So schaffe ich meine Diplomarbeit

Monatelanges Recherchieren und Schreiben ist für viele Studierende eine Horrorvorstellung. Die Autorin Verena Steiner gibt einige Tipps, wie die Bachelor-, Master- oder Lizarbeit gemeistert werden kann.

Daheim zum Liz: Studentin Sophie Rüesch.

Daheim zum Liz: Studentin Sophie Rüesch. Bild: Doris Fanconi

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Sich monatelang nur einem Thema zu widmen, ist für viele eine schlimme Vorstellung. Wie können Durchhänger vermieden werden?
Statt eine solche Arbeit als Horror oder notwendiges Übel zu sehen, betrachtet man sie besser als Lernchance. Wer sie packt, wird am Ende nicht nur eine bessere Arbeit abliefern, sondern darüber hinaus sehr viel Know-how über das Schreiben sowie über Selbstmanagement gewonnen haben. Durchhänger kann es geben, wenn man meint, man könne sich keine Pausen leisten. Einen Tag des Ausgleichs pro Woche sollte man unbedingt einhalten. Bei Schreibblockaden kann eine klärende Denkpause weiterhelfen. Auch das Lesen von gekonnt geschriebenen Texten aus dem Fachgebiet oder das Schmökern in einem How-to-write-Buch kann nützen.


Vielen Studierenden bereitet schon die Themenwahl Mühe. Was raten Sie: Persönliche Interessen verfolgen oder sich an aktuellen Forschungsgebieten orientieren?
Persönliche Interessen zu verfolgen, ist attraktiv, aber es braucht mehr Mut und mehr Können. Wer sich unsicher fühlt, tut wohl besser daran, den gängigeren Weg einzuschlagen und sich an der aktuellen Forschung zu orientieren – nur schon, weil man so eher Gesprächspartner findet.


Und wie grenze ich mein Thema sinnvoll ein?
Wenn das Thema feststeht, ist es wichtig, sich bald zu fragen: «Was will ich letzten Endes darüber sagen?». Hat man nämlich die Schlussfolgerung im Kopf, bevor man mit dem Strukturieren und Schreiben beginnt, wirkt sie wie eine Leitplanke und hilft beim Eingrenzen.


Wie behalte ich den Überblick über das bereits Gelesene?
Zunächst: Kein Lesen ohne markieren, notieren, zusammenfassen oder Zettel mit Stichworten und Quellenangaben schreiben. Vergessen Sie auch nicht, sämtliche Fragen und Gedanken, die während des Lesens auftauchen, gleich zu notieren – später sind Sie froh darum. Um den Überblick zu behalten, gehen Sie das Festgehaltene immer wieder mal durch, denn man vergisst erschreckend schnell. Zeichnen Sie eine Mindmap oder arrangieren Sie mit den Blättern und Zetteln eine Auslegeordnung auf dem Fussboden, um das Ganze besser im Kopf zu behalten.


Nach der Recherche endlich mit dem Schreiben anzufangen, gilt als besonders schwierig. Was hilft, einen Anfang zu finden?
Lesen Sie unbedingt gleich zu Beginn des Projekts ein, zwei Bücher über wissenschaftliches Schreiben. So achten Sie bereits in der Lesephase eher auf die Textstrukturen oder auf besonders gut geschriebene Texte – und Sie gehen generell souveräner an die Sache heran. Machen Sie nach der Recherchier- und Lesephase eine Pause, damit sich das Ganze setzen kann. Nehmen Sie sich dann genügend Zeit fürs Strukturieren. Entscheiden Sie, was in die Einleitung, was in den Hauptteil und was in den Schlussteil kommt und entwickeln Sie für jeden Teil eine logische Textstruktur; Mindmaps können dabei hilfreich sein. Diese Textstruktur bildet das Gerüst, das Inhaltsverzeichnis. Mit dem Schreiben können Sie dann dort anfangen, wo Sie sich am sichersten fühlen.


Gibt es eine Faustregel für das Einteilen meiner Zeit?
Fünfzig Prozent der Zeit fürs Recherchieren, Lesen sowie Strukturieren und Gliedern der Arbeit einzusetzen, scheint mir bei einer Literaturarbeit vernünftig. Wenn diese Vorarbeit gut gemacht ist, sollte der Rest fürs Schreiben und Editieren reichen. Zur Sicherheit Zeitpuffer einplanen.


Wie soll ich während der Diplomarbeit meinen Alltag organisieren – soll ich weniger soziale Kontakte pflegen und beim Nebenjob eine Weile aussetzen oder einfach alles beim Alten belassen?
Bestimmt sollten Sie nicht weitermachen wie gewohnt, denn bei derart anspruchsvollen Projekten muss man sich ungestört über viele Stunden und Tage in die Arbeit vertiefen können. Wenn es nicht anders geht, teilen Sie die Woche auf. Reservieren Sie zum Beispiel Montag bis Donnerstag für das Diplomprojekt oder allenfalls täglich stets dieselben Stunden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.05.2011, 10:06 Uhr

Gründlich recherchieren – schnell schreiben

Cyrill Mostert (25), Zürich
«Das Schwierigste an meiner BachelorArbeit ist, Quellen zu finden. Ich vergleiche die multilaterale und die bilaterale Zusammenarbeit der Deza in Afrika seit 1982. Zwar stehen mir die Jahresberichte der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) zur Verfügung. Aber Infos zu den einzelnen involvierten Firmen und Organisationen sind nicht immer frei zugänglich. Ich bin froh, umfasst die Bachelor-Arbeit nur 30 bis 40 Seiten, denn ich muss sie auf Französisch schreiben. Trotzdem ist sie eine willkommene Abwechslung zum Auswendiglernen von Fakten. Für das Schreiben der Endfassung werde ich mich in die Bibliothek verkriechen – aber noch geniesse ich das traumhafte Wetter und lese auch mal im Park oder in der Badi.»

Sophie Rüesch (26), Zürich
«Im Schreiben bin ich schnell. Mein Rekord liegt bei einer über 20-seitigen Seminararbeit in vier Tagen. Bei der Recherche lasse ich mir dafür umso mehr Zeit. Für meine Liz-Arbeit sammle ich nun schon seit drei Monaten Material, ich habe schon über 20 Bücher und 30 wissenschaftliche Artikel gelesen. Mein Thema – die afro- und jüdisch-amerikanische Subjektivität in ‹Invisible Man› von Ralph Ellison und ‹The Human Stain› von Philip Roth – böte genügend Stoff für eine Doktorarbeit. Meine Liz-Arbeit wird daher mindestens 100 Seiten umfassen. Auch wenn die Recherche Spass macht und ich immer noch mehr spannende Konzepte und Texte entdecke – ich freue mich darauf, beim Schreiben alles zusammenzuführen.»

Anna Wyss (28), Zürich
«Die Feldforschung war anstrengend, aber auch extrem lehrreich. Für mein Thema, die Heirat und Verwandtschaft in einem translokalen Kontext in Indonesien, verbrachte ich fünf Monate in einer Grossstadt. Ich fühlte mich manchmal ganz schön fremd – zum Glück haben sich meine Kontakte vor Ort wunderbar um mich gekümmert. Das Schreiben der über 100-seitigen Arbeit zurück in der Schweiz war gar nicht so schlimm. Allerdings hätte ich mir oft etwas mehr Austausch gewünscht, denn oft entstehen gute Ideen erst durch Diskussionen. Es war aber schwierig, jemanden zu finden, der sich mit dem Thema ebenfalls auskennt. Geschrieben habe ich die Arbeit in verschiedenen Bibliotheken; Abwechslung tut gut.»

Verena Steiner ist Expertin für Lern- und Arbeitsstrategien und hat unter anderem «Exploratives Lernen» (Pendo) verfasst. (Bild: Reto Oeschger)

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