Er ging nie zur Schule und lernte nur, was Spass machte

André Sterns Ausbildung war definitiv anders. Heute spricht er vier Sprachen und erklärt, wie eine Erziehung ohne Vorgaben funktioniert.

«Ich musste nie um Verantwortung ringen»: André Stern. Foto: Peter Lindbergh

«Ich musste nie um Verantwortung ringen»: André Stern. Foto: Peter Lindbergh

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So nah und doch so verschieden: Es mutet fast wie ein Rätsel an. In ihrer zugleich herausfordernden und zärtlichen Radikalität zeigt sich diese Beziehung zwischen Vater und Sohn erst, wenn man die beiden nebeneinander sieht. Massvoll in Wort und Gestik der Vater, Arno Stern, eher verhalten, aber scharf argumentierend, mit einem Anschein von Strenge im schmalen Intellektuellengesicht unter dem nackenlangen Haar, die aber sofort verfliegt mit dem sanften Klang seiner Stimme. Quirlig, schnell sprechend und hell auflachend dagegen der Sohn André mit seinem orientalisch warmen Blick. Eine heitere Komplizenschaft schwebt über den beiden Männern: förmlich in den kleinen Aufmerksamkeiten – «Möchtest du etwas Wasser, Papa?» – und gleichzeitig total unkonventionell.

«Mein Vater, mein Freund» hiess vor sechs Jahren ein von ihnen gemeinsam verfasstes Buch. Es erzählt und reflektiert eine Beziehung der besonderen Art: zwanglos, autoritätsfrei, von einem absoluten gegenseitigen Vertrauen. Und nun sitzen sie da nebeneinander, schon wieder, immer noch, lebenslänglich, in einem auf allen vier Wänden vom Boden bis zur Decke mit Farbstrichen vollgepinselten Raum einer Parterrewohnung im Pariser Montparnasse-Viertel. Der Vater Arno unterhält dort einen seiner vor fast siebzig Jahren gegründeten «Malorte», ein Atelier zur freien zeichnerischen Persönlichkeitsentfaltung für Kinder und Erwachsene.

«Mein Vater verkörperte für mich nie so etwas wie Autorität.»André Stern

Sich entfalten können ohne Vorgaben und ohne ein vorher definiertes Ziel – das ist das Konzept dieser Malräume – und das war auch das Prinzip, nachdem die Sterns ihren Sohn André und die ältere Schwester erzogen. In Frankreich, wo die Kinder üblicherweise bis nachmittags in der Schule sind, blieben die beiden zu Hause und durften dort ihren eigenen Neigungen nachgehen. Das ist in Frankreich möglich, obligatorisch ist dort nur der Unterricht, nicht der Schulbesuch. Das Lesen, Schreiben, Rechnen und alles Übrige lernen die Kinder am besten in ihrer Obhut, fanden Andrés Eltern.

Sohn André, 1971 in Paris geboren, hat in einem anderen Buch diese Erfahrung beschrieben. «Geschichte eines glücklichen Kindes» heisst es im Untertitel. «Mein Glück?», fragt er zurück: «Es lag darin, dass ich nie um meine Freiheit zu kämpfen brauchte, denn ich hatte sie immer schon. Ich musste nie um Verantwortung ringen, denn man gewährte sie mir. Mein Vater verkörperte für mich nie so etwas wie Autorität, Männlichkeit, Strenge. Er war mir einfach ein Vorbild in allen Dingen und ist das immer noch, in einem Verhältnis des vollkommenen Vertrauens.»

Heitere Komplizenschaft: André Stern und sein Vater Arno sind sich in Erziehungsfragen einig.

Beziehung statt Erziehung, Vertrauen in die im Kind angelegten Fähigkeiten statt Benimmkurs. In ihrem Familienleben setzten die Sterns damit vieles um, was heute als ein modernes Erziehungsideal gilt. Kinder haben von Anfang an eine eigene Persönlichkeit und sind damit kompetente Partner ihrer Eltern, sagt etwa der bekannte Familienpädagoge Jesper Juul. Er plädiert seit Langem dafür, Kinder ernst zu nehmen und sie nicht gleich, aber doch gleichwürdig zu behandeln. Wenige Familien haben das so radikal gelebt wie die Sterns.

Der Sohn hat aus seiner Geschichte eine Art Erziehungskonzept entwickelt, das er in Vorträgen und Schriften vertritt und das ihn bekannt gemacht hat auch in Deutschland. Er wirbt dafür, die Kinder mit ihren jeweiligen Entfaltungsmöglichkeiten so zu nehmen, wie sie sind, und ihnen nichts aufzuzwingen. «Das Spielen ist die einzige wirksame Lernmethode», erklärt er, «die Dinge verankern sich in unserem Bewusstsein erst, wenn sie unsere emotionalen Gehirnzellen anregen. Und ich war dank meinen Eltern in der Lage, diesen Zustand der emotionalen Lernfähigkeit nie verlassen zu müssen.»

Die Sehnsucht nach Freiheit

Konkret sah das so aus, dass er immer tun durfte, wonach ihm der Sinn stand. Dies allerdings tat er spontan jeweils mit voller Hingabe. Seit dem Alter von vier Jahren interessierte er sich für das Gitarrenspiel, vorab Flamenco. Irgendwann wollte er dann auch selbst eine Gitarre bauen und fand im Schweizer Gitarrenbauer Werner Schär einen Lehrmeister, den er in seinem Bündner Bergdorf Andeer weiterhin regelmässig aufsucht. Irgendwann packte ihn auch die Lust an den Sprachen. Neben seiner Muttersprache Französisch spricht er Deutsch, seine Lieblingssprache, Englisch, Spanisch und entdeckte eine Leidenschaft für Latein.

Heute ist André Stern selbst ein Lehrmeister. In seinen Büchern über den Umgang mit Kindern, in seiner Lebensform – er ist selbst Vater von zwei Söhnen – praktiziert er, was sein Vater ihm selbst gewährte: ohne Vorgaben, Erwartungen, Ermahnungen und mit maximaler Freiheit werden lassen, was wird. Er reist um die Welt, vermarktet die Botschaft von dem Kind, das sich aus sich selbst zum Besten entwickelt, füllt damit bei Vorträgen Säle und füllt wohl auch die Köpfe der Zuschauer mit Sehnsucht.

Es ist die Sehnsucht nach Freiheit einer Elterngeneration, die ihre Kinder gerade so ganz anders aufwachsen sieht, nämlich mit langen Schultagen und vollem Freizeitprogramm. Und die Sehnsucht nach tiefer Beziehung, die er mit Sätzen auslöst, wie diesem, der plötzlich aus seinen Ausführungen hervorsticht, sich mit den Farben der Wände in Schwingung setzt und im Geist hängen bleibt: Sein Vater sei ein Vorbild für ihn, «nie aber hätte ich er sein wollen, denn er ist so sehr er, dass er mir Lust gibt, so ich zu sein, wie er er ist». Helles Lachen. Und der Vater lächelt dazu.

Zwölf Jahre auf der Flucht

Was für ein «Er» ist denn dieser Vater? «Bis zu meinem neunten Lebensjahr war meine Kindheit ganz normal», erzählt Arno Stern: geborgenes Zuhause in Kassel, Unternehmerfamilie, sorgloser Alltag, keine Probleme in der Schule. Doch dann sei schlagartig alles anders geworden. Zusammen mit seinen jüdischen Eltern verliess er 1933 Deutschland. Die Familie lebte zunächst unter ärmsten Bedingungen in Frankreich, später flohen sie weiter in die Schweiz. «Trotz der Mühen und Bedrohungen hatte ich aber eine glückliche Kindheit, denn ich lebte in der Geborgenheit meiner Eltern», stellt Arno klar. «Hören Sie?», jubelt André, «zwölf Jahre Flucht, und doch sagt mein Vater, er sei glücklich gewesen. Das Glück hängt für ein Kind mehr von der Haltung als von den äusseren Umständen ab.» Dass vielen anderen die äusseren Umstände nicht erlaubten, lebend davonzukommen, muss allerdings auch Arno Stern zugeben.

Bei der Rückkehr nach Frankreich 1946 hatte der Zweiundzwanzigjährige keine Ausbildung. Er fand eine Anstellung in einem Kinderhilfswerk und beschäftigte die Kleinen mit dem, was vorhanden war: Farbstiftstummel und Abfallpapier. Aus dieser Erfahrung sind später seine «Malorte» hervorgegangen, von denen es inzwischen auch in Deutschland viele Ableger gibt. Es sind leere fensterlose Räume, in denen Kinder oder Erwachsene ohne Anweisung und gegenseitige Begutachtung, aber nach gemeinsamen Regeln drauflospinseln dürfen. «Keinem würde es einfallen, die Zeichnungen der anderen 'schön' oder 'misslungen' zu finden, weil ich selbst nichts beurteile», erklärt Arno Stern.

Als man im 19. Jahrhundert sich für die Welt der Kinder zu interessieren begann, so führt er aus, seien Leute aufgetreten mit der Theorie, Kinder könnten die Dinge nicht richtig darstellen, weil sie sie nicht richtig sähen. Daraus entstand der Zeichenunterricht, mit dem Generationen gequält worden seien. Die Jahre um 1980 aber hätten ein noch grösseres Übel gebracht: die Kunsterziehung. Mit ihr sei den Kindern endgültig das Spiel verdorben worden.

Unheil, Drama, Traurigkeit scheint an dieser Familie spurlos abzurinnen.

Das Spiel, das in der Denk- und Erziehungsweise der Sterns so wichtig ist, will Arno Stern in seinen «Malorten» zurückgewinnen. Vom peruanischen Gebirge bis in die Wüste Mauretaniens und die Wälder Neuguineas hat er das ausprobiert, mit immer demselben Ergebnis: Überall griffen die Kinder spontan nach Pinsel und Farbe, einfach um sich auszudrücken, ohne so etwas wie «schöne Zeichnungen» hervorbringen zu wollen.

Arno Stern erzählt dies alles in einem ausgesuchten Deutsch. Zwar hatte er diese Sprache während des Kriegs als die Sprache seiner Verfolger verdrängt, doch mochte er sie nicht einfach aufgeben – «ich war nicht bereit, mir von Goebbels meine Kultur verderben zu lassen». Auch seinen Sohn André hat er vor seinen Erfahrungen nicht verschont und erzählte ihm früh davon – «seit ich vier oder fünf war», bestätigt dieser.

Ein Hauch von Wunder schwebt über dieser Familie. Unheil, Drama, Traurigkeit scheint an ihr spurlos abzurinnen, zumindest auf männlicher Seite. Die Frauen, Andrés Mutter und Schwester, bleiben seltsam im Hintergrund. Beide wollten nicht an die Öffentlichkeit treten, erklären Vater und Sohn. Seine Tochter sei ihm eine wertvolle Hilfe bei der Organisation der «Malorte», versichert Arno. Mehr ist über die Frauen in der Familie nicht zu erfahren, auch nicht über Andrés Lebenspartnerin und Mutter seiner Kinder.

Freiheit bedeutet nicht Chaos: Ein Kind beim spielerischen Lernen. Foto: Getty Images

Sich miteinander auszusprechen, ist aber zumindest zwischen Vater und Sohn Stern ein Grundanliegen, und das dabei herrschende Vertrauen setzt auch direkt sichtbare Zeichen. Immer, wenn André vom Stuhl aufsteht, um etwas zu holen, legt er im Vorbeigehen seinem Vater liebevoll die Hand auf die Schulter. Konflikte? Habe es nie gegeben, erklären Sohn und Vater unisono. Meinungsverschiedenheiten gewiss, und die seien dann in der Diskussion ausgetragen worden. Auch von Geheimnissen wollen die beiden nichts wissen. «Der Gedanke an Geheimnis weckt in mir Unbehagen», sagt André, «es ist vielmehr so, dass ich, wenn ein Problem auftaucht, zu meinem Vater gehe und es mit ihm bespreche.» Helles Lachen.

Bei so viel Transparenz bleibt für Dinge wie Macht- und Autoritätsanspruch wenig Platz. «Machtausübung – das brauchen wir nicht, weder Kindern noch Frauen gegenüber», erklärt André Stern. Fast noch schlimmer ist für die Sterns aber die antiautoritäre Laisser-faire-Methode der Siebzigerjahre. Bei aller Freiheit brauche Erziehung trotzdem Struktur und Regeln. «Unordnung und Chaos habe ich nie ertragen», sagt Arno Stern. «Das ist falsch verstandene Freiheit, die Kinder unglücklich macht, indem man ihnen keinen Boden unter den Füssen gibt und keine Haltung zeigt.» In seinen «Malorten» etwa darf jeder malen, was er will. Die Pinsel aber haben ihren festen Platz und müssen aufgeräumt werden.

Dissens scheint es für Arno und André Stern nur in Auseinandersetzung mit anderen Erziehungsmethoden zu geben. Untereinander teilen die beiden so verschiedenen Persönlichkeiten die gleichen Werte. Gemeinsam halten sie im Reich der Farben und Töne die Utopie wach. (Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 23.10.2017, 20:54 Uhr

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