«Entscheidend wäre, deutlich früher zu fördern»

Der Rektor der Pädagogischen Hochschule Zürich, Heinz Rhyn, über den Pisa-Schock, den Einfluss der Schule – und Luca Hänni.

«Andere Länder investieren mehr in die Frühförderung, und das zahlt sich aus», sagt Heinz Rhyn, Rektor der Pädagogischen Hochschule Zürich. Foto: Keystone

«Andere Länder investieren mehr in die Frühförderung, und das zahlt sich aus», sagt Heinz Rhyn, Rektor der Pädagogischen Hochschule Zürich. Foto: Keystone

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Die Resultate der neuen Pisa-Studie schockieren, die Schweiz liegt beim Lesen auf Platz 27 – unter dem Durchschnitt und klar unter Nachbar Deutschland. Wieso?
Ich möchte vorausschicken, dass ich die Pisa-Tests für ein relevantes Instrument halte, an dem man festhalten sollte. Trotzdem darf man die Ergebnisse nicht mit Schlussfolgerungen überladen. Man bedenke: Es sind schweizerische Durchschnittswerte, die Kantone sind aber sehr unterschiedlich unterwegs. Zudem kam es auch in anderen Ländern zu schlechteren Resultaten; allerdings nicht in allen. Vielleicht waren die Aufgaben 2018 schwieriger. Jedenfalls war der Test erstmals nur computerbasiert, was womöglich manchen Schülerinnen und Schülern Probleme bereitete.

Also war doch der Test schuld?
So einfach ist es sicher nicht. Bei der Lese- und Textverständnis-Kompetenz etwa zeigt ein genauerer Blick: Der Leistungsabfall fand bei den sehr schwachen Schülerinnen und Schülern statt. Die starken Jugendlichen erreichten gleiche Werte wie früher. Aber die Gruppe derer, die nicht in der Lage sind, einfache Verknüpfungen zwischen verschiedenen Textteilen herzustellen, wuchs auf 24 Prozent. Das ist besorgniserregend und mag mit den Klassenzusammensetzungen in Zusammenhang stehen.

Inwiefern?
Es gibt mehr Schüler, die zusätzliche Unterstützung brauchen und früher nicht in Regelklassen unterrichtet wurden. Hier sind die Lehrerinnen und Lehrer stark gefordert. Auch fremdsprachige Kinder benötigen häufig mehr Hilfe.

«Andere Länder investieren mehr in die Frühförderung, und das zahlt sich aus.»Heinz Rhyn

Also Rolle rückwärts beim Integrations-Prinzip, weil es im Schulalltag nicht zu bewältigen ist?
Auf keinen Fall! Wir sehen ja: Bei den starken Schülerinnen und Schülern gibt es keinen Leistungseinbruch. Und die schwächeren profitieren insgesamt von der Integration, da sie sich nicht ausgegrenzt fühlen. Was hingegen, gerade bei der Lesekompetenz, entscheidend wäre: deutlich früher zu fördern, besonders die fremdsprachigen Kinder. Andere Länder investieren mehr in die Frühförderung, und das zahlt sich aus. Für den Bereich Lesen gilt erwiesenermassen: Der Einfluss der Schule ist relativ gering. Die Familie, die Kita, die täglichen sozialen Kontakte prägen die Entwicklung sprachlicher Kompetenzen viel stärker. In der Mathematik ist das anders.

Trägt die Schule hier keine Verantwortung?
Doch! Sie kann und muss die Schülerinnen und Schüler motivieren, Anreize bieten, Leselust wecken. Und sie bemüht sich auch darum, von der Gestaltung einladender Leseecken über regelmässige Schulbibliotheksbesuche und die jährliche «Lesenacht» bis zum Einsatz spielerischer Computeranwendungen.

Die Leseaktion ‹Le bruit des pages› im November an einer Primarschule in Nyon: Solche Kampagnen müssen sein, findet PH-Rektor Rhyn. Foto: Laurent Gilliéron (Keystone)

Es scheint nicht so gut zu klappen.
Ein Problem sehe ich darin, dass in der modernen Unterrichtskultur der Wert des Übens ein wenig vergessen geht. Das ist nicht nur beim Lesen zu beobachten. Neue Studien belegen: Ohne Üben geht es nicht, da sich sonst die mühelose Routine nicht einstellt, die für die Lust am Lesen notwendig ist. Die an sich sinnvolle Ablehnung des einfältigen Drills hatte hier einen unheilvollen Effekt. Lesen ist für weniger junge Leute ein Vergnügen als noch vor fünf oder zehn Jahren.

Dafür steigt die digitale Mediennutzung bei den Jungen jedes Jahr.
Das Buch hat viel Konkurrenz bekommen. Mich hat die Aussage des Sängers Luca Hänni Ende Oktober überrascht. Der 25-Jährige sagte, er habe in den Ferien zum allerersten Mal ein Buch gelesen, «Die drei Fragezeichen». In der Schule hätten ihn Bücher nie angesprochen.

«Es wäre nicht förderlich, wenn sich der Unterricht auf das Tablet fokussierte.Heinz Rhyn

Kommt man tatsächlich durch die Schweizer Volksschule, ohne ein einziges Buch ganz gelesen zu haben?
In der Regel sicher nicht. Eine konzentrierte und konsequente Buchlektüre ist notwendig, um Lesekompetenz zu erwerben. Gleichzeitig möchte ich die neuen Medien auf keinen Fall abwerten. Medienkompetenz ist ein zentraler Bestandteil unseres Lehrplans. Für gewisse Bildungsinhalte, wie zum Beispiel den Satz des Pythagoras, mag ein Youtube-Tutorial manchmal sogar besser weiterhelfen als ein Schulbuch. Aber es wäre nicht förderlich, wenn sich der Unterricht auf das Tablet fokussierte und Bücher – Belletristik wie auch Schulbücher – unter ‹ferner liefen› rangierten.

Warum? Ist die Zeit des Buches nicht abgelaufen, verschiebt sich die Kommunikation nicht zunehmend ins Audiovisuelle?
Dann verschöbe sie sich ins Nichts! Ernsthaft: Sprache ist die Grundlage des Denkens. Man kann nicht in Filmen und Bildern denken oder sich austauschen! Wittgensteins Aussage, dass die Grenzen der eigenen Sprache die Grenzen der eigenen Welt bedeuten, hat durchaus ihre Gültigkeit. In der Lernforschung besteht auch ein Konsens darüber, dass ohne das strukturierte Buch, ohne ein haptisches Leseerlebnis oder das Schreiben von Hand Lernstoff viel weniger effektiv abgespeichert wird.

Sänger Luca Hänni las neulich in den Ferien zum ersten Mal ein Buch: «Die drei Fragezeichen». Foto: Keystone

Ist das in den Schulhäusern – wo man häufig auf computerbasiertes Arbeiten sowie zettellastigen Unterricht trifft – angekommen? Andere Kantone haben strengere Schulbuchobligatorien.
In den Schulen hier bestehen wohl grosse Unterschiede. Wir ermutigen unsere Studierenden, in der Praxis sowohl die computerbasierten als auch die physischen Ausgaben der Lehrmittel parallel einzusetzen. Wichtig ist, dass in den Schulen gelesen wird.

Belastet der Unterricht in zwei Fremdsprachen in der Primarschule die deutsche Lesekompetenz?
Im Gegenteil, damit wird das Sprachenlernen unterstützt! Der Zugang zu deutschen Texten wird so nachgewiesenermassen sogar erleichtert. Für die Lehrpersonen – und für fremdsprachige Kinder – können die zusätzlichen Sprachen jedoch tatsächlich eine Herausforderung darstellen.

Was bleibt konkret zu tun?
Ich wünsche mir eine Allianz von Schulen, Bibliotheken, öffentlich-rechtlichen Medien und Elternvereinen, die gemeinsam für das Thema sensibilisieren. Der behutsame Umgang mit Sprache muss in der Erziehung und der Bildung als wesentlich wahrgenommen werden. Es ist von grosser Bedeutung, wie wir miteinander reden. Ein Sensorium dafür entwickelt sich eben auch beim Lesen. Kinder sollen sich nach eigenen Interessen Bücher aussuchen können, und wir müssen ihnen Raum und Zeit fürs Lesen verschaffen. Lesen ist eine sinnvolle Tätigkeit und macht Spass – das sollen sie erfahren. Es ermöglicht ihnen, in neue Welten einzutauchen und spannende Abenteuer zu erleben.

Erstellt: 07.12.2019, 10:09 Uhr

Heinz Rhyn

Geboren 1960, vor der akademischen Karriere als Volksschullehrer tätig, gründete er an der Pädagogischen Hochschule Bern das Institut für Forschung, Entwicklung und Evaluation. Seit 2016 Rektor der Pädagogischen Hochschule Zürich.

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