«Ich kämpfe für ein Recht auf Bildung»

Shakira betreibt ihr soziales Engagement mit derselben Energie und Bestimmtheit, die sie auch auf der Bühne zeigt. Ein Treffen mit der kolumbianischen Popsängerin und Songwriterin.

Sie bringt viel Engagement und sogar ein Lachen ins Flüchtlingscamp: Sängerin Shakira in Port-au-Prince, Haiti. Foto: Andrés Martínez Casares (Keystone)

Sie bringt viel Engagement und sogar ein Lachen ins Flüchtlingscamp: Sängerin Shakira in Port-au-Prince, Haiti. Foto: Andrés Martínez Casares (Keystone)

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Sie ist klein, aber voller Energie, mit hochhackigen Stiefeln, die ihr dank Absatz und Plateausohle 18 Zentimeter schenken. Shakira mischt Sex-Appeal und Naivität, sie hat ein Mädchengesicht unter der blonden Mähne, ein zartes Lächeln, nichts Bedrohliches. Und für eine Minute bietet die Ikone des südamerikanischen Pop ein Bild, das man nicht von ihr kennt: wenn sie den kleinen Sasha an sich drückt, ihr zweites Kind, geboren im Januar. Das Resultat von «Waka Waka», der südafrikanischen Fussball-Weltmeisterschaft, dem «coup de foudre» mit Gerard Piqué, dem Verteidiger von Barça und der spanischen Nationalmannschaft.

Auf Arabisch bedeutet Shakira «Frau voller Grazie».

Wir treffen Shakira in einem Fünf­sternresort, nicht weit von Barcelona, wo sie mit dem exakt zehn Jahre jüngeren Fussballer eine Familie gegründet hat. Sie gilt als eine, die ihre Balance gefunden hat – zwischen Körper und Intellekt, zwischen sozialem Engagement und Bauchtanz, zwischen Leidenschaft und Disziplin. Ihr Name ist kein Künstlername, sondern inspiriert von ihrer libanesischen Grossmutter: Auf Arabisch bedeutet Shakira «Frau voller Grazie». Sie hat über 60 Millionen Platten verkauft und ein Dutzend Grammys und Billboard Awards gesammelt. Aber heute zählt etwas anderes für sie: Gutes zu bewirken nämlich. Sie hat damit angefangen, als sie noch nicht volljährig war, und wurde mit 26 Jahren zur damals jüngsten Unicef-Botschafterin ernannt.

Die 11-jährige Shakira probt für ihren ersten Auftritt bei «Buscando Artista Infantil».

Frühreif war sie nicht nur in der Freiwilligenarbeit, sondern auch in der Musik. Mit fünf Jahren sang sie bereits in einem Chor, mit acht hatte sie 19 Songs komponiert, mit elf gewann sie den Wettbewerb «Buscando Artista Infantil», den sie auch in den drei folgenden Ausgaben für sich entschied. Mit 14 Jahren nahm sie ihr erstes Album auf. Und mit 18 Jahren gründete sie die nach dem Titel einer ihrer CDs benannte Stiftung Pies Descalzos, nackte Füsse, der bis heute ihr ganzes Engagement gilt.

Fortschritt dank Schule

In Barranquilla, jener kolumbianischen Hafenstadt, in der sie vor 38 Jahren geboren wurde, sah Shakira auf der Strasse verwahrloste Kinder, die den Müll durchwühlten und Leim schnüffelten. «Ich bin aufgewachsen mit sehr starken Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten», sagt sie in einer Mischung aus Spanisch und Englisch. «Die Armut war um mich herum, und sehr früh war mir klar, was es bedeutet, nichts zu haben. Schon damals habe ich mir vorgenommen, etwas zu tun, falls ich einmal Erfolg haben sollte.»

«Bisher haben wir Schulen für ungefähr 7000 Kinder gebaut.»Shakira

Sie hat Wort gehalten: «Ich kämpfe für ein Recht auf Bildung, dafür, dass die Kinder in jeder Ecke dieser Welt in die Schule gehen können. Das ist das beste Instrument für eine friedliche Zukunft; keine andere Massnahme kann in kurzer Zeit zu so konkreten Resultaten führen. Bisher haben wir in meinem Land Schulen für ungefähr 7000 Kinder gebaut, die keine Zukunft hatten, keine Träume; und wir haben Zentren gegründet für die Kleinen zwischen einem und sechs Jahren. Das Resultat sieht man sehr schnell. Kürzlich haben wir zum Beispiel eine Schule eröffnet in der Peripherie von Cartagena, und es ist grossartig, wie mit der Schule die Elektrizität in diese Gegend gekommen ist, das Wasser; es ist eine Gemeinschaft entstanden, die kriminellen Banden sind verschwunden.»

Bewunderung für Obama

Dank ihrer Berühmtheit findet Shakira überall offene Türen. Wer von all den Präsidenten und Friedensnobelpreisträgern, die sie getroffen hat, hat sie am meisten beeindruckt? Sie nennt Obama: «Ich bewundere seinen Einsatz für das Recht auf Bildung, das er in fast allen seinen Reden erwähnt. Er hat die menschliche Fähigkeit, sich auf jeden einzelnen seiner Mitarbeiter einzulassen. Ich bin stolz, für ihn und das Weisse Haus zu arbeiten – indem ich eine Kommission berate in Fragen zur Bildung der hispanischen Bevölkerung in den USA.»

Hat sie auch den Papst schon getroffen? «Noch nicht, aber ich hoffe, dass es bald dazu kommt. Seine Stimme ist eine der wichtigsten in der Welt. Wir brauchen wirklich einen wie ihn, der für jene spricht, auf die sonst niemand hört. Ich möchte, dass er die Sicht jener verändert, die jetzt an den Schlüsselstellen der Macht sitzen.»

«Nach dem Erdbeben in Nepal habe ich gespendet.»Shakira

Shakira, die über 30 Millionen Follower hat, mag ihr humanitäres Engagement nicht ausstellen, aber auf entsprechende Fragen antwortet sie dann doch: «Nach dem Erdbeben in Nepal habe ich gespendet – und über die sozialen Netzwerke auch andere Persönlichkeiten dazu aufgefordert, die angemessen helfen konnten.» Nicht Shakira selbst, sondern die Unicef hat darüber informiert, dass die kurz vor der Geburt ihres zweiten Sohnes lancierte weltweite «Baby Shower» dank Spenden ihrer Fans und denjenigen ihres Mannes 150 Millionen Dollar gesammelt hatte: Genügend Geld für 130'000 Impfungen gegen Kinderlähmung und Masern und für therapeutische Lebensmittel für 15'000 Kinder.

Die Gesellschaft baut auf Frauen

Sie kämpft für die Rechte der Frauen und noch mehr für diejenigen der Mädchen, doch mag sie sich nicht als Feministin definieren, «lieber als Frau, in Anerkennung der Tatsache, dass Frauen die Säulen sind, auf die unsere Gesellschaft baut». Und was gibt ihr am meisten Energie? «Die Liebe. Mich geliebt zu fühlen. Dafür stehe ich am Morgen auf. Gerade weil es Zeiten gegeben hat, in denen ich nicht geliebt wurde; ich weiss, wie traurig das ist. Jetzt habe ich eine Familie und die Liebe eines Mannes: Mehr kann ich mir nicht wünschen.»

Der selbst in Kolumbien geborene Schriftsteller Gabriel García Márquez, ihr Freund und Bewunderer, nannte Shakira eine «Mauer aus Granit». Ihrer Bestimmtheit wegen, die sie in sozialen Angelegenheiten ebenso zeigt wie auf der Bühne. «Niemand singt und tanzt wie sie, mit einer so unschuldigen Sinnlichkeit», hielt der Nobelpreisträger nach einem ihrer Konzerte fest. Sie revanchierte sich, indem sie die Musik zur Verfilmung seines Romans «Die Liebe in den Zeiten der Cholera» schrieb.

Aus dem Italienischen von Susanne Kübler.

Erstellt: 19.07.2015, 18:07 Uhr

Kooperation

Copyright «La Repubblica».
Übersetzung: Susanne Kübler.

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