Wenn Überforderung krank macht

Stress und Druck kann bei Kindern zu Burn-out-ähnlichen Situationen führen.

Wutanfälle, Schlafprobleme, Bauchschmerzen: Überforderung durch Stress ist bei Kindern nicht ungewöhnlich.

Wutanfälle, Schlafprobleme, Bauchschmerzen: Überforderung durch Stress ist bei Kindern nicht ungewöhnlich. Bild: Kim Kyung-Hoon/Reuters

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Fussballtraining, zweimal die Woche Nachhilfe in Mathematik und Französisch, Schlagzeugunterricht und am Samstag Pfadi: Davids Freizeit ist akribisch verplant. Jeweils nach dem Abendessen muss der 13-Jährige zudem seine Hausaufgaben mit den Eltern gemeinsam durchgehen. Sie sind stolz darauf, dass ihr Junge zu den Besten seiner Klasse gehört, vielseitig interessiert und talentiert ist. Dass ihr Sohn darunter leidet, dass er kaum Zeit für sich zum Träumen und «Trödeln» hat, ihn die vielen Termine überfordern und nicht zur Ruhe kommen lassen, merken sie nicht.

David beginnt immer wieder über Bauchweh zu klagen. Seine Eltern denken sich nicht viel dabei. Als regelmässige Kopfschmerzen und Übelkeit dazukommen, geht die Mutter mit ihrem Sohn zum Kinderarzt. Doch der Junge ist kerngesund. Als David dann einem Therapeuten überwiesen wird, kommt der grosse Schock: Der 13-Jährige leidet an Überforderung durch Stress – kurz: Burn-out. Die Eltern verstehen die Welt nicht mehr. Sie wollten ihren Sohn fördern, ihm alles ermöglichen, alles richtig machen. Und nun das.

Eigener Druck wird projiziert

Das Beispiel von David ist, laut dem Krisencoach Andreas Diethelm, kein Einzelfall. In seiner Praxis an der Florastrasse in Zürich behandelt er Kinder und Jugendliche, die an einem Burn-out-Syndrom leiden. Die jüngsten sind in der vierten Klasse, also zwischen acht und zehn Jahre alt. «Jedes vierte Kind hat psychische Probleme, ausgelöst durch Stress und Überforderung», sagt er. Die Welt wird immer schnell­lebiger und digitalisierter, der Leistungsdruck nimmt zu. «Viele Eltern meinen, sie müssten ihre Kinder darauf vorbereiten», erklärt der 50-Jährige, der selbst ein Burn-out durchlitten hat, die Problematik. Statt sich gemeinsame Zeit zum «Nichtstun», Spielen oder Reden zu nehmen, wird die Freizeit der Kinder mit Hobbys ausgefüllt.

Anpassen, mittragen, mitmachen

Oftmals würden die Eltern selbst unter grossem Druck stehen und die eigenen Wünsche in ihr Kind projizieren. So etwa die alleinerziehende Mutter, die nahe dran ist, in ein Burn-out zu rutschen, sich das aber «nicht leisten» kann. Das Kind muss sich anpassen, mitmachen, mittragen. Oder aber die Familie im «normalen» Konstrukt, wo beide arbeitstätig sind und abends ausgepumpt heimkommen. Ist kaum mehr Energie vorhanden, wird die Empathie, selbst gegenüber den eigenen Kindern, spürbar kleiner. «Ein Teufelskreis», sagt Diethelm.

Der Weg aus der «Überforderungsfalle» führt laut dem Krisencoach über alle Beteiligte. Es sei immens wichtig, dass die ganze Familie in die Beratung komme und nicht nur beim Kind alleine angesetzt wird. «Ich arbeite so, dass ich zuerst mit den Eltern ein Gespräch führe, später wird die Situation zusammen mit dem Kind angeschaut», erklärt ­Diethelm seine Methode. Im Familienverbund werde dann gemeinsam analysiert, was schiefläuft, und in einem weiteren Schritt versucht, die Situation aufzubrechen und einen neuen Umgang zu finden. «In der Regel sind das etwa vier bis sechs Sitzungen. In den Therapiepausen hat die Familie Zeit, eigene Schritte zu machen, die Ansätze anzunehmen und umzusetzen und ihren Alltag zu ­reflektieren», sagt Diethelm.

Durch den so ausgelösten Prozess könnten Kinder und Eltern wieder zueinanderfinden und Mut zu Gelassenheit und freier, gemeinsamer Zeit entwickeln. Die Therapiestunden müssen von den Familien selber bezahlt werden. «Leider», sagt Diethelm. Für ihn wäre es ein grosses Anliegen, solche Angebote in die Schule zu integrieren. «Noch besser wäre eine Prävention. Klar leben wir in einer Leistungsgesellschaft und der kann man sich auch nicht entziehen. Aber es ist wichtig, schon den Kleinen mitzugeben, dass es in Ordnung ist, wenn man sich abgrenzt, sich selbst etwas Gutes tut und sich Zeit für sich selbst nimmt.»

Auch Kinder können depressiv sein

Im offiziellen Sprachgebrauch der Kinderpsychiatrie ist der Ausdruck Burn-out noch nicht verankert. «Man sollte vorsichtig sein, Begriffe aus der Erwachsenenpsychologie eins zu eins auf Kinder zu übertragen», sagt Alain di Gallo, Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Klinik (KJPK) in Basel. Die Problematik von Überforderung oder eben Überförderung von Kindern ist ein Phänomen, das ihm auch auffällt. «Viele Eltern sind in der heutigen Zeit verunsichert, wie sie mit ihren Kindern umgehen sollen», sagt di Gallo. Dies führe oft dazu, dass sie den Leistungsdruck, den sie sich selbst auferlegen, an ihre Kinder weitergeben würden.

Neue Medien, die 24-Stunden-Gesellschaft und der Wandel der Zeit im Allgemeinen seien alles Komponenten, die das Zusammenleben in den Fami­lien nicht wirklich vereinfachen. Die Herausforderungen und Möglichkeiten in jeder Generation würden nach ­entsprechend angepassten Strategien verlangen. Etwas aber bleibt sich immer gleich: «Kinder brauchen Verbindlichkeit, Teilnahme und emotionale Unterstützung von ihren Eltern», sagt di Gallo.

Angsterkrankungen

Nicht nur Überforderung beziehungsweise Überförderung sind ein Thema, wenn es um Kinder und Jugendliche geht. Laut einer Untersuchung leiden bei uns etwa 15 bis 20 Prozent der Kinder an einer psychischen Störung. Am häufigsten sind Angst­erkrankungen, gefolgt von aggressiven Störungen und dem Aufmerksamkeits-Hyperaktivitätssyndrom (ADHS).

«Kinder können auch depressiv sein», erklärt di Gallo. Wenn ein Kind während mehrerer Wochen Zeichen von tiefgreifender Antriebslosigkeit zeigt, das Interesse an seinem Hobby verliert oder keine Lust mehr hat, seine Freunde zu sehen, sollten die Eltern mit ihm eine Fachperson aufsuchen. «Erfahrungsgemäss kann bei rechtzeitiger, sorgfältiger Diagnostik und angemessener Behandlung eine Besserung erzielt werden», sagt der Fachmann.

Wichtig ist auch hier, dass gemeinsam mit den betroffenen Kindern und den Eltern gearbeitet wird. «Damit wieder eine gesunde Lebenssituation entstehen kann, ist es entscheidend, den Eltern in der Fähigkeit, ihr Kind zu unterstützen, beizustehen», sagt Alain di Gallo.

Erstellt: 27.01.2014, 15:51 Uhr

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