Ende ein Management und Leadership-Zertifikat in den Händen halten möchte, muss an die Universität, Fachhochschule – oder eine Ausbildung zur Führungsfachfrau oder Führungsexpertin machen. Für Letztere braucht es keine Matur, und die dafür nötigen Module können berufsbegleitend in etwa 18 Monaten besucht werden. Etwas, das Bürgin gelegen kam. «Ich bin eher der praktische Typ und wollte nicht studieren, sondern mir das Wissen aneignen, das mir für die Führungsposition noch fehlte.»

Auch kündigen ist lernbar

Aber kann man Chefsein wirklich lernen? Ja, meint Christian Santschi, Präsident der Schweizerischen Vereinigung für Führungsausbildung (SVF), welche die Prüfungen abnimmt. «Führen ist wie ein Handwerk. Natürlich spielen auch Persönlichkeit oder Erfahrung eine wichtige Rolle, aber vieles kann man lernen.» Als Beispiele nennt Santschi das effiziente Durchführen von Sitzungen oder motivierende Mitarbeitergespräche. Sogar für eine der schwierigsten Chef-Aufgaben, das Kündigungsgespräch, hat Santschi ein Rezept: «Zeitpunkt und Rahmen müssen sorgfältig ausgewählt werden. Im Gespräch muss die Kündigung unmissverständlich und schnell mitgeteilt werden.» Dann sollte man der betroffenen Person Raum für Reaktionen geben. Schliesslich müsse das weitere Vorgehen – also die Trennungsbedingungen, Hilfestellungen bei der Stellensuche und die Informationspolitik – geklärt werden.

Die SVF wurde 2000 gegründet, zu den Mitgliedern gehören über 70 Schulen, grosse Arbeitgeber- und Arbeitnehmerverbände, aber auch die Armee. Unter Samuel Schmid hatte sie nach einem Weg gesucht, die militärische Kaderausbildung auch zivil anerkennbar zu machen. Wer die militärische Führungsausbildung durchläuft, erhält fünf Module bescheinigt: Selbstkenntnis, persön­liche Arbeitstechnik, Kommunikation und Information, Konfliktmanagement und Gruppenführung.

Die SVF-Module zu Leadership und Management, die an verschiedenen Schulen angeboten werden, stossen auf grosses Interesse. Seit 2005 hat die SVF fast 40'000 Bescheinigungen für bestandene Module ausgestellt. Allerdings haben erst rund 3000 Menschen auch die Berufsprüfung oder höhere Fachprüfung absolviert, denn viele besuchen nur einzelne Module. Ausserdem ist das Angebot erst wenig bekannt. Diese Erfahrung hat auch Regula Bürgin gemacht: Was ihr der Titel «eidgenössisch diplomierte Führungsexpertin» in Zukunft bei Bewerbungen bringt, wird sich noch zeigen.


«Im Kader tritt das Fachwissen in den Hintergrund»

Der Bildungsexperte Emil Wettstein erklärt die besten Ausbildungen für Chefs.

Herr Wettstein, wer sollte Chefin oder Chef werden?
Jemand mit Sozialkompetenz. Im Kader tritt das Fachwissen in den Hintergrund; die Fähigkeit, sich in das Gegenüber zu versetzen, wird wichtiger. Das kann man lernen, am besten in einer Ausbildung. Leider steht in vielen Managementausbildungen die Theorie im Vordergrund. Nur mit Rechnungswesen holt man jedoch nicht das Beste aus seinen Mitarbeitern heraus.

Wie finde ich heraus, welche Führungsweiterbildung die richtige für mich ist?
Leisten Sie sich unbedingt eine Beratung in einem Berufsinformationszentrum in Ihrer Nähe. Das kostet erheblich viel weniger Geld und Zeit, als wenn Sie sich für die falsche Weiterbildung entscheiden. Um herauszufinden, welche Abschlüsse in Ihrer Branche angesehen sind, lohnen sich Gespräche mit Ihren Vorgesetzten oder Berufskollegen. Als Teamleiterin in der Verwaltung sind vielleicht andere Abschlüsse gefragt als in einer Bank.

Auf den ersten Blick scheint das Schweizer Weiterbildungsangebot unübersichtlich. Warum ist das so?
Es gibt tatsächlich eine Unmenge an Weiterbildungsmöglichkeiten und verschiedenste Abschlüsse. Früher machten die Menschen einfach einen Kurs, heute möchten sie auf ein Ziel hinarbeiten und ihren Abschluss belegen können. Hochschulen und höhere Berufsbildung, also die tertiäre Stufe, wachsen kräftig. Das hat auch damit zu tun, dass heute über 90 Prozent der jungen Erwachsenen ein Gymnasium, eine andere Mittelschule oder eine Berufslehre abgeschlossen haben.

Wie kann ich mich nach der Berufslehre weiterbilden?
Indem Sie die Berufsmatur erwerben oder einen Abschluss der höheren Berufsbildung. Zu Letzterem gehören die Höheren Fachschulen und die Vorbereitung auf die Berufsprüfung und die höhere Fachprüfung. Die entsprechenden Zertifikate heissen eidg. Fachausweis und eidg. Diplom. Sie sind gesetzlich geschützt. Früher waren sie als Meisterprüfungen bekannt und besonders in Gewerbeberufen verbreitet. Heute gibt es die höhere Berufsbildung auch für Berufe in der Industrie, Verwaltung oder in Dienstleistungsunternehmen.

Welchen Wert hat der eidg. Fachausweis Führungsfachfrau/-mann?
Viele Ausbildungen bereiten auf eine Führungstätigkeit vor. Bei diesem Lehrgang scheint es mir wertvoll, dass er breit angelegt, modular aufgebaut und der Abschluss eidgenössisch anerkannt ist. Zudem wird er von einer breiten Trägerschaft verantwortet, zu welcher der Schweizer Hotelierverein, der Kaufmännische Verband oder die Schweizerische Kaderorganisation gehören. Das verleiht diesen Abschlüssen in verschiedenen Branchen ein Gewicht.

Mit Emil Wettstein sprach Mirjam Fuchs.

Erstellt: 23.06.2014, 06:39 Uhr

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