«Das Kind sollte ohne Mami oder Papi auskommen»

Tausende von Kindern kommen nach den Sommerferien in die Schule. Primarlehrerin Theresa Zeller gibt Tipps zum grossen Schritt.

Selbstständigkeit ist wichtig für das Selbstbewusstsein von Primarschülern: Kinder im Unterricht. Symbolbild: Keystone

Selbstständigkeit ist wichtig für das Selbstbewusstsein von Primarschülern: Kinder im Unterricht. Symbolbild: Keystone

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Mit dem Wechsel vom Chindsgi in die Schule fängt zurzeit für viele Kinder ein neuer Lebensabschnitt an. Neue Eindrücke, neue Lehrpersonen, neue Gspänli, und häufig ist auch der Schulweg nicht mehr derselbe: Das alles ist eine grosse Herausforderung. Aber nicht nur die Erstklässler und Erstklässlerinnen, auch ihre Eltern sind möglicherweise etwas nervös oder unsicher: Wird sich das Kind in der Schule zurechtfinden? Wie können wir es als Eltern in den ersten Wochen unterstützen? Die wichtigsten Fragen dazu beantwortet Theresa Zeller, 59, die seit 30 Jahren als Primarlehrerin tätig und Mutter von zwei Kindern ist.

Frau Zeller, was sollte ein Kind bei Schuleintritt können, was nicht?
Grundsätzlich muss das Kind weder lesen noch rechnen oder schreiben können. Sehr viel wichtiger ist eine gewisse Selbständigkeit. Es sollte für ein paar Stunden ohne Mami oder Papi auskommen und sich in der neuen Situation mit unbekannten Lehrpersonen und teils neuen Gspänli zurechtfinden. Auch sollte das Kind kleine Aufträge verstehen und verarbeiten und sich für fünf, zehn Minuten auf eine Tätigkeit konzentrieren können. Wichtig sind zudem eine gewisse Frustrationstoleranz und ein bisschen Biss, um an einer Sache dranzubleiben, auch wenn sie nicht auf Anhieb gelingt. Das Allerwichtigste ist aber der «Gwunder» auf die Schule.

Lehrerin mit viel Berufserfahrung: Theresa Zeller ermuntert die Eltern dazu, bei Problemen mit ihr Kontakt aufzunehmen. Foto: Sabine Rock

Weshalb?
Wenn Kinder neugierig und wissensdurstig sind, dann kommen sie gerne in die Schule und finden sich relativ schnell zurecht, auch wenn es im Schulalltag einige Herausforderungen zu bestehen gilt. So zum Beispiel die vielen Schulstunden. Diese haben zur Folge, dass die Erholungszeit sehr viel kürzer ist als im Kindergarten. Aber auch die Grösse des Schulhauses, die vielen anderen und älteren Kinder sowie verschiedene Lehrpersonen und damit verbunden der Schulzimmerwechsel – daran müssen sich die Kinder erst gewöhnen.

Was raten Sie Eltern zur Unterstützung ihrer Kinder in den ersten paar Wochen?
Ganz wichtig ist, dass Eltern ihren Kindern etwas zutrauen. Den Schulweg zum Beispiel. Wenn Mami oder Papi das Kind ständig mit dem Auto zur Schule fahren, signalisiert das, dass sie ihm den Weg nicht zutrauen. Das ist schlecht für das Selbstvertrauen. Das gilt ebenso für andere Bereiche wie zum Beispiel das Packen des Schultheks oder das Erledigen der Hausaufgaben. Da können Eltern anfangs gerne helfen, aber mit der Zeit sollte das Kind das alleine schaffen. Und darf dann zu Recht stolz auf sich sein.

Was tun Lehrpersonen, um dem Kind den Rollenwechsel vom Kindergärtler zum Schüler zu erleichtern?
Tatsächlich ist das ein grosser Schritt. Wir Lehrerinnen und Lehrer bemühen uns deshalb, einen sanften Übergang zu schaffen. Beispielsweise indem wir Lieder aus dem Kindergarten übernehmen. So schaffen wir Kontinuität und sorgen dafür, dass sich die Kinder schneller einleben. Dazu gehören auch Kennenlern-Spiele, damit sich die Kinder rasch ein neues Beziehungsnetz schaffen können.

So ein Schultag ist anstrengend. Wie finden Kinder Entspannung?
Sicher nicht, indem noch zusätzliche Verpflichtungen und Freizeitbeschäftigungen wie Tennisstunde oder Klavierunterricht anstehen. Lassen Sie Ihrem Kind einfach Zeit, viel Zeit, vor allem auch zum Spielen. Ob im Sandhaufen, mit Autos oder Puppen – über das Spiel lernen die Kinder am meisten. Spielen fördert die Motorik, die Raumorientierung und vieles anderes mehr, das zum späteren Schulerfolg beitragen kann. Und nicht zuletzt: Spielen macht Spass. Kinder lernen aber auch viel bei gewöhnlichen Alltagsaktivitäten wie zum Beispiel Rüebli schälen oder das Znünibrot belegen. Auch hier gilt: Trauen Sie Ihrem Kind etwas zu, und geben Sie ihm unter Ihrer Aufsicht auch mal ein Messer in die Hand.

Was tun, wenn das Kind Probleme hat, sei es mit dem Schulalltag, den anderen Erstklässlern oder gar der Lehrperson?
Ich ermuntere die Eltern meiner Erstklässler immer, bei Problemen aller Art so rasch als möglich Kontakt mit mir aufzunehmen. Nach meiner Erfahrung sind es häufig Missverständnisse, die im Gespräch schnell und unkompliziert aus dem Weg geräumt werden können. Andernfalls suchen wir gemeinsam eine praktikable Lösung.

Ein guter Start ist für den weiteren Verlauf der Schulzeit entscheidend. Welches sind die wichtigsten Bedingungen dafür?
Die sogenannte Bindungssicherheit spielt hier eine zentrale Rolle. Kinder, die eine sichere Bindung zu ihren Eltern haben, nehmen ihr Leben aktiv in Angriff, stellen sich schwierigen Situationen wie eben dem Schuleintritt und melden sich, wenn sie überfordert sind. So können sie ihre kognitiven Fähigkeiten, sozialen Kompetenzen und nicht zuletzt ihre Persönlichkeit entwickeln.

Liebe Eltern, nehmen Sie sich Zeit für Ihr Kind.

Wie können Eltern die Bindungssicherheit stärken?
Indem sie die Bedürfnisse des Kindes ernst nehmen, ihm zuhören, nachfragen und offen sind. Die Schule ist jetzt sein Job, je nachdem will es auch darüber reden, erzählen, was es erlebt hat. Und dafür sollten Eltern sich unbedingt Zeit nehmen. Also weg mit dem Handy, für einmal nicht ständig Nachrichten checken oder Anrufe entgegennehmen, sondern sich voll und ganz auf das Kind konzentrieren. Kinder spüren, wenn die Eltern nicht aufmerksam sind, und fühlen sich nicht ernst genommen. Wichtig sind auch gemeinsame Erlebnisse, also zum Beispiel Würstli braten im Wald, zusammen spielen oder basteln, Guetsli backen – was immer allen Beteiligten Spass macht. Hilfreich in Sachen Bindung sind zudem Rituale.

Wie meinen Sie das?
Einerseits können mit der neuen Situation neue Rituale geschaffen werden. Also zum Beispiel ein gemeinsames Zvieri, wenn das Kind nach Hause kommt. Andererseits kann man aber auch lieb gewonnene Rituale beibehalten. Wie beispielsweise die Gutenachtgeschichte.

Sind Schulkinder dafür nicht zu alt?
Keineswegs. Auch Kinder, die bereits in der Mittelstufe sind oder sogar noch älter, lieben es, wenn sie Geschichten erzählt bekommen. Schon beim Spracherwerb spielt das Geschichtenerzählen eine entscheidende Rolle. Aber auch später profitieren die Kinder von diesem Ritual. Der Sinn des Vorlesens ist ja auch, miteinander ins Gespräch zu kommen. Dadurch haben die Kinder die Möglichkeit, in Ruhe von allfälligen Problemen oder auch lustigen Erlebnissen zu erzählen. Und sie lernen, sich zu konzentrieren und zuzuhören, erweitern ihren Wortschatz und fördern die spätere Lesekompetenz.

Wenn Sie als Lehrerin ein paar Wünsche an die Eltern offen hätten, welche wären das?
Liebe Eltern, nehmen Sie sich Zeit für Ihr Kind, sei es fürs Zuhören, für gemeinsame Unternehmungen, zum Spielen oder für die wichtigen Rituale wie eben das Erzählen einer Gutenachtgeschichte. Und trauen Sie Ihren Kindern etwas zu. Die schaffen das!

Erstellt: 19.08.2019, 10:59 Uhr

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